Blindheit im Islam – Gott gewolltes Schicksal oder Objekt gesellschaftlicher Projektion?

Der gottesfürchtige Blinde – ein vorbildhafter Muslim

Wenn man versucht, die Situation von Blindheit und blinden Menschen im Islam zu beschreiben, gilt es stets zwischen dem Islam als Religion und der Einstellung der Mehrheit der Muslime Blinden gegenüber zu differenzieren.

Wie im christlich geprägten Europa ist die Reaktion der sehenden Mehrheit auf Blinde in muslimisch geprägten Ländern nur in geringem Maße vom tatsächlichen Bild, das ihre Religion von Blindheit besitzt, geprägt, sondern mindestens ebenso von traditionellen gesellschaftlichen Rollenzuweisungen, die teilweise bis in die präislamische Zeit zurückzuverfolgen sind, anschließend aber mit dem Islam zu rechtfertigen gesucht wurden.

Ressentiments gegenüber Blinden waren offenbar so tief in der alten arabischen Gesellschaft verwurzelt, dass selbst Prophet Mohammed diese anfangs im Unterbewussten verinnerlicht hatte und erst durch eine göttliche Ermahnung sein Bild bewusst korrigiert hat. In der Sure 80 widmet der Koran der göttlichen Zurechtweisung des Propheten angesichts seines Verhaltens gegenüber einem Blinden sogar besondere Beachtung. Hierbei soll veranschaulicht werden, dass für Allah das Kriterium „blind oder sehend“ in der Wertschätzung seines menschlichen Geschöpfes ebenso wenig Bedeutung besitzt wie „reich oder arm“.

Die ersten zehn Verse folgender Sure heben in besonderer Weise hervor, dass die Behandlung von Menschen nach äußerlichen Kriterien, die im Arabien der Prophetenzeit ebenso üblich war wie sie heute in der Islamischen Welt und anderenorts existiert, in keiner Weise dem Menschenbild des Korans entspricht.

80. Der die Stirn runzelt (Abasa)

1. Er runzelte die Stirn und wandte sich ab,

2. Weil ein blinder Mann zu ihm kam.

3. Was aber lässt dich wissen? Vielleicht wünscht er, sich zu reinigen,

4. Oder er möchte der Lehre lauschen und die Lehre möchte ihm nützlich sein.

5. Was den anlangt, der gleichgültig ist,

6. Dem widmest du Aufmerksamkeit,

7. Wiewohl du nicht verantwortlich bist, wenn er sich nicht reinigen will.

8. Aber der, der in Eifer zu dir kommt,

9. Und der (Gott) fürchtet,

10. Den vernachlässigst du.

Hintergrund dieser göttlichen Ermahnung an den Propheten war, dass dieser auf einen wohlhabenden Mekkaner fixiert gewesen war, von dem er glaubte, mit seinem Reichtum würde dieser dem Islam in besonderer Weise dienlich sein. Er ignorierte dabei nicht nur die Tatsache, dass jener reiche Mekkaner überhaupt nicht bereit war, sich von seinem Heidentum zu lösen und sich zu Allah zu bekennen. Vielmehr missachtete Mohammed einen an seiner prophetischen Lehre ernsthaft interessierten, jedoch blinden und armen Zeitgenossen, dessen Bekehrung der Prophet im Sinne der Verbreitung der Religion in der Gesamtbevölkerung offenbar geringeren Stellenwert beimaß. Mit diesem Verhalten entsprach der Prophet allerdings in keiner Weise dem Auftrag Allahs, der für jeden, der sich zu ihm bekennt, den gleichen Lohn vorgesehen hat und von seinem Prophet erwartete, sämtlichen, an seiner Lehre Interessierten die Tür offen zu halten.

Prophet Mohammed beherzigte diese göttliche Ermahnung und brachte jenem Blinden anschließend die besondere Wertschätzung entgegen, die Allah ihm als Suchenden zuteil werden lässt. Der Prophet nahm vor dem Blinden sogar seinen Umhang ab und ließ diesen darauf sitzen. Wie weiter berichtet wird, hat der Blinde daraufhin nicht nur für sich selbst den Islam angenommen, sondern eine bedeutende Rolle bei seiner Verbreitung ausgeführt. Im Grunde genommen nahm die Überzeugung des Blinden für den Islam jenen Stellenwert ein, den Prophet Mohammed ursprünglich dem sehenden wohlhabenden Mekkaner zugedacht hatte.

Traditionelle Ressentiments werden religiös umgedeutet

Anders als der Prophet hat die Mehrheit der Muslime ihre grundsätzliche Voreingenommenheit gegenüber Blinden wie Behinderten allgemein mit der Bekehrung zum Islam nicht überwunden. Ähnlich wie im mittelalterlichen Christentum suchte man auch in der traditionellen muslimischen Gesellschaft, Phänomene, für die man keine rationale Erklärung parat hatte, religiös zu erklären. Blindheit und Behinderung allgemein assoziierte man daher vielfach mit einer „Strafe Gottes“. Die Geburt eines blinden Kindes wäre demnach auf ein sündiges Verhalten der Eltern zurückzuführen. Da der Islam -anders als das katholische Christentum – keine Erbsünde kennt, mutet diese Interpretation aus theologischer Sicht geradezu abenteuerlich an. Zugleich belegt sie, in welch geringem Maße gesellschaftliche Ressentiments, auch wenn sie religiös begründet erscheinen, durch die tatsächliche religiöse Lehre gedeckt sind.

Eine andere Tradition sieht die Blindheit als Erkennungszeichen des Satanischen. Wer nicht sehen kann, sei kaltherzig und besitze einen schlechten Charakter. Die Blindheit gilt sozusagen als das Erkennungszeichen für die übrige Gesellschaft, dass diese Person frevlerische Absichten besitze und man sich von ihr auf Distanz zu begeben habe.

Die explizite Erwähnung des gottesfürchtigen Blinden im Koran hat natürlich auch umgekehrt die Assoziation von Blindheit mit einem besonderen Heiligenstatus geweckt. Einige Blinde in islamischen Ländern ziehen daraus den Nutzen, Koran rezitierend an Friedhöfen und vor Moscheen zu sitzen oder umherzuziehen. Ihr Verhalten ist getragen von dem sicheren Instinkt, auf diese Weise aus dem religiösen Gewissen der Umwelt heraus finanzielle Zuwendung zu erhalten.

Bettelei ist zudem allgemein bis heute unter blinden Menschen in der Islamischen Welt verbreitet, woraus die Assoziation eines Blinden mit einer Bettlerexistenz erwachsen ist, die für jene Blinde, die einer geregelten Arbeit nachzugehen suchen, sehr verletzend sein kann.

Die naheliegende Interpretation der Koransure 80, dass nicht der Blinde aufgrund seiner Blindheit bei Allah eine besondere Wertschätzung genießt, sondern mit oder sogar trotz seiner Blindheit, aber aufgrund seiner Aufrichtigkeit als Muslime, der ein gottesfürchtiges grundsatztreues Leben führt, ist in der islamischen Gesellschaft bis heute nur gering verbreitet.

Fehlende Sozialgesetzgebung fördert die bestehende Ausgrenzung

So sehr der Islam als Religion das Egalitätsprinzip, das zwischen Geschlechtern und Rassen gilt, auch gegenüber Blinden und Behinderten anderer Art gelten lässt, allgemeine menschliche Vorurteile gegenüber Blinden sind in der Islamischen Welt nicht geringer verbreitet als im Westen. Blinde leiden hier wie dort unter gesellschaftlicher Ausgrenzung. In Staaten, in denen die schulische Bildung und der allgemeine Wohlstand insgesamt unterdurchschnittlich liegen und die darüber hinaus von Armut und Analphabetismus geprägt sind, erscheint es als Blinder nahezu ausgeschlossen, eine erfolgreiche berufliche Karriere zu erreichen. Bettelei ist daher vielfach die einzige Möglichkeit, seine menschlichen Grundbedürfnisse zu decken. Das in der Gesellschaft verinnerlichte Bild vom umherziehenden bettelnden Blinden – auch wenn diesem die Aura des Heiligen anhaftet – trägt zusätzlich zu einer Ausschließung aus dem allgemeinen Gesellschaftsleben bei und resultiert in Parallelgesellschaften.

Jene Ausgrenzung und Voreingenommenheit gegenüber Blindheit und Behinderung ist jedoch in keiner Weise ein spezifisches Kennzeichen der islamischen Gesellschaft. Westliche Gesellschaften kennen sie mindestens in gleichem Maße. Die offizielle Einstufung von Behinderung als „unwertes Leben“ war hier in Deutschland in der jüngeren Geschichte sogar Grundlage einer menschenverachtenden Staatsideologie. Anschließend ist in Deutschland wie in den meisten westlichen Staaten jedoch ein Sozialstaat aufgebaut worden, der Behinderten spezifische Rechte einräumt und Blinden als Ausgleich für ihren erschwerten Zugang zu Wohlstand und gesellschaftlicher Anerkennung spezielle Zuwendungen erteilt. Die zumeist ärmeren islamischen Staaten besitzen eine spezifische Behindertengesetzgebung nicht, wodurch sich gesellschaftliche Ressentiments fast immer auch in wirtschaftlichen Notlagen ausdrücken.

Die Tatsache, dass dennoch auch hierzulande die Mehrheit der Blinden keine höher qualifizierten Berufe erwerben und die Arbeitslosenrate unter Blinden in allen westlichen Staaten über dem jeweiligen Landesdurchschnitt liegt, belegt, dass Ausgrenzung von und Ignoranz gegenüber Blindheit und Behinderung kein Phänomen einer bestimmten Religion oder Kultur darstellt, sondern zumeist aus Unwissenheit resultiert. Im Bewusstsein der Einstellung, die der Koran gegenüber Blindheit einnimmt, besitzen islamisch verfasste Staaten das Potential, eigene Behindertenrechtskataloge ethisch zu begründen. Nach westlichen Beispielen lassen sich Konzepte entwickeln, wie der bestehenden Ausgrenzung auf staatsrechtlichem Wege entgegen gewirkt werden kann. Bedeutsam erweist sich hier vor allem das Bildungswesen, das nicht nur den Blinden mehr Chancen zu bieten verpflichtet ist, sondern darüber hinaus die sehende Mehrheit auf die Partizipation blinder Menschen und deren islamischer Rechtfertigung vorzubereiten hat.

Mohammed Khallouk

Dieser Artikel wurde zuerst in der zweiten Ausgabe 2012 von Horus Aktuell veröffentlicht.

Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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