Ein muslimischer Personalismus als Basis für eine gemeinsame humane Zukunft von Orient und Okzident? Lahbabis vernunftbegründete Religionsphilosophie dringt in den deutschen Sprachraum ein

Ein philosophischer Kontrapunkt zu Huntingtons Kulturkampfthese

Das vermeintliche prinzipielle Gegeneinander der westlichen und der islamischen Zivilisation wird von einigen populären westlichen Intellektuellen wie Samuel Huntington neben der Historie  aus einem angeblich reduzierten Freiheitsbegriff im Islam herauszuinterpretieren versucht, der von den Gläubigen eine kritiklose Autoritätshörigkeit fordere, die dem Freiheitsgedanken der Aufklärung entgegenstehe. In der Tat dominierte die als taqlid bezeichnete kritiklose Übernahme der Positionen frühislamischer Lehrautoritäten über Generationen die islamische Gelehrsamkeit und war zweifellos eine der Ursachen für die im Verhältnis zur Islamischen Zivilisation unübersehbare neuzeitliche europäische Fortschrittlichkeit, mit der die Europäer den größten Teil der Arabischen Welt, aber auch zahlreiche andere, vor allem islamisch geprägte Nationen in Afrika und Asien bis Mitte des 20. Jahrhunderts kolonisieren und kulturpolitisch bevormunden konnten. Dass der muslimisch dominierte Orient dennoch bis in die Gegenwart hinein ein emanzipatorisches Menschenbild kennt, welches den Menschen als rational handelnde, kommunizierende und freiheitsorientierte Person definiert, ist in besonderer Weise dem marokkanischen Religionsphilosophen und Literaten Mohamed Aziz Lahbabi (1923-1993) zu verdanken.

Durch die Erfahrung im intellektuellen Widerstand gegen die französische Protektoratsherrschaft seines Landes ebenso geprägt wie vom christlich-westlichen Personalismus, den er während seiner zeitweiligen Emigration in Frankreich kennen lernte, vertrat Lahbabi einen progressiven muslimischen Personalismus, der ihm als Grundlage einer antikolonialen muslimischen „Befreiungsphilosophie“ diente und zugleich für die gleichberechtigte Begegnung von Orient und Okzident die Perspektive bietet. Als erster Lehrstuhlinhaber an der Philosophischen Fakultät der Mohammed V- Universität Rabat ist Lahbabi in seinem Heimatland und darüber hinaus im gesamten Maghreb ebenso ein hochgeschätzter Denker und Literat wie im französischen Sprachraum.

Östlich des Rheins sind seine auf arabisch oder französisch verfassten Werke und darin geäußerten Leitgedanken bislang jedoch nur den wenigsten bekannt. Die aktuelle, in Politik wie Kirchen in Deutschland geführte Debatte um einen Kulturdialog zwischen Westen und Islam veranlasste den Beauftragten für den christlich-islamischen Dialog des Erzbistums Paderborn, Markus Kneer, nun aber, für besonders bedeutsam erachtete philosophische Werke Lahbabis ins Deutsche zu übersetzen und anhand dieser seinen Landsleuten zu vermitteln, dass emanzipatorisches Denken und ein gehobener Stellenwert des Ich als Person erst im religiösen Glauben und hiervon ausgehend im gesellschaftspolitischen Agieren im Sinne der Gemeinschaft mit anderen seine volle Kraft entfaltet.

In der Einleitung der unter dem Titel „Der Mensch: Zeuge Gottes – Entwurf einer islamischen Anthropologie“, unterstützt von der Georges Anawati Stiftung, herausgebrachten Werkzusammenstellung erläutert der Übersetzer die Grundlage von Lahbabis im Islam verwurzeltem philosophischen Denken und stellt den historischen Kontext heraus, in dem der marokkanische Autor seine Ideen aufgenommen und publiziert hat. Das muslimische Glaubenszeugnis, die shahada, interpretierte Lahbabi dabei als intellektuelle und moralische Basis, von der aus er seine islamische Anthropologie ableitete.

Um möglichst nahe an Lahbabis Islamverständnis zu bleiben, hat Kneer die zur Untermauerung der philosophischen Ideen und Leitthesen verwandten Koranzitate nicht eigenständig aus dem Arabischen ins Deutsche übersetzen lassen, sondern sich hierbei an der französischen Übersetzung von Lahbabi  selbst orientiert. Vollständig auf Deutsch übersetzt liegen nun Lahbabis bedeutendstes Werk „Der muslimische Personalismus“ und drei weitere für das Verständnis seines Denkens zentrale Werke vor. Hierbei gelangt Lahbabis Auflösung des vermeintlichen Gegensatzes zwischen der Betonung des Ich als Person und der Orientierung an der Gemeinschaft mit anderen zum Ausdruck.

Lahbabi baute seine Philosophie auf zentralen Gedanken islamischer Philosophen sowohl des Mittelalters wie Avicenna, Averroes und Ibn Khaldun, als auch der Moderne wie Muhammed Iqbal, Jamal ad Din Al-Afghani und Rashid Rida auf, lehnte sich aber ebenso an die französischen Humanisten wie Henri-Louis Bergson und Emmanuel Mounier an. Hiervon ausgehend kritisierte der marokkanische Gelehrte depersonalisierende Strukturen, die er sowohl in der islamisch-orientalischen Gesellschaft wahrnahm als auch im christlich geprägten Europa der 1950er und 1960er Jahre. Diesem stellte er den von ihm entwickelten fortschrittsorientierten Personenbegriff gegenüber, der sowohl für die islamische als auch die westliche Zivilisation  eine Befreiungsbewegung initiieren könne, die sich nicht mit der inneren Befreiung des Individuums zufrieden gebe, sondern darüber hinaus die äußeren Umstände für Freiheit herzustellen beanspruche.

Das Personenverständnis des Islam biete hierfür die Grundlage. Das Individuum trete als eigenständige Person aus dem Stammeskollektiv heraus und vollziehe in seiner Bezeugung des Glaubens an den einzigen Gott einen konstitutiven Akt der Personenwerdung. Weil es seinen Prozess der Personenwerdung zugleich in der Kommunikation mit anderen, die im Islam vor Gott als gleichrangig angesehen sind, erfahre, sei durch die Islamisierung die Basis für eine Überwindung der Sklaverei und die gesellschaftliche Gleichstellung verschiedener Stammeszugehörigkeiten, Rassen sowie der beiden Geschlechter gelegt worden. Auf diesem Fundament ließen sich, Lahbabi zufolge, auch gegenwärtige politisch-gesellschaftliche Ungerechtigkeiten wie die Abhängigkeit der Dritten Welt von westlichem Kapital  überwinden und hiervon ausgehend die verschiedenen Zivilisationen als gleichberechtigte Partner im Sinne einer gemeinsamen globalen Zukunft zusammenführen.

 Rationalität als Markenzeichen einer islamisch begründeten Fortschrittsethik

Lahbabis Grundrespekt gegenüber der abendländischen Philosophie und ihres geistigen Gerüsts für die gegenwärtige Fortschrittlichkeit des Okzidents in ökonomisch-technologischer Hinsicht hat ihn nie dazu verleitet, seine eigene Gesellschaft zur unreflektierten Nachahmung westlicher Weltanschauungen aufzufordern. Vielmehr erkannte er im islamischen Menschenbild ein egalitäres Element, dass er im frankophonen katholischen Christentum vermisste. Anders als die römisch katholische Kirche kenne der Islam die Erbsünde nicht und treffe auch keine Unterscheidung zwischen Laie und Klerus in der Beziehung zu Gott. Jedes gläubige Individuum bekenne sich unabhängig von anderen zur Wahrheit und lege vor dem Schöpfer Himmels und der Erden eigenständig sein Zeugnis ab.

Diese Autonomie des einzelnen Muslims lege zudem die eigenständige Suche nach einem Zugang zum Wort Gottes nahe.  Gott und seine Propheten sind diesem Verständnis nach die einzigen absoluten Autoritäten. Der Einzelne sieht sich dementsprechend aufgefordert, im rationalen, kontext- und gesellschaftsbezogenen Handeln den Willen des Schöpfers zur Geltung zu bringen. In Anlehnung an Mounier versteht Lahbabi die Person als schöpferischen Prozess mit dem Primat des Geistigen und erkennt gerade für die religiöse Person die Vernunft als zentralen Wert an. Mit der ijtihad, der zeit- und gesellschaftsbezogenen  Neuauslegung von Koran und Sunna besitze der Muslim ein Instrument, seine religiösen Aufforderungen rational im Dienste seiner selbst als Person wie der Gemeinschaft mit Mitmenschen einzusetzen.

Lahbabi kritisiert die unter islamischen Gelehrten lange Zeit dominierende Auffassung, das Tor zur ijtihad sei geschlossen und die unreflektierte Nachahmung der Erkenntnisse von Lehrautoritäten aus der Vergangenheit das einzige Erfordernis des Muslimen. Diese Sichtweise habe in der muslimischen Gesellschaft eine Autoritätshörigkeit bewirkt, die dem eigentlichen islamischen Personenbegriff in keiner Weise gerecht werde. Hierfür weist Lahbabi der sufistischen Mystik eine wesentliche Verantwortung zu. Dieser stellt er die Salafiyya gegenüber, die zu den ursprünglichen islamischen Quellen zurückführe und das Tor des ijtihad wieder öffne. Das im Westen vielfach vorherrschende Bild der Salafiten mit Rückwärtsgewandtheit sucht Lahbabi zurecht zu rücken. Zudem begreift er die Philosophie als Schwester der Religion, die uns Menschen dazu bringe, die göttliche Wahrheit aus den verschiedensten Blickwinkeln zu erfahren.

Für Lahbabi steht die Vernunft auch im unmittelbaren Bezug zur Religion immer im Mittelpunkt. Sie ermögliche, Gottes Wort zu verstehen, indem die Rationalität innerhalb der islamischen Lehre erkannt und aufgezeigt werde. Die muslimische Person lasse andere durch eigenes islamkonformes Handeln den Islam verstehen. In diesem Sinne bilde die Religion ein verbindendes Element für eine menschliche Gemeinschaft und verhindere eine Erstarrung des gelebten Glaubens. Durch permanente ijtihad und rationale Reflexion überschreite sich die religiöse Person permanent selbst, entwickele ihren eigenen Glauben  weiter und trage die ethische Grundlage für gemeinschaftlichen humanen Fortschritt in sich.

Die übersetzt vorliegenden Essays über den Menschen veranschaulichen die von Lahbabi favorisierte diskursive Koranauslegung im Sinne von Menschlichkeit. Sie stützen sich auf die göttliche Güte (rahma) und postulieren eine göttliche Garantie für die Menschenrechte. Trotz aller Erfahrungen des Bösen, der Schuld, der Angst und nicht zuletzt der Erniedrigung durch Dritte (z.B. im Kolonialismus, aber auch in den postkolonialen Regimen der Arabischen Welt) verheißt Lahbabis an den Salafiten orientierter islamischer Rationalismus eine Zukunft, in der Gottesliebe und Menschenliebe eine  Einheit bilden.  Die Aussicht auf diese Zukunft bedeutet demnach nicht nur für das einzelne Individuum eine hoffnungsvolle Perspektive, sondern darüber hinaus für die menschliche Gemeinschaft insgesamt. Lahbabi versteht sie als Grundlage einer freiheitlichen, jedoch nicht wertfreien Gesellschaft, die sich immer wieder im Sinne ihrer kollektiven Freiheit engagiere und die Basis einer humanen Weltordnung bilde, in der ein jeder den anderen als freies emanzipiertes gleichrangiges Mitglied achte.

Lahbabis Personalismus tritt an die westliche Zivilisation heran und fordert sie auf, sich von dem Superiorismus, der für den Kolonialismus die geistige Voraussetzung schuf, ebenso zu befreien wie von einer Unterwerfungsmentalität, die Diktaturen gleichermaßen den Aktionsradius erweitert wie menschenfeindlichen multinationalen Konzernen und Kapitalgesellschaften. Gerade in Deutschland, wo eine auf Superiorismus basierende Ideologie einhergehend mit der Deklarierung von Nichtdeutschen bzw. „Nichtarierern“ als „minderwertig“  in der Historie sich in einem Welteroberungs- und Weltbeherrschungswahn ausgedrückt hat und im institutionalisierten Massenmord ihren Höhepunkt fand, kann Lahbabis vernunftgeleiteter, an die gesamte Menschheit gerichteter Personalismus einen Denkprozess initiieren, der jeglichem kollektiven Überheblichkeitsbewusstsein entgegenwirkt.

Mohammed Khallouk

Dieser Artikel wurde am 12.11.2011 bei http://islam.de/19232.php veröffentlicht.


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Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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