Gewalttätiger Islamismus als Indikator einer Verliererzivilisation?

Westliche Phänomene als Erklärungsmuster für „antiwestlichen Islamismus“

In seinem Essay „Schreckensmänner – Versuch über den radikalen Verlierer“ interpretiert Hans Magnus Enzensberger den Amokläufer, der in einer geplanten, für die Betroffenen unvorhersehbaren Kurzschlusshandlung

andere Menschen und zugleich sich selbst tötet, als Paradebeispiel des „radikalen Verlierer“.[1] Der Gesellschaft, in der er gescheitert sei, beabsichtige er, durch jenen furchterregenden Akt ihre Verwundbarkeit zu beweisen, um sich zugleich aus jener Welt, die ihm den Erfolg verwehre, mit einem letzten Ausrufezeichen zu verabschieden.

Der Autor rückt die Tatsache in den Blickpunkt, dass radikale Islamisten bei ihren Anschlägen ebenfalls nicht nur den massenhaften Tod anderer, sondern die gleichzeitige Auslöschung des eigenen Lebens billigend in Kauf nehmen oder sogar beabsichtigen und jene Selbstmordanschläge sowohl hinsichtlich Häufigkeit als auch Opferzahlen die gewöhnlich von Einzeltätern im Westen begangenen Amokläufe bei weitem übertreffen. Aus dieser Erkenntnis folgert er, jene gewaltbereiten Islamisten seien das Resultat einer Zivilisation, die von ihrem kulturell-religiösen Fundament her eine solche „Verliereridentität“ geradezu produziere.

Wie ein amoklaufender Gymnasiast sich an den Erziehern in seiner Schule zu rächen glaube, die sich nicht in der Lage gezeigt hätten, ihn angemessen zu fördern, gelte die Rache der Islamisten dem Westen, der die islamische Civil Society bereits seit Jahrhunderten in allen gesellschaftlich messbaren Indikatoren von Wissenschaft, über Literatur und Ökonomie bis zur politischen Entwicklung kaum einholbar abgehängt habe. Dieses Bewusstsein, in der profanen Welt kollektiv zurückzustehen und von der außerislamischen Zivilisation abhängig zu sein, erzeuge nach Enzensberger das Bedürfnis, den „Gewinnern“ zu demonstrieren, dass ihr „Gewinnerstatus“ einem irdischen endlichen Leben entspringe, über das man ebenso verfüge wie über das eigene, Gott gegebene Schicksal.

Kann es als angemessen bewertet werden, ein in der sogenannten „Gewinnerzivilisation“ beobachtetes, mit der Erfahrung persönlicher individueller Niederlagen assoziiertes Phänomen mit politisch-religiös gerechtfertigten, in einer außerwestlichen Gesellschaft entstandenen Aktionen zu vergleichen? Unbestreitbar tötet in beiden Fällen der Akteur nicht nur andere, sondern gleichermaßen sich selbst. Während aber ersterer Täter lediglich als Opfer seines eigenen gesellschaftlichen Scheiterns charakterisiert wird, beweise letzterer nach Auffassung Enzensbergers zugleich die „zivilisatorische Niederlage“ der gesamten Islamischen Welt und darüber hinaus die Lebensfeindlichkeit des Islam.

Abgesehen davon, dass jene, fast ausschließlich im Westen anzutreffenden Amokläufe nach dieser Interpretation eine abqualifizierende Aussage des Abendlandes gegenüber dem Morgenland, wo sie kaum anzutreffen sind, nahe legten, erscheint der von Enzensberger hergestellte Kausalzusammenhang zwischen dem gehäuften Auftreten von Selbstmordattentaten in der gegenwärtigen Islamischen Welt und ihrer vermeintlichen oder tatsächlichen zivilisatorischen Rückständigkeit sehr verallgemeinert und pauschalisiert. Hinzu kommt, dass Enzensberger selbst darauf hinweist, dass die Organisation und das Know-How der islamistischen Selbstmordanschläge an zerstörerischer Qualität und Zielbewusstsein jene Amokläufe ebenso wie die Anschläge extremistischer westlicher Bewegungen bei weitem übersteigen. Zudem werden sie zumeist gerade von jener Minorität verübt, welche über die modernen Bildungschancen verfügt, die der arabischen Majorität Enzensberger zufolge von den eigenen Herrschaftseliten vorenthalten würden. [2]

Weshalb sollte jemand sich für einen „Verliererstatus“ rächen, der zumindest innerhalb seiner Zivilisation objektiv zu den Gewinnern zählt? Der Autor berücksichtigt nicht, dass für jene islamistischen Aktivisten die nach außen vermittelte existenzielle Botschaft sich als bedeutender erweist als eine aufs Diesseits bezogene Karriere. Schließlich beanspruchen sie mit ihrer Gewalt, sich für die allgemeine Ungerechtigkeit gegenüber den Muslimen als Kollektiv zu opfern. Im Gegensatz zu Enzensbergers Vorwurf einer egozentrischen Überheblichkeit, die sich für die Nöte der Mitmenschen nicht interessiere, existiert gerade bei jenen Tätern ein ethisches Bewusstsein, das sie glauben, mit ihrer Tat öffentlich zum Ausdruck bringen zu können.

Enzensberger nimmt ausschließlich die „menschenverachtende Tat“ als solche zur Kenntnis und wähnt darin – sofern sie von Muslimen oder Arabern begangen wird – die Rechtfertigung für seine augenscheinlich bereits vorhandene reservierte Einstellung gegenüber dem Islam im Allgemeinen und dem Islamismus im Besonderen. Obwohl der Autor die von Islamisten verbreiteten Verschwörungstheorien gegenüber dem Westen oder den Juden mit der „Sündenbocksuche“[3] seitens hiesiger Kommunisten und Nationalsozialisten vergleicht, wäre er niemals auf die Idee gekommen, hieraus Rückschlüsse auf die deutsche oder westliche Kultur zu ziehen. Offenbar liegt sein Interesse nur vordergründig in einem tiefergehenden Verständnis der Leitmotive von islamistischen Selbstmordattentätern, vielmehr verbirgt sich dahinter ein publizistischer Rechtfertigungsversuch der eigenen Voreingenommenheit gegenüber dem Islam als Religion.

Mixtur aus statistischen Fakten und Halbwahrheiten

Enzensberger vertritt die These einer zivilisatorischen Rückständigkeit der Arabischen Welt basierend auf dem nach wie vor dominierenden Einfluss des Islam, die sich in der islamistischen Gewalt manifestiere. Zu ihrer Untermauerung führt er Koranzitate und Statistiken des Arab Human Developement Report (AHD) an. Belegten jene Zitate die generelle Feindseligkeit des Islam gegenüber Christen- und Judentum[4] und eine herabwürdigende Rollenzuweisung der Frau im Islam, wird auf die Statistiken des AHD Bezug genommen, um zu demonstrieren, welches fatale Ergebnis das islamische Gesellschaftsideal insgesamt hervorgebracht habe.[5]

Der Autor setzt auf diese Weise eine gegenwärtig verstärkt anzutreffende, reaktionäre Islamauslegung mit dem Islam als Religion und seinem Schrifttum gleich. Zwar versäumt er es nicht, zu erwähnen, dass in der frühislamischen Historie die orientale Zivilisation der okzidentalen eindeutig überlegen gewesen war. Die nostalgische Erinnerung der gegenwärtigen Muslime an jenes Zeitalter interpretiert er sogar als Nährboden für die islamistischen Verschwörungstheorien, sucht allerdings die Ursache für die neuzeitliche Stagnation ausgerechnet in jener Religion, welche die frühislamische arabische Gesellschaft zu ihrer von ihm unbestritten damaligen Progressivität geführt hatte.[6]

Er vertritt sozusagen den umgekehrten – und diesem Fall sogar unlogischen – Determinismus wie die Islamisten. Wähnen jene in einer Rückkehr zum „urislamischen Prinzip“ die Quelle für den neuzeitlichen Fortschritt, legt seine Interpretation nahe, dass erst die kollektive Distanzierung vom Islam Progressivität verspreche. Seiner eigenen Analyse, wonach die islamistischen Selbstmordattentäter in einem Milieu des „Glaubens aus zweiter Hand“ gedeihten, folgt er mit dieser These erst recht nicht.

Hieran wird deutlich, dass der Autor durch die Vermischung unbestreitbarer wissenschaftlich erwiesener Fakten mit seiner subjektiven ressentimentbeladenen Sichtweise eine in Teilen durchaus bedenkenswerte Gesamtanalyse entwertet. Mag es in der Tat einen interessanten Aspekt darstellen, dass Menschen, die sich oder ihren Kulturkreis von der Öffentlichkeit als zu gering eingestuft wahrnehmen, mit medialen Aktionen sich selbst und der Außenwelt ihr tatsächliches Gewicht zu beweisen abzielen. Enzensbergers Täterprofil ist aber zu pauschalisiert, um daraus eine wissenschaftlich verwertbare Aussage zu treffen.

Wenn der Literat darauf abhebt, dass die Majorität der Selbstmordattentäter männlichen Geschlechts sei und dies mit einer „verinnerlichten, zugleich jedoch gekränkten Männerrolle“ erklärt, entgeht ihm offenbar die ebenso nachweisbare Zunahme weiblicher Aktivistinnen, die er nur in Tschetschenien und Palästina als „die Regel bestätigende Ausnahmen“ zur Kenntnis nimmt.[7] Ein Verhältnis zu der gleichfalls festgestellten Überrepräsentanz von Männern in herausgehobenen Positionen der gegenwärtigen muslimischen Gesellschaften vermag er ebenso wenig herzustellen. Folgte hieraus doch, dass die „tatsächlichen Verlierer“ die Frauen wären, denen er die vornehme Zurückhaltung in dieser Hinsicht attestiert.

Auf den nahe liegenden Gedanken, dass in einer Civil Society, in der ohnehin Männer die „politisch Aktiveren“ darstellen oder darstellen dürfen, sich dieses Verhältnis der politischen Aktivität ebenso auf politische Gewaltakte bezieht, kommt Enzensberger nicht. Er müsste sich nämlich eingestehen, dass jene „Schreckensmänner“ keine „radikalen Verlierer“ verkörpern, sondern intelligente, politisch interessierte Zeitgenossen, die allerdings in ihrer Mittelwahl andere ethische Maßstäbe für sich als gültig betrachten als die gesellschaftliche Majorität im Westen wie in der Islamischen Welt. Hierin unterschieden sie sich keineswegs von männlichen und weiblichen Regierungsverantwortlichen in beiden Zivilisationen, die Gewalt – zumindest hinsichtlich der absoluten Opferzahlen – in weit größerem Maße als Methode politischer Machtdemonstration und -ausübung einsetzen.

Ein Lösungsweg wird nicht aufgezeigt

Dem Autor muss zu Gute gehalten werden, dass er die Problematik, in der sich die gegenwärtige Islamische Welt befindet, vollständig darstellt. In der Tat erweist sich die Erkenntnis, dass die eigene Zivilisation in der Vergangenheit die weltweite wissenschaftliche und technologische Entwicklung bestimmte, nun jedoch seit mehreren Jahrhunderten nur noch die im Westen entstandenen Innovationen nachvollziehen kann, als ein Antrieb für die nostalgische Rückschau in die frühislamische Epoche. Sie geht einher mit dem Bestreben der Islamisten, über die Rückkehr zum buchstabengerechten Islam jene zivilisatorische Dominanz wiederzuerlangen.

Das Fehlen von Pluralismus und argumentativem Diskurs wird ebenfalls zu Recht als eine tatsächliche Ursache für ausbleibende Progressivität herangezogen, wenngleich der Autor daraus die überproportionale Häufigkeit der Selbstmordattentate in der aktuellen islamischen Civil Society gegenüber anderen Gesellschaften nicht plausibel erklären kann. Zudem differenziert er nicht zwischen dem durchaus breiten Spektrum des Islamismus und jenen extremistischen Gewalttätern, die innerhalb dieses Spektrums lediglich eine Minorität repräsentieren. Insgesamt fehlt seinem Buch eine Perspektive, wie die Islamische Welt die ihr attestierte „Verliererrolle“ zu überwinden in der Lage ist. Weder wird aufgezeigt, wie jener islamistischen Gewalt ohne staatliche Gegengewalt begegnet werden kann, noch ein Konzept präsentiert, das im islamischen Rahmen Demokratie, Menschenrechte und zivilisatorischen Fortschritt zu erreichen verspricht.

Ohne einen Lösungsweg zu seiner Überwindung erweisen sich Enzensbergers Erklärungsversuche eines wahrgenommenen Zeitphänomens als wenig gewinnbringend. Was nützt ein psychologisches Ergründen von Tatmotiven, wenn man dadurch nicht in die Lage versetzt wird, das Entstehen weiterer Taten und Täter zu verhindern? Es lässt sich der Eindruck nicht verdecken, der Autor sah sich genötigt, zu einem Thema, das ohnehin die Medien beherrscht, einen weiteren Beitrag hinzuzufügen. Die Aktualität wird auf diese Weise nicht erhöht. Gerade ein vielgelesener Zeitgenosse wie Enzensberger sollte sich bei Themen zurücknehmen, zu denen er sich nur aus seiner subjektiven, im westlichen Kulturkreis entstandenen Perspektive zu äußern in der Lage weiß, andernfalls entwertet er seine, auf die eigene Umwelt bezogenen fundierten Statements. Mit dem Buch „Schreckensmänner“ jedenfalls ist Enzensberger weder ein weiterer literarischer Klassiker gelungen noch vermittelt er bedeutsame neue Erkenntnisse zum beschriebenen zeitgeschichtlichen Phänomen.


[1] Enzensberger, Hans Magnus: Schreckensmänner, S.11

[2] ebd.: S. 45

[3] ebd.: S. 21

[4] ebd.: S. 39

[5] ebd.: S. 36

[6] ebd.: S. 31

[7] ebd.: S. 46

Mohammed Khallouk

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Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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