Ewig auf der Suche nach Wahrheit – Die Philosophie Poppers legt den Grundstein für Freiheit und Fortschritt

Wissenschaftliches Reflektieren als Modell für die offene Gesellschaft

Der Wissenschaftstheoretiker und Philosoph Karl Popper (1902 –1994) erkennt das theoretische  Fundament totalitärer, intoleranter und konservativ entwicklungsresistenter Kollektive und formuliert eine Philosophie und eine wissenschaftliche Methodik, über die eine permanente Weiterentwicklung der Gesellschaft und die gegenseitige Anerkennung verschiedener Weltanschauungen als gleichermaßen wertgebunden erreicht werden kann. Zwar bezeichnete der große Theoretiker und mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Universalgelehrte sich selbst als Agnostiker, die eigene Erfahrung der jüdisch-protestantisch geprägten elterlichen Erziehung hat bei ihm eine Hochachtung für die abrahamitischen  Religionen und ihr Humanitätsverständnis hinterlassen, das die Bereitschaft enthält, ihnen für erstrebte „offene Gesellschaft“ wichtige Aufgaben zuzuweisen. Lediglich einem Exklusivitätsanspruch setzt Popper sich sowohl in der Wissenschaft als auch in Politik, Religion und Gesellschaft vehement entgegen. Er wendet sich bereits frühzeitig gegen die sogenannte „Pseudowissenschaft“, zu der er den Marxismus ebenso zählt  wie die Psychoanalyse. Besonders anstößig empfindet er den Anspruch des logischen Empirismus, aus wahrgenommenen Einzelfällen ein allgemeines auf Sicherheit oder zumindest Wahrscheinlichkeit basierendes Naturgesetz ebenso wie Theorien abzuleiten. Zwar dürften die Theorien als abstrakte Konstrukte frei erfunden werden, danach erfordere es jedoch eines Experiments ausgehend von konventionell festgelegten  Basissätzen,  um zu erkennen, ob sich die aufgestellte Theorie widerlegen oder falsifizieren lasse. Erst das Aussieben der als „falsch“ erkannten Theorien  bringe auf der Suche nach Wahrheit näher. Mag Popper in späteren Jahren erkennen, dass Metaphysik rational diskutierbar ist, sind für ihn metaphysische Annahmen als Ausgangspunkte für wissenschaftliche Theorien auszuschließen. Er vertritt vielmehr einen Indeterminismus und lässt die Zukunft sowohl in der Wissenschaft als auch in der Gesellschaft offen.  Damit stellt er die Basis her für eine ständige Bereitschaft, neue Gedanken und Erkenntnisse aufzunehmen, ohne tatsächlich Bewährtes aufzugeben.

Exklusivitätsansprüche werden zurückgewiesen

Die Tatsache, dass Poppers Philosophie sich in keiner Weise als spezifisch „jüdische oder protestantische Philosophie“ versteht, sondern den von allen Religionen vertretenen Humanismus zum Leitideal erhebt, verleiht ihr einen Universalcharakter und ermöglicht ihr, in westlichen wie außerwestlichen Gesellschaften eine Diskussionsgrundlage für die Konzeptsuche im Sinne von Fortschritt und Erneuerung darzustellen. Im Westen wie im Orient leiden die Gesellschaften in Vergangenheit wie Gegenwart an einer Selbstüberschätzung ihrer intellektuellen Eliten, sofern diese für sich den Anspruch erheben, ein praktisch anwendbares theoretisches Konzept für die Ewigkeit gefunden zu haben und Vertretern anderer Philosophien und kulturbedingter Weltanschauungen attestieren, für den Aufbau der erstrebten Zukunft ein Hindernis darzustellen. Bei konservativen islamischen Gelehrten zeigt sich diese „geistige Anmaßung“ in fehlender Aufgeschlossenheit gegenüber den aufklärerischen Gedanken der westlichen Zivilisation, die ungeprüft als „unvereinbar mit dem Islam“ verfemt werden. In der westlichen Welt existiert die Vorstellung, jenseits des eigenen Kulturkreises könne sich kein autonomer Fortschritt entfalten und die außerwestlichen Zivilisationen seien von Neidgefühlen geleitet permanent zur gewalttätigen Revolte gegen den westlichen Freiheits- und Fortschrittsbegriff bereit. Dieses Überheblichkeits- und Exklusivitätsbewusstsein ist unvereinbar mit dem Liberalismus, den Popper vertreten hat. Dieser wandte sich gegen jegliches Konstrukt einer „geschlossenen Gesellschaft“, das bereits ein vollkommenes Gesellschaftsbild vor Augen wähnt und jedes davon abweichende  Modell zu zerstören beanspruche. Diesen Totalitarismus, dessen extremer Form er sich nur durch die Emigration von seiner Wiener Heimat (zuerst nach Neuseeland, später Großbritannien) zu entziehen wusste und der für seine in Österreich gebliebenen Verwandten mehrheitlich die Ermordung im Konzentrationslager bedeutete, erkennt Popper in der Philosophie Platons, Hegels und Marx angelegt. Dort werde eine „ideale Gesellschaft“ konstruiert, deren Durchsetzung nur über autoritäre und letztlich totalitäre Herrschaftsstrukturen erreichbar sei und die eine Vernichtung jeglicher der eigenen Theorie widersprechender Elemente beinhalte.

Historischer Determinismus oder ständiges Einbeziehen von Neuem?

Besonders vehement wendet sich Popper gegen den Historismus, der bereits aus der Geschichte eine bestimmte erstrebenswerte Gesellschaftsentwicklung zu erkennen glaubt, wie dies in Hegels Dialektik ebenso sichtbar wird wie in der Theorie der permanenten Klassengegensätze von Marx. Hiermit stellt er eine Maxime an Philosophie und Politik, die offenbar wenig Widerhall findet, dafür aber im Dienste der Freiheit sich umso bedeutsamer erweist. Obwohl die von Popper kritisierten Philosophen heutzutage ihre gesellschaftliche Popularität weitgehend eingebüßt haben, bleibt der Historizismus auch in unserer Zeit aktuell, etwa in der Theorie vom Ende der Geschichte eines Francis Fukuyama oder im als unvermeidlich angesehenen „Kampf der Zivilisationen“ des kürzlich verstorbenen Samuel Huntington. Dieser historische Determinismus legt nahe, dass man sich quasi gezwungen sieht, die eigenen gesellschaftlichen Idealvorstellungen notfalls mit Gewalt gegen einen ebenfalls als unvermeidlich apostrophierten Widerstand durchsetzen müsse. Der Weltsicht Poppers widerstrebt jenes zwanghaft missionarische Bewusstsein. Im Wissen, dass man sich der Wahrheit nur annähern könne, bleibt ein Rest Zweifel und darüber hinaus geradezu ein Bedürfnis, sich auf Unerwartetes einzulassen und neue Erfahrungen aus der Beschäftigung mit den anderen Weltanschauungen herauszuziehen. Popper hätte sich heutzutage vermutlich mit der gleichen Leidenschaft, mit der er seiner Zeit dem Platonismus und Hegelianismus entgegengetreten ist, gegen eine aus dem buchstabengetreu ausgelegten religiösen Schrifttum historistische Weltanschauung dem Charakteristikum neuzeitlicher religiöser Fundamentalisten zu Wehr gesetzt. Diese stünde seinem humanistischen Religionsverständnis ebenso entgegen wie seinem Eintreten für eine permanente Reflexion der eigenen Prognosen anhand der Realität und erst recht Widerstand gegen jegliche Postulate, die aus der Vergangenheit glauben die Zukunft zu erklären. Erst wenn Religion und darüber hinaus jegliche Metaphysik sich vom Begehren distanziert, eine Gesellschaft in eine für vorgegeben apostrophierte Schablone formen zu beanspruchen, ist sie kompatibel mit moderner Erkenntnissuche und zugleich in der Lage, die von wissenschaftlicher Rationalität geprägte Moderne in einen zeitungebundenen ethischen Rahmen zu stellen.

Pluralität als Verpflichtung

Poppers Wahrheitsverständnis verlangt eine Pluralität von Lebensmodellen und Geisteshaltungen. Wie in der Wissenschaft, wo die Beantwortung einer aufgestellten Frage permanent neue Fragen beinhaltet, ist man auch bezüglich der Gesellschaft immer wieder neu zu ergründen aufgefordert, wie sich eine Weiterentwicklung erreichen lässt. Je mehr Anschauungsbeispiele man vorfindet, desto mehr ist man in die Lage versetzt, sich dem Optimum anzunähern. Zugleich bleibt man sich bewusst, dass der eigene bevorzugte Weg nicht der einzige ist. Popper hat diese Pluralität selbst immer wieder erfahren, wenn er mit den verschiedensten natur- und geisteswissenschaftlichen Denkrichtungen  konfrontiert war und in den verschiedensten Disziplinen Professionalität erfahren durfte. Demgegenüber stand die Anmaßung nicht weniger Intellektueller, bereits fertige Konzepte zu besitzen, nach denen sich die übrige Menschheit zu richten habe. Die gegenwärtige Bedeutung Poppers muss in seinem unablässigen Eintreten für ein Miteinander der verschiedenen Denkrichtungen und seiner aufrichtigen Dialogbereitschaft gesehen werden. Besonders seine Aufforderung an die Intellektuellen nach einer klaren und allgemeinverständlichen Sprache erweist sich als bedeutsam für das Miteinander pluraler Religionen und Weltanschauungen. Zwar sind die intellektuellen Eliten diejenigen, die als erstes mit dem Neuen, Kulturfremden konfrontiert werden und daraus Förderliches herauszuziehen vermögen, so lange jedoch die Civil Society in ihrer Gesamtheit die dahinter stehenden Leitgedanken nicht nachvollziehen kann, bleiben Ressentiments erhalten und stehen  einem Miteinander und dem Fortschritt dienlichen Austausch entgegen. Sowie der bekennende Agnostiker Popper dem Juden- wie Christentum für die Gesellschaft einen fortdauernden förderlichen Beitrag zugestand, können auch die Kollektive als Ganzes den Wertvorstellungen, denen sie majoritär nicht anhängen, ihre Berechtigung und Wertegebundenheit anerkennen und das  fortschrittliche Element hieraus zur eigenen Bereicherung in sich aufnehmen. Man ist vielmehr zu einem Reflektieren des eigenen Weltbildes herausgefordert, wofür man unentwegt neue Maßstäbe vorgesetzt bekommt. Da Bewusstsein, um die Begrenztheit des eigenen Erkenntnisstandes und die Möglichkeit des Irrtums mit der eigenen Sichtweise schließt ein sich Einlassen auf  die Erkenntnisse des Anderen ebenso ein wie ein unendliches Streben nach Fortschritt.

Mohammed Khallouk

Dieser Artikel wurde zuerst im März 2009 bei http://www.compass-infodienst.de/Mohammed_Khallouk__Ewig_auf_der_Suche_nach_Wahrheit_-_Karl_Poppers_Philosophie.6472.0.html veröffentlicht.

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Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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