Das Bewusstsein für die Differenz ermöglicht Gemeinschaft Derridas Dekonstruktionslehre als Fundament einer Multikulturellen Gesellschaft?

Übergeordnete Leitkultur oder Kulturpluralismus?

Der aus Algerien stammende, französisch-jüdische Philosoph Jacques Derrida (1930-2004) hat mit seinem Postulat zu einer „Dekonstruktion“ eine theoretisch- philosophische Grundlage gelegt, von der aus dem Begehren des Subjekts, sich zum Fundament eines universellen räumlich wie zeitlichen Normierungsmaßstabs zu erklären, entgegengetreten werden kann. Rassisch, kulturell, religiös oder politisch gerechtfertigte Konflikte resultieren gewöhnlich aus dem individuellen wie kollektiven Streben, die eigenen Charakteristika zur universellen Gültigkeit zu erheben und jeglicher Andersheit entweder ihre Berechtigung zu entziehen oder diese zur Unterordnung unter das eigene Moral- oder Gerechtigkeitsverständnis zu drängen. Gegenwärtig erleben wir diese Tendenz in unseren westlichen Gesellschaften, wenn Immigranten aus divergentem kulturellen Umfeld zur Antizipierung einer „Leitkultur“ aufgefordert werden, oder in noch stärkerem Maße, wenn unser Politik-, Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell außerwestlichen Zivilisationen zur Nachahmung nahegelegt wird. In den orientalischen Civil Societies äußert sich diese Zurückweisung von Differenz aktuell, indem außerhalb des eigenen Kulturkreises entstandene Denkrichtungen unreflektiert als „den eigenen religiösen Wertmaßstäben entgegenstehend“ abqualifiziert werden. Dieser normative Beherrschungsversuch eines kollektiven Subjekts erzeugt Widerstand, der sich gleichermaßen in Phänomenen wie der Fremdenfeindlichkeit oder dem gegen westliche Gesellschaftsnormen gerichteten Islamismus manifestiert, die von einer Überhöhung des Subjekts gegenüber der Differenz geleitet sind.

Erst die Ungleichheit bringt Identität hervor

Jene Intoleranz gegenüber Differenz vom eigenen subjektiven Wertempfinden entstammt nach Derrida einem  metaphysischen Selbstverständnis des Subjekts, wie es in der traditionellen abendländischen Philosophie bislang vorherrschend war und dessen Auswirkung in der Ausgrenzung von Anderssein und Andersheit er als Angehöriger einer Minorität seit seiner Kindheit erfahren musste. Besonders die Erlebnisse des unter dem Einfluss der deutschen nationalsozialistischen Besatzungsmacht stehenden Vichy – Regimes, das ihn als „Nichtarier“ vom Zugang zu allgemeiner schulische Bildung auszuschließen beanspruchte, hat Derrida zur Erkenntnis geführt, dass ein Denken, welches das eigene Subjekt als „Vorsehung“ zum übergeordneten Maßstab erhebt, ein auf gegenseitigem Respekt basierendes Zusammenleben in einer heterogenen Gemeinschaft auf Dauer ausschließt. Stattdessen bleibt das Subjekt immer an  die zeit- und ortsabhängigen Konditionen gebunden. Seine Identität erwächst erst aus dem Bewusstsein für die Differenz. Was als „positiv“ oder „gerecht“ erfahren wird, ist notwendigerweise abhängig von den Konstitutionsbedingungen, sowie vom gesellschaftlichen Kontext.

Derrida konnte diese, aus der Differenz erwachsene, Identität in besonderer Weise verinnerlichen, da er nicht nur als Jude stets einer nicht in eine „Leitkultur“ aufzugehen bereiten Minorität mit ihren eigenen Normen und Werten angehörte, sondern in seiner Kindheit und Jugend in Algerien mit divergenten Begriffen von Gerechtigkeit, Politik oder universeller Bildung konfrontiert war gegenüber jenen später in Paris. Zugleich erkannte er, dass diese eigenständige Definition und Festsetzung von Normbegriffen der französischen wie der algerischen Kultur erst ihre spezifische Eigenart gegeben hatte und auf diese Weise die Identifikation mit dem jeweiligen Lebensumfeld ermöglichte.  Aus dieser Gebundenheit an eine spezifische Kulturgemeinschaft heraus, in der er mit seiner Einzigartigkeit Akzeptanz erfuhr,  fand sein eigenes Ich erst sein Selbstwertgefühl. Ein Bestreben, im Gegenzug seine singulären subjektiven, sowie letztlich von den Konstitutionsbedingungen abhängigen Wünsche und Bedürfnisse auf diese Umwelt zu übertragen, wurde dadurch ausgeschlossen. Indem man erst aus der Differenz heraus seiner Stellung in der Gesellschaft bewusst wird, erfährt diese Differenz selbst die Funktion eines Wertes und jeglicher Tendenz, den Anderen nur als Ebenbild des eigenen Ego zu akzeptieren, wird entgegengewirkt. Vielmehr setzt man sich für den Erhalt der materiellen und auch ideellen Bedürfnisse des Anderen ein, obwohl – oder vielleicht sogar gerade weil – sie aus nicht konvergenten Konstitutionsbedingungen entstanden sind.

Derrida hat Zeit seines Lebens für diejenigen Partei ergriffen, die sich nicht in einer von außen vorgegebenen Schablone einzupassen bereit waren, weil sie sich ihrer Differenz bewusst waren und erst hieraus eine Sinngebung für sich und für das Kollektiv herauszogen. Sein besonderer Einsatz für tschechische Intellektuelle in der Zeit des real existierenden Sozialismus lässt sich nicht zuletzt aus seiner Wertschätzung für jene bekennenden Individualisten verstehen, die sich einer auf Egalisierung ausgerichteten Ideologie entgegenstellten und den alles vereinnahmenden und letztlich beherrschenden Anspruch der kommunistischen Staatspartei widersetzten. Ein solcher totalitärer Beherrschungsanspruch ist mit der poststrukturalistischen Philosophie eines Derrida unvereinbar. Sie entsprach offenbar auch nicht seinem Verständnis der jüdischen Ethik. Zwar gibt die Religion durch ihre Gebote der Menschheit eine allgemein gültige Richtschnur vor, diese muss jedoch im jeweiligen temporalen, lokalen und vor allem kulturellen Kontext für die Alltagspraxis ausgelegt werden. Ein religiös gerechtfertigter Absolutheitsanspruch, wie er in der heutigen Zeit bei extremistischen Strömungen im Judentum, im Christentum wie im Islam  zu beobachten ist, träfe bei Derrida wohl auf den gleichen Widerstand wie Faschismus und Stalinismus, weil er in gleicher Weise die eigenen Idealvorstellungen zum alleinigen Maßstab konstruiert und für eine Differenz keinen Raum lässt.

 

Kampf der Universalismen oder Wertschätzung für Heterogenität?

Indem man der Heterogenität nicht nur ihre Existenzberechtigung zugesteht, sondern darüber hinaus erst über die Ungleichheit seine eigene Position bestimmt, verlieren Exklusivitäts- und Vereinnahmungsansprüche ihr philosophisches Fundament. Pluralität und Multikulturalismus finden die Voraussetzungen vor, während die immer wieder heraufbeschworene Dauerrivalität von Universalismen – im Kalten Krieg gewöhnlich als „Kampf der Ideologien“ gedeutet, danach vielfach als „Konflikt der Zivilisationen“ – durchbrochen werden kann. Der Zerfall des sozialistischen Blocksystems nach weniger als einem halben Jahrhundert kann vielmehr als Beleg für die These Derridas gewertet werden, dass ein universeller normativer Beherrschungsanspruch einer vom überhöhten Subjekt ausgehenden Ideologie keine dauerhafte Überlebenschance besitzt, weil er nicht in der Lage ist, diesem Subjekt eine unverwechselbare Identität zu verleihen. Indem jene postmodernen, kulturell oder religiös gerechtfertigten  universalen Beherrschungsansprüche gleichermaßen zurückgewiesen werden, besteht die Voraussetzung für ein Miteinander der Kulturen, basierend auf der aufrechten Wertschätzung des Anderen, wie es Derrida, trotz aller gesellschaftlichen Vereinnahmungs- und Ausgrenzungsbestrebungen, denen er sich zeitweise gegenüber sah, sowohl in Algerien als auch in Frankreich erfahren konnte.  Vielmehr sollte seine Biographie als Beleg dafür herangezogen werden, dass in Europa wie im arabischen Raum in der Historie wie in der Gegenwart ein Nebeneinander differenter Identitäten möglich ist und sogar auf Resonanz trifft. Hieran anknüpfend gilt es in der Zukunft, sich von bestehenden, aus der Überhöhung des eigenen Subjekts ins Metaphysische hinein resultierenden Konstruktionen eines „universellen Moralmaßstabs“ zu lösen und der auf gegenseitiger Hochachtung beruhenden Begegnung  der verschiedenen Kulturen und Weltanschauungen eine Chance zu geben.

Mohammed Khallouk

Dieser Artikel wurde zuerst im Februar 2009 bei http://www.compass-infodienst.de/Mohammed_Khallouk__Derridas_Dekonstruktionslehre_als_Fundament_einer_Multikultur.6297.0.html veröffentlicht.

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Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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