Die Frauen in Marokko – Mündige Bürgerinnen statt Objekte des Mannes

Ein modernes Geschlechterrollenverständnis ist vonnöten

Die Gleichberechtigung der Frau verlangt die Beseitigung sowohl der rechtlichen als auch sozioökonomischen Diskriminierung. Damit die staatlichen Reformprogramme sich auf den gesellschaftlichen Alltag auswirken, bedarf es einer Orientierung des Geschlechterrollenverständnisses an der Moderne. In einem islamischen Land kommt der zeitgemäßen Religionsauslegung entscheidende Bedeutung zu, die dem König als Emir El- Muminin ein hohes Verantwortungsbewusstsein abverlangt. Einerseits sieht er sich verpflichtet, jegliche Reform, insbesondere im Verhältnis der Geschlechter zueinander, im Einklang mit islamischer Rechtsauffassung zu konzipieren, andererseits sollte er in der Lage sein, zu differenzieren zwischen tatsächlichen islamischen Vorgaben gegenüber den Anforderungen der Zeit nicht mehr entsprechenden Rollenzuweisungen. Der junge Monarch war sich bewusst, dass die Benachteiligung von Frauen auf einem unzeitgemäßen Islamverständnis, sowie einem prämodernen Familienrecht beruht. Gesellschaftlicher Zwang zu frühzeitiger Heirat verhindert eine Ausbildung der Frauen, sowie die Perspektive zu eigenständiger beruflicher Karriere. Um diese gesellschaftliche Ausgrenzung aufzuheben, bedurfte es einer grundlegenden Neuordnung des Familienrechts. Bereits 1999 war der Öffentlichkeit ein „Plan zur Integration der Frau in die Entwicklung“ präsentiert worden, der eine Modernisierung des Familienrechts beinhaltete. Die Umsetzung war am gemeinsamen Widerstand von Religionsministerium und PJD (Parti Justice et du Développement) gescheitert, der sich in der „Nationalen Liga zum Schutz der Familie“ organisiert hatte. Vom neuen König erhielten die Reformbestrebungen nun Unterstützung. Im Frühjahr 2001 ließ er die angesichts von Uneinigkeit ergebnislos gebliebene Regierungskommission durch eine eigens eingerichtete Reformkommission ersetzen, der neben Religionsgelehrten und CCDH (Conseil Consultatif des Droits des l`Homme) drei Frauen angehörten. Die Folge der Attentate von Casablanca vom 16. Mai 2003 erwies sich als günstiger Augenblick, die schon länger angekündigten Reformen in die Realität umzusetzen. Die bisherigen Hauptgegner in Parlament und Regierung gaben ihren Widerstand auf und stimmten einem Kompromiss zu.

Geschlechtliche Gleichberechtigung im islamischen Kontext

In der Thronrede vom 10.10.2003 angekündigt, sowie seit 2004 als neues Personenstandsgesetz in Kraft getreten, wurden folgende grundlegenden Neuregelungen beschlossen: In der Ehe gelten nunmehr beide Partner als gemeinsam für Haushalt und Familie verantwortlich. Männer wie Frauen dürfen gleichberechtigt, aus freier Entscheidung, eine Ehe eingehen. Die Polygamie besteht als rechtliche Möglichkeit weiter, wird aber durch zusätzliche Auflagen stark eingeschränkt. Im Falle von unlösbar erscheinenden Ehekonflikten wird der Frau die freiwillige Einreichung der Scheidung erleichtert. Von öffentlich genehmigten Ausnahmen abgesehen, gilt für Frauen ein Mindestheiratsalter von 18 Jahren. Vor der Ehe gezeugte Kinder werden bei Eheschließung als gemeinsame Kinder anerkannt. Bei der Weigerung, die väterliche Verantwortung anzuerkennen, kann der mutmaßliche Erzeuger gerichtlich zum Vaterschaftstest gezwungen, sowie zur finanziellen Verantwortung herangezogen werden. Im Mudawana sind die Rechte und Pflichten von Frauen gegenüber Männern, aber auch von Kindern gegenüber den Eltern und Großeltern innerhalb von Ehe, Familie wie im Falle von Heirat und Scheidung erstmals nach modernem Zivilrecht festgelegt. Diskriminierungen aufgrund von familiären Verhältnissen sollen künftig ausgeschlossen werden. Anhand einiger Auszüge des neuen Gesetzeswerks lässt sich herauslesen, dass das marokkanische Recht Frauen künftig nicht mehr als „Objekte des Mannes“ definiert, sondern als souverän entscheidende Individuen, die aus eigenem Antrieb heraus familiäre Verantwortung eingehen und zur ihren Karriereabsichten nicht als Widerspruch auffassen. Die vom Islam dem Mann auferlegte Verpflichtung um das Wohl seiner familiären Angehörigen wird durch das neue Gesetz nicht nur bestätigt, sondern in einen zeitbezogenen Kontext gebracht:

  • Die Familie gilt fortan als Verantwortungsgemeinschaft, in der Frauen ebenso wie Männer Rechte und Pflichten besitzen.
  • Der Vormund für eine volljährige Frau in Bezug auf Heiratsrecht und Partnerwahl wird abgeschafft, sie benötigt nicht mehr die Anwesenheit ihres Vaters oder eines männlichen Verwandten, wenn sie zu heiraten beabsichtigt. Ein von dritten Personen auferlegter Ehezwang ist damit rechtlich ausgeschlossen.
  • Das gesetzlich vorgeschriebene Mindestheiratsalter wird sowohl für Männer als auch Frauen auf 18 Jahre festgesetzt. Ein Richter besitzt allerdings die Befugnis, in begründeten Ausnahmefällen dieses Alter herabzusetzen.
  • Die Polygamie wurde mit rechtlichen Hindernissen sowie bürokratischen Anforderungen belegt. Männer müssen sich verpflichten, ihre Frauen sowohl rechtlich als auch finanziell gleich zu behandeln, sowie ihnen die gleiche emotionale Zuwendung zuzugestehen. Die Polygamie verlangt der Einhaltung strenger Regeln, sowie der Absprache mit einem Richter. Dieser muss sich vergewissern, dass die vorgesehene Gleichbehandlung gewährleistet ist, sowie ob allen Frauen einschließlich ihren Kindern Gerechtigkeit zuteil wird. Dem Richter müssen plausible Gründe für eine Mehrehe vorgelegt werden. Die (erste) Frau kann bei der Eheschließung im Ehevertrag verlangen, dass der Ehemann nicht noch einmal heiratet. Falls dies nicht im Ehevertrag verankert wird, besitzt die erste Frau das Recht, bei einer beabsichtigten Mehrehe um ihr Einverständnis gefragt zu werden. Von einem vollständigen Verbot wurde Abstand genommen, um keine „illegalen Mehrehen“ zu provozieren.
  • Beide Ehepartner besitzen ein gleichwertiges Scheidungsrecht. Ein rechtloser Zustand von Frauen nach einer vom Mann eingereichten Scheidung soll verhindert werden, indem die Frau bereits vor der Scheidung ihre Rechte zugesprochen bekommt. Eine neue Regelung verlangt zudem vor jeder Scheidung von einem Gericht die Erlaubnis einzuholen. Die Scheidung wird nicht eher durchgeführt, bevor der Verdiener sich bereit erklärt, den Unterhalt für die Partner(in) und die Kinder zu übernehmen. Ohne schriftliches, amtlich beglaubigtes Dokument wird eine Scheidung nicht mehr akzeptiert.
  • Das Scheidungsrecht wurde mit einem modernen Rollenverständnis der Frau in Einklang gebracht. Erleichtert wurde ihr die Scheidung, sofern der Mann seine familiären Verpflichtungen vernachlässigt, die Familie verlässt, Gewalt ausübt oder ausgeübt hat.
  • Die in der Ehe beiden Partnern zustehenden Finanzen werden vertraglich festgelegt. Jedem Ehepartner wird ein eigener finanzieller Anteil zugestanden, über den er frei verfügen kann.
  • Das Recht des Kindes im Scheidungsfall wird eindeutig geregelt, d.h. es wurde eine Reihenfolge festgelegt, die entscheidet, wem das Sorgerecht zugesprochen wird. Im Normalfall bleibt das Kind bei der Mutter; lehnt diese ab, wird es dem Vater zugesprochen; bei Ablehnung beider Elternteile übernimmt die Großmutter mütterlicherseits das Kind. Ist keine der drei Personen zur Aufnahme des Kindes bereit oder in der Lage, entscheidet ein Richter, wo es versorgt werden soll.
  • Die Rechte von Jugendlichen im Falle elterlicher Scheidung sind gestärkt worden. Mädchen wie Jungen sind berechtigt, ab dem Alter von 15 Jahren selbst  zu entscheiden, ob sie bei der Mutter oder beim Vater bleiben wollen.
  • Durch die Abstammung sich ergebende Probleme für ein Kind sollen künftig vermieden werden. Dies gilt besonders im Falle eines unehelichen Kindes. In einer Zeitspanne von bis zu fünf Jahren ist zum Beispiel die Vaterschaft zu klären.

 Ernsthafter Gleichberechtigungsschritt oder Rechtstitel ohne Wert?

Mohammed VI. hielt bei seiner Neuordnung des Familienrechts internationale Rechtsstandards wie die „internationale Konvention von 1979 zur Beseitigung der Diskriminierung der Frau“ ein und erreichte mit dem Verweis auf seine Eigenschaft als „höchster religiöser Würdenträger“ Unterstützung der gemäßigten Islamisten für sein Modernisierungsprogramm. Mit dem neuen Familienrecht gelang es dem jungen König nicht nur, die verschiedensten Strömungen der marokkanischen Civil Society für seine Form der Modernisierung zu gewinnen, vielmehr wurde geschriebenes Recht der gesellschaftlichen Realität angeglichen, in einem Land, in dem jede dritte Frau erwerbstätig ist, sowie nicht wenige Frauen als alleinerziehende Mütter die Hauptverantwortung ihrer Familien tragen. Für die Majorität der marokkanischen Frauen ging damit jedoch noch keine gestärkte Stellung im gesellschaftlichen Alltag einher. Die hohe Analphabetenrate besonders bei Frauen erweist sich als Hindernis auf dem Weg zur praktischen Durchsetzung der neuen rechtlichen Möglichkeiten. Viele Frauen erkennen zudem im Behördengang mangels Erfahrung keine  Perspektive  und nehmen die ihnen mittlerweile theoretisch zustehenden Gelegenheiten nicht wahr. Im Falle einer Aufnahme des Behördlichen Verfahrens erweist sich die Dauer bis zu einer Entscheidung oft untragbar lang, da Gerichte und Verwaltung sich ebenfalls noch unzureichend auf die neue Rechtssituation eingestellt haben und besonders in ländlichen Regionen die zuständigen Behörden vor Ort überhaupt nicht anzutreffen sind.

Dennoch haben die gebildeten Frauen in den Großstädten die ihnen durch die Reform zustehenden Rechte bereits wahrgenommen und bisweilen schon eingeklagt. Sie belegen damit,  dass ihr weibliches Selbstbewusstsein in der Konfrontation mit einer patriarchalischen Tradition gegenüber demjenigen von Frauen im westlichen Kulturkreis in keiner Weise zurücksteht und  darüber hinaus die Gleichberechtigung der Geschlechter nicht nur von den politischen Eliten, sondern ebenso von den betroffenen Frauen als universales, mit dem Islam und der marokkanischen Kultur vereinbares gesellschaftliches Ziel anerkannt wird. Wenn die übrigen Frauen durch umfangreiche Aufklärungs- und Bildungsprogramme über ihre neuen rechtlichen Möglichkeiten ausreichend informiert werden und die Behördeninfrastruktur so weit modernisiert wird, dass  die Anliegen der Betroffenen in angemessener Zeit zur Durchsetzung gelangen, sollte die Mudawana-Reform in der Tat einen ersten Schritt zur vollständigen Überwindung des in der Teilen der marokkanischen Gesellschaft nach wie vor bestehenden Patriarchats darstellen. Hiervon ausgehend wird die gesamte Civil Society ein zeitgemäßes  Geschlechterrollenverständnis verinnerlichen, das der Gleichberechtigung in Ehe und Familie über kurz oder lang die noch ausstehende Gleichberechtigung auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt nach sich ziehen lässt.

Mohammed Khallouk

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Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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