Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments?

Fehlende Kolonialvergangenheit bewahrt nicht vor der Tendenz zur Politisierung

KHALLOUK: Die deutsche Orientalistik genießt anders als die britische, französische und amerikanische Orientalistik in der Islamischen Welt den Ruf, frei von politischen und ökonomischen Interessen die Gesellschaft des Morgenlandes für die abendländische Gesellschaft zugänglich werden zu lassen. Eine Ursache mag sicherlich in der fehlenden deutschen Kolonialgeschichte in dieser Region liegen, woraus sich den deutschen Orientalisten in der Vergangenheit das Umfeld bot, sich ausschließlich ihrer wissenschaftlichen Erkenntnissuche und dem tieferen Verständnis der für sie fremden Kultur zu widmen. Heutzutage dringen jedoch immer seltener bedeutsame Werke deutscher Arabisten oder Islamwissenschaftler breitenwirksam nach außen; deshalb erscheint es fraglich, ob diese märchenhaft klingende Vorstellung angesichts der gegenwärtigen Qualität deutscher Orientalistik noch gerechtfertigt erscheint.

Da Sie selbst diesem Metier entstammen und aufgrund dessen einen unmittelbareren Zugang zu den Forschungsergebnissen deutscher Orientalistik besitzen, teilen Sie uns doch Ihre diesbezügliche Einschätzung mit.

STEINBACH: Mir erscheint es durchaus zweifelhaft, dass dieses verklärte Bild von der Vergangenheit tatsächlich der Realität entspricht. Es lassen sich durchaus historische Phasen der deutschen Orientalistik identifizieren, die sehr gegenwartsbezogen waren und in denen die Forschung in erheblichem Maße politischen Interessen diente. Zwar besaß Deutschland im Orient keine Kolonien; das deutsche Kaiserreich war jedoch politisch sehr eng mit dem Osmanischen Reich verbunden, ein Bündnis, das sicherlich nicht ohne Einfluss auf die Orientalistik gewesen ist. Carl Heinrich Becker war ein deutscher Orientalist jener Epoche, den man sich vor dem Hintergrund dieses damaligen Bündnisses zwischen Berlin und Konstantinopel genauer anschauen sollte, zumal er neben seiner Tätigkeit als Wissenschaftler politische Ämter bekleidete.

Wenn Eduard Said seinen kritischen Blick in erster Linie auf die französischsprachige und englischsprachige Orientalistik richtete, ist dies sicherlich nicht zuletzt auf die Tatsache zurückzuführen, dass er der deutschen Sprache nicht mächtig war. Differenzen zwischen der französischen und englischen Orientalistik auf der einen und der deutschen Orientalistik auf der anderen Seite sind aber in der Gesamtheit betrachtet zweifellos vorhanden. Die deutschen Vertreter der Disziplin waren bis zum Zweiten Weltkrieg in weit stärkerem Maße philologisch – historisch orientiert; nach dem Zweiten Weltkrieg lag ein Schwerpunkt auf religions- und islamwissenschaftlichen Studien.

Das sind die großen Traditionen deutscher Orientwissenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts. Hierbei kann zweifellos die Tatsache als bedeutend angesehen werden, dass sich Deutschland erst sehr spät zur Kolonialmacht entwickelte, im Nahen Osten zu keiner Zeit Kolonien besaß und darüber hinaus dem Osmanischen Reich als bedeutendster muslimischer Macht bis zum Ersten Weltkrieg partnerschaftlich verbunden war. Insofern erachte ich diese historische Ausgangssituation auf das Gesamte bezogen durchaus als zutreffend. Im Detail sollte man sich allerdings genauer anschauen, ob sich die deutsche Orientforschung durch ihre Geschichte hindurch gleich bleibend als unpolitisch erwiesen und es Tendenzen zum „Orientalismus“ im kritischen Verständnis von Said hierzulande zu keiner Zeit gegeben hat.

Zuvor gilt es allerdings auf die Gegenwart Bezug zu nehmen. Die neueren Ansätze in der Orientalistik betrachte ich in hohem Maße als von politischen Beweggründen bestimmt und hierbei unterscheiden wir deutschen Orientalisten uns nicht grundsätzlich von britischen, französischen und amerikanischen Disziplinvertretern. Anfang der 1970er Jahre sind wir umfassend in eine gegenwartsbezogene Orientalistik eingestiegen. Zu diesem Zeitpunkt ist in der deutschen Politik auf den Orient (d.h. den Nahen Osten) bezogen eine Ära zu Ende gegangen und eine neue begann. Die Ära, die ein Ende fand, kann als Ära der ausschließlichen Betrachtung der deutsch-israelischen Beziehung vor dem Hintergrund des Holocausts beschrieben werden. Sie bedeutete eine Fixierung auf Israel, auf die Normalisierung der Beziehung zum jüdischen Staat angesichts der deutschen Vergangenheit im Zeichen der Verbrechen am jüdischen Volk.

Mit Willy Brandt folgte man ab 1970/71 dem neuen Programm: „Wir haben eine ausgewogene Politik und spezifische Interessen in dieser Region.“ Hiervon ausgehend begann in dieser Phase eine gegenwartsbezogene Nahostforschung. Diesen Bruch in der wissenschaftlichen Entwicklung der Orientalistik verkörpere ich in meinem eigenen Lebenslauf. In klassischer Weise habe ich Islamwissenschaft studiert und dabei die arabische, persische und osmanische Sprache in ähnlicher Weise gelernt wie Latein. Ich habe zwar die breite Palette der Dichtung dieser Kulturregion gelesen, aber eine Zeitung während meiner Studienzeit nicht zur Hand genommen und mich mit der politischen Gegenwart des Orients nicht beschäftigt.

In der zweiten Hälfte der 60er Jahre bis zum Jahr 1970 habe ich über einen arabischen heroischen Volksroman, „Dhat al-Himma“, von etlichen tausend Seiten Text promoviert, den ich mit einem griechischen Epos, das in derselben Zeit entstand und einen ähnlichen Gegenstand hatte, verglichen habe. Unmittelbar nach der Vollendung des Studiums wurde ich jedoch 1971 an die Stiftung Wissenschaft und Politik, d.h. einen politischen Think Tank der deutschen Bundesregierung – damals in Ebenhausen bei München – berufen. Die Aufgabenstellung lautete, eine Abteilung für gegenwarts- und politikbezogene Studien zum Nahen Osten aufzubauen. Der Direktor des Instituts war seiner Zeit Herr Professor Klaus Ritter, ein Neffe des berühmten Orientalisten Hellmut Ritter. Dieser stellte mir seine wissenschaftliche Grundeinstellung dar und betonte, dass nach seiner Auffassung einer, der sich mit dem Nahen Osten zu befassen gedenke, einen kulturwissenschaftlichen Hintergrund haben sollte und nicht ausschließlich Politologe sein dürfe.

Es dauerte einige Zeit, bis ich mich in mein ganz neuartiges Aufgabengebiet hineingearbeitet hatte. Dabei hatte ich nicht zuletzt bei den Orientalisten viele Widerstände zu überwinden, hatte ich doch in der klassischen Islamwissenschaft mit summa cum laude promoviert und befasste mich nun aber mit der Gegenwart im islamischen Raum – ein Abfall von der reinen Lehre. Meine Aufgabe bestand in der Analyse von Politik und Gesellschaft des Nahen und Mittleren Ostens und der Islamischen Welt insgesamt. Vorrangig widmete ich mich dem Arabischen Raum, der Türkei und dem Iran. Diese Forschung war in hohem Maße durch politische Interessen der Auftraggeber geprägt, das kann ich nicht leugnen. Es handelt sich hierbei um einen Befund, der bei mir gelegentlich noch immer ein Gefühl des schlechten Gewissens erweckt.

Wir sind sehr tief in das Wasser jenes Orientalismus, wie ihn Said beschrieben hat, eingedrungen. In einem Institut wie der Stiftung Wissenschaft und Politik war ich in besonderer Weise mit Politikberatung beschäftigt und daher permanent angehalten, die Analyse der aktuellen Lage in der Region mit politischen Interessen Deutschlands dort in Beziehung zu setzen. In dieser Hinsicht besteht ein tiefer Bruch zur Vergangenheit – zumindest, wenn man die Vergangenheit derart interpretiert, dass es in der deutschen Forschung Orientalismus in diesem politischen Verständnis nicht gegeben habe.

Gesellschaftliche Fixierung auf das Phänomen Islamismus überdeckt Vielfalt einer Wissenschaftsdisziplin

KHALLOUK: Wenn man kritischen Stimmen aus der Arabischen Welt glaubt, hat diese Politisierung der Orientalistik dazu geführt, dass die literarische, kulturelle und weltanschauliche Vielfalt innerhalb des Islam und der islamischen Denkrichtungen von westlichen Islamwissenschaftlern immer weniger zur Kenntnis genommen wird. Wie in den Massenmedien beschäftige man sich in der Orientalistik vor allem mit dem spezifischen Thema „Fundamentalismus“. Dieser stellt zwar ohne Zweifel ein Phänomen innerhalb des Islam dar, ebenso wie innerhalb des Juden- und Christentums Fundamentalismus als eine Variante vorhanden ist. Die angebliche Überbetonung dieses Fundamentalismus im Zusammenhang mit dem Islam und damit einhergehend die Ausblendung anderer bedeutender Phänomene der Gegenwart in der Islamischen Welt wird jedoch als Armutszeugnis für eine wissenschaftliche Disziplin angesehen und zeuge nach Auffassung der muslimischen Kritiker von einer Unterordnung ihrer Fachvertreter unter die majoritären Ansichten der westlichen Gesellschaft. Man sei der Versuchung unterlegen, vorrangig jene Bereiche wissenschaftlich zu beleuchten und über diejenigen zu publizieren, von denen man annehme, dass sie für öffentliches Aufsehen sorgten. Von einer wertfreien, aus dem Erkenntnisinteresse motivierten Wissenschaft habe man sich dementsprechend immer weiter entfernt.

STEINBACH: Bei uns in Deutschland kann ich diese wissenschaftliche Beschränkung auf ein Phänomen nicht erkennen. An hiesigen Universitätsinstituten werden Grundlagenstudien zum Islam betrieben, die durchaus die Breite dieses Wissensgebiets abdecken und jeglicher Spezialisierung auf einen Teilaspekt – wie eben den Fundamentalismus – vorausgehen. Die Qualität der Fachrichtung an den deutschen Hochschulen kann man ohne Kenntnisse der deutschen Sprache nicht angemessen beurteilen. In diesem Dilemma befinden sich zahlreiche, an Themen unserer Disziplin Interessierte außerhalb unserer Landesgrenzen, die bestimmte Tendenzen in der französisch- und englischsprachigen Literatur zum Orient feststellen und als Grundsätze der westlichen Orientalistik schlechthin auffassen.

Zwar habe ich ebenfalls herausgestellt, wie sehr die gegenwartsbezogene Forschung hier in Deutschland Orientalismus-orientiert ist; dennoch sollten die zahlreichen bedeutenden Arbeitsansätze zu breiteren Themenstellungen nicht außer Acht gelassen werden. Hervorzuheben wäre beispielsweise mein Kollege Werner Ende, der immer wieder darauf besteht, die Islamwissenschaft in erster Linie als Grundlagenwissenschaft zu betreiben, bevor wir uns in das Feld der Politik in Form einer angewandten Islamwissenschaft begeben.

KHALLOUK: Die Arbeiten Endes zur Geschichte der Umayyaden und anderen bedeutenden historischen Epochen der Arabischen Welt sind ohne Zweifel herausragend und zeugen von einer tiefgründigen Auseinandersetzung mit der Islamgeschichte, wobei auch die verschiedenen Varianten der historischen Islaminterpretation Berücksichtigung finden. Der Vorwurf einer Fixierung auf den Teilaspekt Islamischer Fundamentalismus in der westlichen Elite bezieht sich allerdings auch weniger auf die historische Betrachtungsweise, als mehr auf die Einstellung zur gegenwärtigen Arabischen Welt.

Als Beispiel sei der Titel „Versuch über den radikalen Verlierer“ von Hans Magnus Enzensberger genannt. Enzensberger ist zwar kein studierter Orientalist; es handelt sich jedoch zweifelsohne um einen bekannten deutschsprachigen Publizisten, der sich zugetraut hat, über die Arabische Welt zu schreiben, und der dabei den Fundamentalismus in den Mittelpunkt stellt. Wenn man diesen Beitrag liest, wird einem der Eindruck vermittelt, dieser Islamische Fundamentalismus sei aus einem Nichts heraus entstanden und der Westen habe in keiner Weise zu seiner Entstehung und Ausbreitung beigetragen. Zeugt diese Darstellung nicht von einer selektiven Wahrnehmung, angesichts der zahlreichen, am Westen orientierten zukunftsweisenden Tendenzen in der Arabischen Welt, deren pluralistische Entfaltung ausgerechnet von westlichen Herrschaftseliten bedroht wird? Wird nicht ebenso die Unterstützung der USA für Regime wie in Saudi-Arabien außer Acht gelassen? Die Verwicklung Frankreichs in den Staatstreich in Algerien, der eine demokratische Wahl dieser Islamisten torpedierte und dadurch zu deren Radikalisierung beitrug, scheint hier offenbar auch nicht angemessen Berücksichtigung gefunden zu haben. Woraus resultieren Ihrer Ansicht nach diese verbreiteten Negativstigmatisierungen gegenüber Arabern oder Muslimen in der westlichen Gesellschaft und in wie weit trägt die deutsche Orientalistik zu ihrer Verfestigung bei?

STEINBACH: In wie weit die deutsche Orientalistik dieses Islambild gefördert hat, kann ich nicht abschätzen. Sie haben in sofern Recht mit Ihrer Darstellung, als wir im Westen im Augenblick leider auf den Fundamentalismus als Wesensmerkmal der Islamischen Zivilisation fixiert sind. Die Frage bleibt daher, welche Ursachen dafür als verantwortlich anzusehen sind. Der Fundamentalismus ist nun mal das auffallendste Phänomen in der zeitgenössischen Islamischen Welt. Publizisten wie Enzensberger, die im Bereich der Literatur und der politischen Publizistik zu Hause sind und einen breiten philosophisch-politischen Interessentenkreis zu bedienen beanspruchen, stellen das auffallendste Phänomen in den Vordergrund. Hierfür habe ich sogar ein gewisses Verständnis.

Dieser Trugschluss einer Fixierung der deutschen Orientalistik auf das Thema „Islamischer Fundamentalismus“ kann nur entstehen, weil die breite Öffentlichkeit die ernsthaften islamwissenschaftlichen Texte nicht kennt oder bewusst nicht zur Kenntnis nimmt. Wertvolle islamwissenschaftliche Arbeiten sind zudem nur die Wenigsten in der Lage zu lesen. Sie dürfen nicht jene populistischen Effekthascher zum Maßstab nehmen, die deutsche Islamwissenschaft zu beurteilen. Denn es ist unbestreitbar: Enzensberger ist tiefenpsychologisch betrachtet – bei allem, wozu er definitiv in der Lage ist, und bei allem Großartigen, das er in seinem Metier leistet – wissenschaftlich eine Randexistenz. Wenn wir den Blick auf die tatsächlich relevanten deutschen orientalistischen Publikationen richten, zeigt sich, dass die wissenschaftliche Befassung mit der Islamischen Welt, mit den Phänomenen des Islam in Deutschland quantitativ und qualitativ Wertvolles hervorgebracht hat.

Es sind bedeutende Arbeitenden hierzu in der Linguistik erschienen, ebenso in der Geschichtswissenschaft, in der Literaturwissenschaft – Frau Pannewick hier in Marburg tritt dabei besonders hervor – und die Koranwissenschaft in Berlin darf auch nicht unerwähnt bleiben, wo die bemerkenswerten Forschungen von Angelika Neuwirth hervorstechen. Ich bin sehr kritisch gegenüber vielen Tendenzen, die in dieser Disziplin in Deutschland zu beobachten sind, Pauschalisierungen und Vereinfachungen sollten wir uns jedoch nicht leisten. Die Ergebnisse dieser Forschungen lassen sich nur fundiert beurteilen, sofern man erstens die deutsche Sprache beherrscht und zweitens einen Islamwissenschaftler hinsichtlich seiner inhaltlichen wie methodischen Zugänge angemessen einzuschätzen in der Lage ist, indem man selbst dem Bereich der Islamwissenschaft oder Orientalistik entstammt.

Gleichwohl will ich Ihnen einräumen, dass sich nicht zuletzt auch in der Berichterstattung über das breite Panorama der Wirklichkeit der Islamischen Welt zwischen Nordafrika und Indonesien, Zentralasien und dem subsaharischen Afrika eine publizistische Schieflage ergibt. Positive und konstruktive Entwicklungen finden nur einen Bruchteil des Platzes in den Medien, den negative Ereignisse, insbesondere im Zusammenhang mit Gewalt einnehmen. Weiterhin ist ein Tatbestand, dass sich auch herausragende Publizisten – Enzensberger haben Sie genannt – in kritischer, ja bösartiger Weise über „den Islam“ hermachen, ohne tatsächlich über Kenntnisse der Gesamtheit der kulturellen, politischen, ja reform-theoretischen Wirklichkeit in der Islamischen Welt zu verfügen.

Kalischs Mohammed – Thesen als Kennzeichen eines Euro- Islam?

KHALLOUK: Es sollte nicht in Abrede gestellt werden, dass in der deutschen Islamwissenschaft auch heutzutage noch Bahnbrechendes hervorgebracht wird. Offenbar dringen diese Randexistenzen mit ihren ressentimentbeladenen Darstellungen leichter an die Öffentlichkeit und entfalten daher eher ihre Wirkungen in der Arabischen Welt. Vielleicht liegt dieser Befund daran, dass die wissenschaftlich wertvollen Werke und Themen von populärwissenschaftlicher und publizistischer Seite nur selten aufgegriffen werden, weil sie für den nichtmuslimischen Laien zu schwer verständlich sind und keinen umfangreicheren Leser- bzw. Käuferkreis erwarten lassen. Diese wissenschaftlich bedeutenden Arbeiten lassen sich offenbar zudem weniger für politische Interessen instrumentalisieren.

Sie scheinen jedenfalls ungeachtet ihrer fachlichen Qualität davon auszugehen, dass eine Majorität der deutschen wissenschaftlichen Analysten zur Islamischen Welt politisch geprägt oder interessengeleitet ist. Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die provokativen Statements des Münsteraner Islamologen Muhammad Kalisch, der nicht nur allgemeine Negativassoziation über die Muslime verbreitet, sondern zentrale muslimische Glaubensaussagen in Zweifel zieht. Er äußert Skepsis daran, dass der Prophet Mohammed überhaupt existiert habe und stellt den Wahrheitsgehalt wesentlicher Passagen des Korans in Frage, womit er von Muslimen konservativer wie liberaler Ausrichtung als Provokateur und Beleidiger ihrer Religion empfunden wird. Erkennen Sie darin eine ernsthafte Aufgabe der Islamwissenschaft in Deutschland, über existentielle Glaubensaussagen dieser Religion zu spekulieren?

STEINBACH: Wissenschaftlich ist es meines Erachtens zulässig, Fragen dieser Art aufzuwerfen. Die Freiheit der Wissenschaft setzt keine Grenzen und es darf für einen Wissenschaftler keine Tabuzonen geben.

KHALLOUK: In der Tat können wir prinzipiell alles in Frage stellen. Welche Fragen die öffentliche populärwissenschaftliche und von den Medien begleitete Debatte bestimmen, ist aber doch gewöhnlich nicht zufällig und hängt immer auch von den gesellschaftspolitischen Gegebenheiten ab. Wie Sie selbst herausgestellt haben, besteht eine Beziehung zwischen dem Wissenschafter, den allgemeinen Interessen, die er verfolgt und den gesellschaftspolitischen Machtverhältnissen. Worin sehen Sie das Motiv, dass Kalisch sich mit seinen provokanten Thesen zum gegenwärtigen Zeitpunkt an die Öffentlichkeit begeben hat?

STEINBACH: Von der konkreten Thematik verstehe ich nur wenig, da ich kein Islamologe oder islamischer Theologe, sondern klassischer Orientalist bin. Persönlich steht für mich zweifelsohne fest, dass der Prophet Mohammed eine historische Tatsache war. Meine Grundauffassung in Bezug auf die Aussagen Kalischs ist jene, dass wir zwischen dem Gläubigen an eine Religion und demjenigen, der sie phänomenologisch – wissenschaftlich untersucht, zu differenzieren haben. Dem bekennenden Muslimen, der sich an bestimmte Glaubensaussagen gebunden sieht, steht folglich der Islamwissenschaftler gegenüber, der aus distanzierter Perspektive die sich mit dem Islam verbindenden Phänomene im wissenschaftlichen, darunter auch dem historischen Kontext untersucht und einordnet.

In den letzten Jahren hat sich innerhalb der Islamwissenschaft eine Schule herausgebildet, welche die Nachweisbarkeit des Propheten Mohammed bestreitet und die islamische Lehre als Weiterentwicklung einer aramäischen und christlichen Tradition interpretiert. Mit Luxenberg begann man die bisher nicht nur von Muslimen als historische Tatsachen begriffenen Ereignisse von der sprachwissenschaftlichen Seite aus in Frage zu stellen. Diesem folgte die Saarbrücker Schule um Wissenschaftler wie Ohlig und brachte mehrbändige Werke heraus, in denen sie diese neue Sichtweise über Mohammed und den Koran darlegten. Kalisch befindet sich nun bedauerlicherweise in einem Zwiespalt. Auf der einen Seite ist er Islamwissenschaftler und sucht aus dieser distanzierten wissenschaftlichen Position heraus die historischen Ereignisse zu rekonstruieren. Auf der anderen Seite ist er aber auch islamischer Theologe, besetzt einen Lehrstuhl für islamische Theologie und ist von dem Anspruch geleitet, muslimische Funktionsträger auszubilden, die der Gemeinde dienen sollen. In dieser zwiespältigen Situation hat sich Kalisch ausgerechnet an der Position jener orientiert, die diese seltsamen, der islamischen Lehre offenkundig widersprechenden Mohammed-Thesen vertreten. Wissenschaftlich erachte ich dies für legitim, auch wenn jene Fachvertreter in keiner Weise – weder methodisch noch hinsichtlich ihrer Aussagen – den Mainstream der Islamwissenschaft darstellen. An der Universität Münster sieht man sich nun aufgefordert, nach einer praktischen Lösung zu suchen, da Kalischs Lehrstuhl für die Ausbildung von gläubigen Funktionären, die der Gemeinde zu dienen haben, konzipiert ist.

Ich verfolge aufmerksam, wie sich dieser Konflikt lösen lässt, warne jedoch davor, in Kalischs wissenschaftlicher Position ein Menetekel zu betrachten und die Wahnvorstellung zu pflegen, es kämen dadurch Vertreter in die Gemeinden, welche die Muslime von ihrem Glauben zu distanzieren bestrebt seien. Das ernsthafte Problem bezieht sich hierbei nur auf die Personalie Muhammad Kalisch und wird in der einen oder anderen Weise einer Lösung zugeführt. Den Mainstream der Disziplin repräsentiert beispielsweise der Kollege Tilman Nagel, der sich geringschätzig über diese Schule geäußert hat. Ähnliche Stellungnahmen sind von anderen bedeutenden Koranwissenschaftlern wie Werner Ende, Stefan Wild oder Angelika Neuwirth zu vernehmen gewesen. Diese Vertreter repräsentieren den Mainstream der deutschen Islamwissenschaft. Sie beleuchten in ihren Arbeiten sehr komplexe Fragen zum Koran und seiner Entstehung, zweifeln jedoch keineswegs daran, dass hierin die authentischen Positionen und Verkündungen des Propheten niedergeschrieben sind und das geschriebene Wort darstellen, das den Glauben der Muslime bestimmen soll.

KHALLOUK: Mag sein, dass Herr Kalisch nicht die Mehrheitsmeinung der deutschen Islamkundler repräsentiert. Seine öffentliche Wirkung ist jedoch unverkennbar und erzeugt ein Bild von der deutschen Islamologie in der muslimischen Gesellschaft, welches nicht dazu beiträgt, das Vertrauen in die deutsche Intellektualität insgesamt zu erhöhen. An diese geistig wissenschaftliche Elite ist immer wieder der Anspruch herangetragen worden, die Speerspitze für einen die gesamte Civil Society umfassenden Dialog der Kulturen zu bilden, einen Schritt auf die fremde Kultur zuzugehen und über bestehende oder vermeintliche Gräben Brücken zu schlagen. Vor diesem Hintergrund erscheint die Frage dennoch legitim, warum ausgerechnet in jener Zeit, als dieser Kulturdialog von den verschiedensten Seiten zur Hauptaufgabe erklärt wird, Vertreter der diesbezüglich mit besonderer Verantwortung betrauten Disziplinen sich Fragen, die in der muslimischen Gesellschaft als Provokation empfunden werden, zuwenden.

Schließlich handelt es sich um Fragen, zu denen eine definitive, endgültige Antwort kaum zu erwarten ist. Wissenschaftlich mag es legitim sein, die Frage aufzuwerfen, ob Mohammed tatsächlich existiert habe oder nicht, ob sie in der heutigen Zeit eine die Gesellschaft weiterführende Frage darstellt, sollte dennoch bezweifelt werden. Das Infragestellen von Mohammeds Existenz kommt für Millionen Muslime der generellen Unterstellung seiner Nichtexistenz gleich und kann bei ihnen weder Glaubwürdigkeit noch Akzeptanz erfahren. Man wird diese Frage unter Muslimen, auch als „wissenschaftliche Frage“ deklariert, nicht akzeptieren und attestiert demjenigen, der sie aufwirft, generell eine gegen den Islam gerichtete Grundeinstellung.

Demonstriert diese fehlende Sensibilität gegenüber den Gefühlen und Ansichten der Muslime nicht, dass der deutsche Orientalismus heutzutage sich in einer Krisensituation befindet? Schließlich bestehen zahlreiche erörterungswürdige Fragen im Verhältnis des Islam mit dem Westen, die eine intensive wissenschaftliche Beschäftigung erfordern, um den angestrebten Dialog der Kulturen fruchtbar werden zu lassen. Die Existenz Mohammeds öffentlich zur Disposition zu stellen, kann keine andere Wirkung erzielen, als wenn ein Muslim sich vor die Öffentlichkeit begibt und proklamiert, die Existenz von Jesus und Moses sei eine Fiktion. Da man Fragen dieser Dimension weder empirisch beantworten kann, noch mit ihnen eine Wirkung außer derjenigen einer massiven Zurückweisung dieser Position erreicht, gilt es auch, ihre Wissenschaftlichkeit zu hinterfragen. Zweifellos besteht eine wissenschaftliche Aufgabe darin, sich mit dem Text des Korans auseinander zu setzen. Die Überlegung sollte freilich darauf zielen, wie das geschehen sollte, ohne die Gefühle von Millionen von Muslimen zu verletzen und gleichzeitig den wissenschaftlichen Erkenntnisstand zu erweitern.

STEINBACH: So lange der Glaube respektiert wird, bleibt Wissenschaft legitim und berechtigt, alle Fragestellungen zu erörtern und jegliche Themenbereiche zur Diskussion zu stellen. Herr Ohlig verbindet sicherlich mit seiner Methode keineswegs die Absicht, Muslime ihres Glaubens zu entfremden. Er gelangt lediglich zu einer Schlussfolgerung, die den meisten Islamwissenschaftlern – einschließlich Herrn Nagel und mir – suspekt erscheint. Akzeptieren als wissenschaftliche These sollten wir seine Darstellungen dennoch – zumal sie in einer Zeit an die Öffentlichkeit dringen, in der alle möglichen Positionen erlaubt sind.

Sie könnten zwar dagegen argumentieren, Kalischs Methode stelle eine Fortsetzung des Karikaturenstreits mit intellektuellen Mitteln und auf höherer Ebene dar. Ich teile diese Ansicht jedoch nicht. Mit diesen Karikaturen ist in der Tat eine Provokation gegen den Islam in den Raum gestellt worden. Auf muslimischer Seite hat es allerdings ebenfalls Provokateure gegeben, die den Streit weiter angeheizt und ihm Dramatik verliehen haben. Die Diskussion, in wie weit der Respekt vor dem Glauben sich mit dem Grundrecht auf Meinungsfreiheit bzw. Freiheit der – u.a. künstlerischen – Darstellung vereinbaren lässt, ist noch nicht zu einem endgültigen Resultat gelangt. Die Debatte verlangt daher nach Fortsetzung. Die westlichen und muslimischen Eliten sollten sich weiterhin darüber auseinander setzen und dahin gelangen, eine gemeinsame Sprache zu finden.

Auf der Ebene der Wissenschaft verhält es sich auf gleiche Weise. Dieses angesprochene Verhältnis von wissenschaftlicher Freiheit auf der einen und Glauben auf der anderen Seite verlangt gleichermaßen nach einer fortdauernden Diskussion. Wir stehen hierbei am Anfang eines Prozesses und können deshalb nicht von vorn herein zu dem Urteil gelangen, was diese Wissenschaftler betreiben, dürfen sie nicht. Sie werden weiterhin provokante Thesen aufstellen und es gilt, gemeinsam im Dialog zwischen dem Westen und dem Islamischen Kulturkreis herauszufinden, wie damit umzugehen ist. Eine Milliarde Muslime können nicht den Schiedsrichter über Herrn Kalisch repräsentieren, sondern müssen akzeptieren, dass er als Wissenschaftler diese – für sie provokanten – Positionen vertritt.

Von einer anderen Perspektive aus betrachtet sehe ich Herrn Kalisch und seine öffentlichen Bekundungen sogar als Zeichen eines gesellschaftlichen Fortschritts. Sie demonstrieren für mich, dass der Islam in der deutschen Gesellschaft weit stärker integriert ist als man das bisher wahrgenommen hat. Wenn sogar ein Islamwissenschaftler, zudem noch ein muslimischer Professor und Theologe, öffentlich konstatiert, den Propheten Mohammed habe es eigentlich nicht gegeben, zeigt dies, wie kritisch die muslimische Szene in Deutschland bezüglich ihrer traditionellen Autoritäten geworden ist. Ich sehe in Kalisch eine islamische Version des katholischen Kirchenkritikers Hans Küng, der öffentlich u.a. das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes zur Disposition stellt.

Diese Kritikfähigkeit der islamischen Theologie sehe ich als Ermutigung. Darin erkenne ich ein Zeichen, dass die muslimische Gelehrtenszene sich zumindest hierzulande eben nicht im Mittelalter befindet, sondern auf dem Weg in die Moderne ist. Wie Herr Küng nicht mehr katholische Theologie in der Verantwortung der Katholischen Kirche und des Vatikans lehren und nicht mehr als Professor für die Kirche Theologen ausbilden darf, so darf nun Herr Kalisch nicht länger muslimische Theologen ausbilden. Intellektuell bleiben seine Thesen dennoch Bestandteil der Diskussion; und Herr Kalisch darf seine Forschungstätigkeit an der Universität Münster weiterhin ausüben.

KHALLOUK: Der Vergleich zwischen Küng und Kalisch scheint mir etwas unglücklich gewählt. Küng lehnt sich gegen die institutionalisierte Autorität der katholischen Kirche auf und zweifelt päpstliche Dogmen an. Das bringt ihn beim Klerus in Misskredit, ist aber kein generelles Bezweifeln wesentlicher christlicher Glaubensinhalte. Wenn die große Majorität der Christenheit den Papst die gesamte christliche Historie hinweg als „unfehlbar“ betrachtet hätte, wäre es niemals zu einer Konfessionalisierung innerhalb des Christentums gekommen. Es bestünden neben der römisch katholischen Kirche vielleicht einige marginale Sekten und Splittergruppen, der Protestantismus und die Orthodoxie würden jedenfalls keine kontinentale Bedeutung entfaltet haben.

Herr Kalisch hingegen stellt zentrale Glaubensinhalte des Islam zur Disposition, ohne die eine Identität als Muslim – Sunnit wie Schiit – unvorstellbar ist. Der Prophet und seine Offenbarung stellen den Kern des Islam als Religion dar, sie sind nicht Dogmen einer „islamischen Kirche“, da eine Kirche als Institution wie im Christentum für den Islam nicht kennzeichnend ist. Eine Anzweifelung der Existenz des Propheten ist jedoch nur eine Vorstufe zur Anzweifelung Gottes. Viele Christen, die Küngs Ansichten bezüglich der kirchlichen Dogmen – wenn nicht teilen, so doch zumindest für diskussionswürdig erachten, würden einen Theologieprofessor, der Jesus Existenz bezweifelt, dennoch ebenso für eine Beleidigung und vielmehr Abqualifizierung ihres Glaubens befinden. Ähnlich ergeht es der großen Mehrheit der Muslime in Deutschland wie in der Islamischen Welt.

Unabhängig von dem Fall Kalisch hebt sich die Ansicht vieler muslimischer Gelehrter europäischer Institutionen in einigen wesentlichen Bereichen durchaus von derer in den traditionellen islamischen Ländern ab. Vor diesem Hintergrund wird immer wieder die These aufgestellt, die Muslime hier in Europa befänden sich auf den Weg in einen spezifischen „Euro-Islam“. Teilen Sie diese Ansicht?

STEINBACH: Ja. Der Euro-Islam scheint sich auszuprägen. Ich erkenne durchaus Anzeichen für eine Entwicklung in diese Richtung. Das kritische Denken der europäischen Moderne hat mehr und mehr auch die muslimischen Immigranten erfasst. Sie bleiben ihrer Religion zwar verbunden, orientieren sich jedoch zumindest an europäischen Werten.

KHALLOUK: Wenn europäische Islamkundler den Propheten Mohammed anzweifeln oder zumindest in seiner Bedeutung für die Muslime herabzustufen bereit sind, befinden wir uns nun ebenso auf dem Weg zu einem „europäischen Propheten“, der eine Prophetie parat hat, die sich explizit am europäischen Werteverständnis orientiert?

STEINBACH: Nein, Mohammed bleibt der Prophet für die Muslime in Europa ebenso wie im Nahen und Mittleren Osten. Vielmehr hebt die entscheidende Diskussion darauf ab, welche Relevanz die Scharia besitzt, d.h. es geht um die Interpretation des Korans und der Aussagen des Propheten, der Sunna, für die Praxis im gesellschaftlichen Alltag. Wie diese im europäischen Gesellschaftskontext umzusetzen sind, dies wird den Gegenstand des europäischen Islam darstellen. Es existiert bereits in dieser Hinsicht ein „türkischer Islam“, d.h. ein Islam, wie er an der Hochschule in Ankara und an anderen islamisch theologischen Fakultäten der Türkei gelehrt wird. Wie vor einiger Zeit in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen war, fordert der im Exil lebende iranische Theologe, Herr Eschkewari, in ähnlicher Weise eine Modernisierung des Islam für die iranische Gesellschaft; er nimmt dabei immer wieder Bezug auf die aktuellen Ereignisse im Zusammenhang mit den umstrittenen Präsidentschaftswahlen im Iran im Juni 2009.

Diese Gelehrten suchen nach einem Weg, den Islam und das Gesellschaftssystem der Gegenwart in Kompatibilität zu bringen. Als Ziel haben sie eine Vereinbarkeit von Islam und Demokratie vor Augen, die aus den Heiligen Texten herauszulesen ist. Herr Eschkewari vertritt die Auffassung, der Muslim sei gegenüber seinem Gemeinwesen verpflichtet. Die Art und Weise, wie der Islam von den Machthabern im Iran und anderen islamischen Staaten der Gegenwart ausgelegt und für die Zwecke einer bestimmten Klientel politisch instrumentalisiert werde, sei jedoch mit diesem Grundsatz nicht vereinbar.

KHALLOUK: Gesellschaftskritische muslimische Stimmen dieser Art sind nicht nur aus Europa, dem Iran oder der Türkei zu vernehmen, sondern ebenso aus arabischen Ländern. Es handelt sich um Stimmen, die aus dem Islam selbst heraus argumentieren, die sich der fortschrittsfeindlichen Auslegung der herrschenden weltlichen und geistlichen islamischen Eliten widersetzen und betonen, die Scharia sei die Interpretation der Heiligen Schriften von Menschen in ihrem jeweiligen zeitörtlichen Bezugssystem und erfordere folglich, heute nach dem gegenwärtigen Gesellschaftskontext neu reflektiert und ausgelegt zu werden.

STEINBACH: Um diese Stimmen innerhalb des Islam, innerhalb der islamischen Textauslegung, handelt es sich bei der Diskussion zum sogenannten Euro-Islam. Keineswegs steht dahinter die Absicht, einen „europäischen Propheten“ zu konstruieren. Der Prophet ist und bleibt ein „arabischer Prophet“ und der Islam bleibt der Islam – unabhängig von Geschichte und Geographie. Die zu erörternde Frage betrifft die Scharia, bzw. ihre Praktikabilität für einen Muslimen im Kontext des Europas der Postmoderne.

KHALLOUK: In der Tat sollte die Interpretation zeitgemäß sein und sich an den jeweiligen gesellschaftlichen Gegebenheiten orientieren. Die Scharia als solche bezieht sich jedoch auf die vier Rechtsquellen und kann aus islamischer Sicht weder aufgegeben noch für nicht mehr gültig erklärt werden. Es gilt folglich, immer den Sinn der Heiligen Texte mit der Praktikabilität in der Gegenwart in Einklang zu bringen.

STEINBACH: Dies herauszustellen ist Ihr Bestreben in Ihrem Buch „Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas“, wenn ich Ihr Anliegen richtig deute. Mit Bezug auf Marokko suchen Sie nach einem Konzept für eine Übereinstimmung zwischen Modernität und Islam. Sie erörtern die Frage, wie eine muslimische Gesellschaft heute modern sein, zugleich sich aber an ihrem eigenen historischen Erbe orientieren könne, d.h. aus der islamischen Tradition die Initiative für die gesellschaftliche Gegenwart und Zukunft herauszuschöpfen in der Lage sei.

Muslime stellen deutsche Gesellschaftstabus in Frage

KHALLOUK: Hier in Europa wird Modernität von einigen Intellektuellen jedoch offenbar derart interpretiert, dass auch zentrale muslimische Glaubensaussagen als „unhistorisch“ abqualifiziert werden dürfen. In einem Meinungsaustausch mit Stefan Reichmuth, dem Islamwissenschaftler aus Bochum und Redaktionsleiter der Zeitschrift „Welt des Islam“ vertrat dieser die Ansicht, es gehöre zur Freiheit der Forschung in Europa, dass man jegliche zu Dogmen verfestigten oder von der Allgemeinheit als Tatsachen betrachteten Sichtweisen einschließlich der Existenz des Propheten hinterfragen dürfe.

Diese Aussage hat mich zur kritischen Reflexion darüber veranlasst, ob man in Deutschland tatsächlich jegliche Grundaussagen in Zweifel ziehen dürfe. In der muslimischen Gesellschaft wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die deutsche Gesellschaft hierbei durchaus Ausnahmen bestehen lasse, die prinzipiell zu Tabubereichen erklärt würden. Dem deutschen Gesetz nach gelte es als strafbar, den Holocaust zu hinterfragen, da Zweifel hieran die betroffenen Millionen von Menschen beleidigen würde. Zugleich werde eine elementare Glaubensfrage für eine Milliarde Muslime im Namen der Freiheit der Forschung als „gewöhnlicher wissenschaftlicher Erörterungsgegenstand“ akzeptiert.

Besteht hier nicht in der Tat ein Missverhältnis? Wie können deutsche Repräsentanten die wissenschaftliche Freiheit ihres Landes den muslimischen Gesellschaften als erstrebenswertes Ideal nahelegen, wenn in Deutschland bestehende Missverhältnisse von dieser Dimension von den Muslimen wahrgenommen werden. Ist der von islamistischen Kreisen geäußerte Vorwurf einer Unverhältnismäßigkeit und einer Unterordnung der wissenschaftlichen Freiheit im Westen unter politische Interessen nicht gerechtfertigt?

STEINBACH: Ich teile Ihre Kritik insofern, als ich es ebenso für unangemessen erachte, dass die Leugnung des Holocausts gerichtlich bestraft wird. Leugnet jemand Gott, wird ihn niemand vor ein Gericht bringen und anklagen können. Von daher sollte in unserer Gesellschaft noch einmal reflektiert werden, ob hier nicht doppelte Standards bestehen. Ich kann den Vorwurf der Islamischen Welt an den Westen jedenfalls nachempfinden, dass hinsichtlich der immer wieder geforderten wissenschaftlichen Freiheit mit zweierlei Maß gemessen werde.

Unabhängig davon, dass ich eine gerichtliche Verfolgung der Holocaustleugnung nicht für angemessen befinde, bin ich allerdings der Auffassung, dass jemandem, der den Holocaust leugnet und dafür in der Gesellschaft auf Beifall zu treffen erwartet, in Wort und Schrift entschieden entgegengetreten werden muss. Es gilt zwar ein Denkverbot aufzuheben, zugleich aber jeder politischen Instrumentalisierung des Phänomens des Holocausts kritisch entgegenzutreten. Dies umso mehr, wenn mit der Leugnung des Holocausts antijüdische und antisemitische Propaganda verbunden ist.

Einen anderen Stellenwert besitzt die Frage bezüglich einer Kritik an Israel. Die Tabuisierung jeglicher Israelkritik betrachte ich als Phänomen des Zeitgeistes. Hierbei handelt es sich um einen Grundsatz, an den keiner sich zu halten gesetzlich gebunden ist. Die Kritik an Israel mag eine politische Ausgrenzung nach sich ziehen, eine für den Kläger erfolgreiche gerichtliche Anklage allerdings nicht. Hierfür fehlt die gesetzliche Grundlage. Ich bin mir bewusst, dass es gegenwärtig in Deutschland nicht als opportun gilt, Israel zu kritisieren. Gewöhnlich ziehen diesbezügliche Äußerungen heftige Schelte aus dem Raum der Politik und Medien nach sich.

Hierbei handelt es sich jedoch um ein zeitlich – konjunkturelles Phänomen. Ich sehe mich in dieser Hinsicht zu keiner Zurückhaltung veranlasst und kritisiere Israel, wenn ich es von der Sachlage her für angebracht ansehe. In einem Vortrag an der Justus-Liebig-Universität Giessen im Juni 2009 beispielsweise stand ein Thema im Mittelpunkt, bei dem ich eine deutliche Kritik an Israel und seinem gegenwärtigen Ministerpräsidenten Netanyahu für geboten sah. Meinen Vortrag hielt ich vor einer bedeutenden Anzahl arabischer Zuhörer und dabei standen die humanitären Zustände in den Palästinensergebieten, insbesondere im Gazastreifen im Mittelpunkt. Die diesbezüglichen Äußerungen Netanyahus zeugen, wie ich in diesem Vortrag deutlich zum Ausdruck gebracht habe, von einer Arroganz, die kaum zu überbieten ist.

Wir sollten also grundsätzlich bestehende Tabus bezüglich deutscher Israelkritik überdenken und hinsichtlich ihrer Berechtigung hinterfragen. Um hier zu Veränderungen zu gelangen, erachte ich es allerdings für wünschenswert, dass die Muslime hierzulande sich öfter couragiert in die politischen Debatten einbringen. Erste Ansätze einer muslimischen Intellektualität in Deutschland glaube ich bereits zu erkennen und ich hoffe stark, dass sie sich bald als öffentlich wahrgenommene Teilnehmer der gesellschaftspolitischen Debattenkultur in Deutschland erweisen. Sie müssen uns alteingesessene Deutsche auf unberechtigte, inakzeptable Tabus in unserer Gesellschaft hinweisen.

Diese Hinweise hierzu dürfen nicht aus Kairo oder Saudi-Arabien zu uns gelangen, sondern sollten von Muslimen in unserem Land, von Repräsentanten des Islam in Deutschland geäußert werden, die nicht im Ruch stehen, die Interessen eines Staates oder einer auswärtigen Organisation zu vertreten. Entscheidend wird sein, dass diese deutschen oder in Deutschland ansässigen Muslime eine logische Sprache benutzen und logische Argumente hervorbringen.

Ein Beispiel hierfür hat kürzlich Navid Kermani mit seinen Auslassungen zum Kreuz gegeben. Herr Kermani hat etwas zum Ausdruck gebracht, worauf ich eigentlich schon seit langem warte. Er artikulierte ein eigenständiges Denken eines muslimischen Intellektuellen zum Thema des Kreuzes und der Kreuzigung als des zentralen christlichen Zeichens der Erlösung; zugleich aber hat er den breiten Rahmen und die Grundlage eines Nichtmuslimen wie für Muslimen gemeinsamen Wertekanons nicht verlassen. Diese Gesellschaft muss ihm aber zugestehen, dass er sich öffentlich dazu bekennt, dass für ihn als Muslim oder nach seiner persönlichen Ansicht das Kruzifix nicht die gleiche Bedeutung hat wie für einen Christen.

Mag seine Gedankenführung von Kardinal Lehmann als Diffamierung seiner christlichen Religion aufgefasst werden; Kermani gibt hiermit seine einer anderen religiösen und kulturellen Tradition entstammende Sichtweise auf einen zentralen Inhalt christlich-abendländischer Geschichte wieder und diese sollte eine pluralistische Gesellschaft ihm zugestehen. Deutschland befindet sich in einer Ära, in welcher der Integrationsprozess der Immigranten aus fremden Kulturkreisen von uns alteingesessenen Deutschen ebenso einer Überprüfung herkömmlicher Denkmuster bedarf wie auf Seiten der Immigranten. Wir müssen den muslimischen Migranten zugestehen, dass sie zum Holocaust und anderen gesellschaftlichen Symbolthemen eine grundsätzlich andere Einstellung besitzen als wir. Der Mut, diese andere Position in der Öffentlichkeit zu vertreten, ist eine Herausforderung an die muslimischen Immigranten.

Sie sollten ihre divergenten Einstellungen gegenüber der Aufnahmegesellschaft mit nachvollziehbar begründeten Argumenten unterlegen. Dies erfordert einen Denkprozess sowohl bei uns als auch bei ihnen; in diesem Prozess befindet sich unsere Gesellschaft gerade am Anfang. Nun ist es an der Zeit, dass sie sich mit ihren eigenständigen Positionen an die deutsche Öffentlichkeit wenden und wir ihnen das Forum dazu bieten.

Vor einiger Zeit habe ich mich am Rande eines Vortrags in Österreich gewundert, dass bei der Literaturpräsentation nur drei Bücher des muslimischen Politikwissenschaftlers Bassam Tibi zugriffsbereit lagen. Tibis Denken, dem Gedanken der „Leitkultur“ verpflichtet, hat immer wieder die weitgehende Anpassung muslimischer Einwanderer an die geistigen Koordinaten Europas gefordert. Ich verlangte von den Veranstaltern eine Erklärung und wies darauf hin, dass die Zeit sich geändert hat, seit Tibi seine Thesen in zahlreichen Beiträgen vorgetragen hat. Muslime erwarten heute Aufmerksamkeit und Respekt für ihre spezifische Synthese aus muslimischem Glauben und europäischen Traditionen und Werten. Wir dürfen nicht voraussetzen, dass die muslimischen Immigranten erst anständige deutsche Staatsbürger werden, wenn sie alle kulturhistorisch bedingten Sichtweisen der Aufnahmegesellschaft übernommen haben.

So wie Kermani den Kardinal mit seinen Äußerungen zum Kreuz verletzt hat, werden sie mit ihren Ansichten immer wieder den einen oder anderen Repräsentanten der deutschen Mehrheitsgesellschaft verletzen und auf ihrem Weg in die Öffentlichkeit auf Widerstand stoßen. Gleichzeitig werden sie allerdings ebenso Zuspruch erfahren.

Die Anglisierung bedroht eigenständiges Profil deutscher Orientalistik

KHALLOUK: Sie haben in sofern Recht, als die Muslime in der deutschen Gesellschaft verstärkt selbst die Initiative ergreifen sollten, wenn sie für ihre Ansichten Verständnis seitens der Aufnahmegesellschaft erwarten. Ebenso glaube ich aber auch, dass der deutschen Orientalistik, die sich wissenschaftlich mit der islamischen Zivilisation und ihrem Wertebegriff beschäftigt, hier eine Aufgabe zuwächst. Von den Orientalisten erwartet man, dass sie angesichts ihrer Kenntnisse vom Islam und seiner Geschichte von vorn herein die muslimischen Positionen zu dieser oder jener Gesellschaftsangelegenheit angemessen einzuschätzen und plausibel zu erläutern in der Lage sind.

Bei einem großen Teil der Orientalisten bestehen allerdings offensichtlich ebenso Defizite in ihrem Hintergrundwissen wie bei der allgemeinen Bevölkerung, sonst hätten sie sich in jenen emotional geführten Diskussionen wie der Einstellung zum Kreuz doch frühzeitig kompetent eingebracht. Bernard Lewis beklagt ins seinem Buch „Islam in History“, dass die Majorität der westlichen Orientalisten entweder von den orientalischen Sprachen wie Arabisch, Türkisch oder Farsi so gut wie keine Kenntnisse hätten, nur oberflächlich in der Geschichte der islamischen Zivilisation bewandert oder bei ihrer Forschung ideologisch motiviert seien. Diese Kombination aus Unkenntnis und ideologischer Voreingenommenheit trage in der gesamten westlichen Gesellschaft zu einem ressentimentbeladenen Bild des Orients und des Islam bei.

STEINBACH: Bernard Lewis’ Aussagen sollte man hier nicht als Maßstab ansehen. Ich habe ihn kürzlich bei einem Vortrag in Israel gehört. Aus seinen Worten war ein erhebliches Maß an Überheblichkeit gegenüber Muslimen herauszuhören, die seine oben zitierte Kritik in schrägem Licht erscheinen lässt. Dennoch erscheint mir die Frage berechtigt, ob nicht in unserer Disziplin bei dem einen oder anderen Defizite hinsichtlich der Sprachkenntnisse, der Begegnung mit der fremden Kultur und ihrer Einschätzung der muslimischen Befindlichkeiten bestehen. Die kann ich freilich bei der Majorität nicht feststellen.

Wenn Ihr Projekt der Gespräche mit signifikanten Vertretern des Dialogs mit der Islamischen Welt voranschreitet, werden Sie sicherlich ein umfassenderes Bild von der deutschen Islamwissenschaft gewinnen. Sie haben bereits Herrn Reichmuth in Bochum kennen gelernt und werden sicherlich auch noch die Gelegenheit finden, mit Werner Ende in einen Dialog zu treten. Er hat zahlreiche Dissertationen betreut und Anregungen für wissenschaftliche Arbeiten gegeben, bei denen die islamwissenschaftliche Relevanz ebenso unverkennbar ist wie ein Gegenwartsbezug besteht. Naturgemäß muss es bei einem solchen geisteswissenschaftlichen Fach auch Grundlagenforschung geben, bei welcher der Gegenwartsbezug nicht unmittelbar gegeben ist. Über Werner Ende oder Stefan Wild bekommen Sie einen vollständigeren Einblick in die deutsche Orientalistik. Erst wenn Sie diese Breite der deutschen Orientalistik und Islamwissenschaft kennen gelernt haben, sollten Sie die Aussagen von Fachvertretern bewerten, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind.

Die deutsche Islamwissenschaft leidet immer mehr darunter, dass kaum ein Repräsentant ihrer Disziplin im Ausland mehr die Publikationen in deutscher Sprache versteht und liest, womit ihre Leistungen auf globaler Ebene immer weniger gewürdigt werden. Die französischen Islamwissenschaftler werden bald vor dem gleichen Problem stehen, da auf internationaler Ebene fast ausschließlich auf Englisch publiziert wird und die englischsprachigen Autoren gewöhnlich nur andere englischsprachige Autoren in ihren Literaturverzeichnissen präsentieren. Diese Anglisierung des internationalen islamwissenschaftlichen Diskurses verzerrt das Bild der Disziplin und vor dem Hintergrund ihrer eignen fehlenden Deutschkenntnisse spreche ich einigen angloamerikanischen Fachvertretern die Berechtigung ab, sich kompetent über die deutsche Islamwissenschaft zu äußern.

KHALLOUK: Sie haben sicherlich Recht, dass in der Wissenschaft generell und in der Geisteswissenschaft im Besonderen die Hegemonie des Englischen die durchaus bedeutenden Leistungen außerhalb des englischen Sprachraums etwas in den Hintergrund treten lässt. Dies mag sicherlich ein Grund dafür sein, dass die deutsche Orientalistik nicht mehr die Aufmerksamkeit außerhalb der deutschen Grenzen genießt wie im 19. und frühen 20. Jahrhundert, als zwar Großbritannien als Kolonialmacht weltpolitisch bereits bedeutender war als Deutschland, Deutschland jedoch seinerseits politisch und ökonomisch noch weniger abhängig von den USA und Großbritannien war.

Zwei verlorene Weltkriege seitens Deutschlands haben diese Situation sicherlich zu Ungunsten der deutschen wissenschaftlichen Elite verschoben, so dass selbst an deutschen Hochschulen Symposien mit internationaler Besetzung mittlerweile fast ausschließlich in Englisch abgehalten werden. Andererseits mag diese Dominanz Amerikas in Ökonomie, Politik und Wissenschaft heutzutage aber auch deutsche Orientalisten dazu verleiten, sich an den von amerikanischen Fachvertretern vorgezeichneten Tendenzen verstärkt inhaltlich zu orientieren. Hiermit besteht sicherlich die Gefahr, dass man die von Amerika aus verbreiteten ideologisch geprägten Sichtweisen unreflektiert übernimmt, die angesichts der aktuellen Erfahrungen im Irak, aber auch in Palästina von der Islamischen Welt als ökonomisch egoistisch motiviert und gegen das Völkerrecht der Muslime gerichtet wahrgenommen werden.

So wie es die deutsche Politik seinerzeit vermocht hat, mit ihrer öffentlichen Widersetzung gegen den von George W. Bush vorgegebenen Kriegskurs im Irak in der Arabischen Gesellschaft Sympathien zu erwecken, könnte die deutsche Orientwissenschaft mit einer eindeutigen Distanz von interessenmotivierten Postulaten gegenüber dem Islam aus dem angloamerikanischen Raum ihrem Ruf als an aufrichtiger Erkenntnissuche interessierter Wissenschaftsdisziplin bei Muslimen und Arabern wieder gerecht werden. Schließlich sind es vorwiegend Theorien aus dem angloamerikanischen Raum wie Huntingtons „Clash of Civilisations“, die gegenwärtig ein „Feindbild Islam“ in der westlichen Gesellschaft konstruieren oder wieder aufleben lassen.

Dieses ressentimentgeladene Islam- und Orientbild wird mit der westlichen Geisteswissenschaft allgemein assoziiert und schadet folglich ebenso dem Ansehen der deutschen Orientalistik in muslimischen Gesellschaften. Annemarie Schimmel ist aufgefallen, dass bei Orientalisten mehr und mehr die Tendenz besteht, sich auf die Erwartungen der Medienlandschaft einzulassen und ein tatsächliches oder vermeintlich bestehendes „Feindbild Islam“ des Publikums zu bedienen. Demgegenüber hat sie als ihr eigenes Forschungsethos immer den Grundsatz verfochten, den sie in „Islam und Europa“ ihren Fachkollegen ebenfalls nahe legt: Sie sollten an erster Stelle die positivsten Seiten des Islam herausstellen. Hierzu seien die Orientalisten angesichts ihres Hintergrundwissens in der Lage und trügen dementsprechend Verantwortung. Können Sie sich als Orientalist mit Schimmels Einstellung identifizieren?

STEINBACH: Als Wissenschaftler sehen wir uns verpflichtet, ein vollständiges Bild von der morgenländischen Gesellschaft zu zeichnen. Dazu gehören durchaus die dunklen Seiten. Der Blick durch die „rosarote Brille“ würde uns sicherlich nicht zu förderlichen Erkenntnissen führen. Dennoch dürfen wir ebenso wenig ausschließlich die negativen Seiten beachten. Hierzu tendieren gegenwärtig viele und demonstrieren damit ihre selektive, ideologiegeladene Wahrnehmung. Man orientiert sich an den islamfeindlichen Äußerungen der Tradition und kommt damit zu dem Fehlschluss, die westliche Elite habe die gesamte Historie hinweg den Islam bzw. die islamische Zivilisation als Feind oder zumindest negativ betrachtet.

Gerade in der deutschen Klassik ist mit Lessing, Goethe, Herder und Rückert ein Orientbild sichtbar geworden, dass eine Aufgeschlossenheit, ja einen Enthusiasmus erkennen ließ. Dies darf in keiner Weise in Vergessenheit geraten oder ignoriert werden. Dennoch sollte man sein Islambild ebenso wenig nur an Goethe und Herder messen, sondern das Islambild Luthers ist ebenfalls in Betracht zu ziehen. Dieser hat sich ausgehend von der Türkenfrage und angesichts der damaligen Türkenkriege sehr eindeutig in anderer Richtung zum Islam und zu den Türken geäußert. Er hielt den Islam für essentiell falsch. Beide Islambilder gilt es als Teil unserer europäischen Geschichte im Auge zu behalten und zu analysieren, aus welchem Kontext heraus dieses oder jenes Islambild entstanden ist.

Ich sehe es weder als weiterführend an, die Historie schön zu färben noch schwarz zu malen; stattdessen ist eine umfassende Aufarbeitung der traditionellen westlichen Sichtweisen auf den Islam gefordert, um zu einer Standortbestimmung zu gelangen, wie unter den Bedingungen der Gegenwart das Verhältnis zu Muslimen und der Islamischen Welt zu gestalten sei. Umgekehrt gilt diese Forderung allerdings gleichermaßen an die Muslime. Sie dürfen ihr Bild von Europa und von der europäischen Geschichte ebenso wenig auf die Kreuzzüge oder die Türkenkriege verengen. Diese Phasen stellen in der Tat dunkle Kapitel in der europäischen Historie dar; daneben aber lassen sich unzählige Beispiele benennen, die wir Europäer positiv in die Gesamtbilanz unserer Beziehungen zur Islamischen Welt einzubringen in der Lage sind und die nicht übersehen werden dürfen.

Goethe und Averroes als Wegweiser zum künftigen Miteinander der Kulturen

KHALLOUK: Bei den positiven Seiten des Islam und seiner Zivilisationsgeschichte sollten die Europäer vor allem die Phase des maurisch- maghrebinischen Hochmittelalters im Bewusstsein haben, denn damals sind im islamischen Kontext Ideen entstanden, welche später die zivilisatorische Entwicklung ihres eigenen Kontinents inspiriert und darüber hinaus einen bedeutenden Beitrag zur Weltzivilisation geleistet haben. Ich habe dabei in besonderer Weise den mittelalterlichen maghrebinischen Denker Ibn Ruschd (Averroes) vor Augen, der bereits damals eine Trennung von Staat und Religion ins Auge fasste und dafür praktikabel erscheinende Konzepte parat hatte.

Wesentliche Gesellschaftsmodelle der Gegenwart, die eine Separierung von Staat und Religion zu Grunde legen, gehen ursprünglich auf die Ideen von Averroes zurück und stellen nicht, wie gewöhnlich gelehrt, ein ausschließliches Produkt der Neuzeit in Europa dar. Vor dem Hintergrund dieser bahnbrechenden Ideen in der islamischen Frühzeit und im Hochmittelalter dürfen wir den Muslimen heutzutage ebenso wenig unterstellen, sie seien ohne geistige Unterstützung der westlichen Zivilisation nicht in der Lage, sich zu modernisieren und zu demokratisieren oder der Islam stelle eine Barriere für eine gesellschaftliche Progressivität dar.

Die Geschichte hat bewiesen, dass die Muslime durchaus das Potential besitzen, auf der Grundlage ihres eigenen geistigen Erbes und religiösen Gedankenguts zivilisatorische Fortschritte hervorzubringen. Momentan fehlen ihnen im Wesentlichen die materiellen Voraussetzungen, an erster Stelle die geeignete Ausstattung mit Allgemeinbildung, ein Wert, den der Islam bereits in seiner Frühzeit erkannte, der aber in den meisten islamischen Staaten gegenwärtig nur einer Minorität zuteil wird.

STEINBACH: Ich erinnere mich an einen Vortrag von Abdullah An-Na´im in Berlin zu dem Thema Säkularismus. Hierbei stellte der Vortragende deutlich heraus, dass wir Europäer kein Monopol auf die Begriffe Säkularität und Säkularismus beanspruchen können, da diese Ideen in der islamischen Tradition eigenständige Bedeutung besitzen. Ich stimme mit ihm hierbei überein, weise allerdings darauf hin, dass es an Würdigungen der Leistungen eines Averroes bei uns im Westen nicht mangelt. Stattdessen scheint die heutige arabische Philosophie sich seiner Bedeutung für die Weltzivilisation und erst recht für die eigene Zivilisationsentwicklung kaum noch bewusst zu sein.

Während ich im Klettverlag bestaunen durfte, wie Averroes’ Werk als Beitrag zur Philosophiegeschichte mit Blick auf die europäische Mystik eines Meister Ekkehard noch einmal in seiner ganzen Breite aufgearbeitet wird, vermisse ich eine tiefgehende Auseinandersetzung der Muslime der heutigen Zeit mit den großen Denkern ihrer eigenen Geschichte. Diese Auseinandersetzung ist zwar ansatzweise geführt worden, im Augenblick findet sie jedoch so gut wie überhaupt nicht statt bzw. hoffungsvolle Ansätze der Vergangenheit werden nicht weitergeführt.

Die Islamische Welt hält uns Westlern immer wieder vor, wir würden unser Augenmerk bezüglich des Islam und der islamischen Zivilisation nur auf das Phänomen des Fundamentalismus richten. In der traurigen Wirklichkeit unserer Tage aber zum Beispiel lässt jede neu ins Amt gekommene ägyptische Regierung hinsichtlich der Förderung des intellektuellen Klimas in einem Maße eine Unfreiheit erkennen, wie dies insbesondere in der Epoche nach dem Ersten Weltkrieg dort noch undenkbar erschien. Die gleiche Entwicklung stelle ich in Syrien und Jordanien fest; im Libanon und in den Maghrebstaaten ist das geistige Klima ebenso unfreier geworden und über die Tendenzen in Saudi-Arabien sollte man am besten ganz schweigen.

Für uns Europäer sollten der philosophiehistorische Stellenwert und die ideengeschichtliche Leistung des Averroes, auch sein Stellenwert für die europäische Geistesgeschichte, nicht gesondert hervorgehoben werden; vielmehr gilt es herauszustellen, welchen Beitrag das Gedankengut Averroes’ für die Modernisierung der heutigen islamischen Gesellschaften zu leisten in der Lage ist.

KHALLOUK: Sie hatten auf das Berliner islamwissenschaftliche Projekt Corpus Coranicum Bezug genommen. So weit mir bekannt ist, beruht dieses Projekt auf der historischen-kritischen Aufarbeitung des koranischen Textes nach dem Vorbild der historisch-kritischen Methode der Bibelforschung in der christlichen Theologie. Diese Vorgehensweise erscheint mir sehr problematisch: die Übertragung einer speziell im christlichen Kontext entwickelten und auf die Bibel bezogenen Methode für die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Schriftgrundlagen des Islam. Schließlich handelt es sich hierbei nicht nur um zwei strukturell sehr verschiedene Religionen; die jeweiligen wichtigsten Grundlagentexte, die Bibel und der Koran weichen von ihrer Art und Weise fundamental voneinander ab.

Wäre es vor diesem Hintergrund nicht angemessener und produktiver, sich mit den Aussagen von Averroes und ihrer Bedeutung für die Gegenwart im islamischen Kontext auseinander zusetzen? Herauszustellen wären zudem die mannigfaltigen Interpretationen des Islam, denn diese Interpretationsvielfalt wird in der modernen arabischen Zivilisation durchaus ebenso sichtbar wie zu Zeiten von Averroes. Die Europäer könnten sich auf diese Weise die Pluralität der islamischen Kultur deutlicher vor Augen halten und entdecken, dass im Orient eine ebenso große Variabilität an Denkweisen und Ansichten besteht wie in Europa.

Momentan wird in der europäischen Öffentlichkeit allerdings fast ausschließlich die fundamentalistische Interpretation des Islam wahrgenommen. Die Europäer sollten sich mehr bewusst werden, dass diese fundamentalistische Vergangenheitsverhaftung nur eine von zahlreichen Strömungen in der modernen muslimischen Gesellschaft darstellt. Zugleich gilt es, den aufgeschlossenen, fortschrittsorientierten Tendenzen unter heutigen Muslimen, die ebenso existieren, das Forum zu bieten und sie bei ihrer Entfaltung zu unterstützen.

STEINBACH: Diese Fixierung auf den Fundamentalismus im Zusammenhang mit dem Islam und den Muslimen hängt damit zusammen, dass der fundamentalistische Islam sich als „Islamismus“ politisch präsentiert und auf diese Weise die gesamte muslimische Gesellschaft durchdringt. Die Islamwissenschaftler und Orientalisten kennen durchaus den Variantenreichtum der islamischen Kultur und ebenso die Differenzierungen innerhalb des Islamismus, können diese jedoch kaum in ihrer westlichen Gesellschaft wirkungsvoll zum Ausdruck bringen.

Die Fixierung der westlichen Öffentlichkeit auf das Phänomen Islamismus hängt auch damit zusammen, dass die Muslime in Europa, insbesondere hier in Deutschland, noch ganz am Anfang stehen, in deutscher Sprache eine islamische Theologie zu erarbeiten. Ebenso beginnen die in Deutschland lebenden Muslime erst damit, Philosophie und Theologie im Rahmen von wissenschaftlichen Fragen an die Religion zu kombinieren. Eine neue Wahrnehmung des Islam jenseits von Fundamentalismus und Gewalt muss wesentlich von Muslimen selbst generiert werden.

Die deutsche Nachkriegsgesellschaft interessierte sich allgemein über Jahre kaum dafür, wie die Muslime zu dieser oder jener Frage denken, weil man davon ausging, dass die muslimischen Immigranten nach wenigen Jahren wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren würden. Nun, wo man sich bewusst ist, dass der Islam ein dauerhafter Bestandteil der deutschen und europäischen Gesellschaft darstellt, erlangen diese Fragen Aktualität. Es handelt sich um die Fragen nach dem Verhältnis von Theologie und Philosophie im Islam, der Beziehung der Muslime zur Moderne und nach der Rolle der Vernunft im Verhältnis zum religiösen Schrifttum. Diese Debatten werden nun essentiell.

Zuvor erschienen diese Fragen den meisten Deutschen eher marginal. Lediglich einige Orientalisten haben sich hiermit auseinandergesetzt, aber diese fanden keine öffentliche Aufmerksamkeit. Angesichts der Rückkehrerwartung der Immigranten hatte es zudem keine gesellschaftliche Bedeutung. Bei mittlerweile über 3,5 Millionen Muslimen in Deutschland und über 20 Millionen Muslimen in Europa mit steigender Tendenz ist es nicht mehr ausschließlich die Aufgabe der Islamwissenschaftler, theologische Fragen zu stellen. Die hier lebenden Muslime sind nun selbst gefordert, die Gesellschaft über ihre Religion aufzuklären und darauf hinzuweisen, dass es nicht nur den „einen Islam“ gibt, sondern eine Pluralität an Varianten desselben. Sie sollten sich aus eigenem Interesse heraus an die deutsche Gesellschaft bezüglich ihrer Vorstellungen von erstrebenswerter Modernität wenden und herausstellen, wie sie als Muslime zum gesellschaftlichen Fortschritt beizutragen in der Lage sind.

KHALLOUK: Selbstverständlich haben es viele Muslime hier in Europa bislang vernachlässigt, die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft über ihre spezifischen Befindlichkeiten aufzuklären. Man gewinnt nicht selten den Eindruck, Religiosität gelte in Europa generell als reaktionär und antimodern, so dass die konsequente Orientierung an religiösen Vorschriften allgemein mit Fundamentalismus und Fortschrittsfeindlichkeit assoziiert werde. Dies erzeugt eine Zurückhaltung, sich offen zu seinem Glauben und seinen daraus erwachsenen gesellschaftlichen Sichtweisen zu bekennen.

Sollte sich die Einstellung der Majorität gegenüber religiös motivierten Verhaltensweisen, speziell jenen, die nach außen sichtbar sind, wie das muslimische Kopftuch oder ein Schamgefühl bei der Kontaktaufnahme zum anderen Geschlecht, nicht ebenfalls ändern, damit die Muslime ihre Scheu, sich offen in gesellschaftliche Diskussionen einzubringen, ablegen können? Ist es nicht die Aufgabe der Islamwissenschaft darauf hinzuweisen, dass mit den muslimischen Immigranten zugleich ein grundsätzlich anderes Verständnis von Modernität und Säkularität in die deutsche Gesellschaft hineingetragen wird, das in keiner Weise sich zivilisatorischer Progressivität entzieht, jedoch auf traditionellen Werten beharrt und dafür Respekt erwartet?

STEINBACH: In der Tat sollte sich die Einstellung in unserer deutschen Gesellschaft wandeln. Es gilt zu erkennen, dass sich unser Land strukturell bereits grundsätzlich verändert hat und die Muslime nun einen elementaren Bestandteil darstellen, der zu Recht Aufmerksamkeit für spezifische, den Islam betreffende Fragestellungen erwartet. In dieser Hinsicht hat sich jedoch bereits einiges in unserem kollektiven Wertempfinden gewandelt. Der türkischstämmige in Frankfurt lehrende Theologe Ömer Özsoy bat mich vor einiger Zeit, in seiner Ringvorlesung ein Statement abzugeben. Das mir übertragene Thema lautete: „Die Wiedererscheinung des Religiösen“. Bereits an der Themenwahl konnte man erkennen, wie sich das Bewusstsein in der Wissenschaftselite in Deutschland geändert hat.

Die Entstehung religiös sensibler Immigrantengemeinden wird, wie ich in jener Debatte herausgestellt habe, unsere Gesellschaft zwar nicht in den Fundamenten verändern; dazu ist eine Gesellschaft zu komplex. Die Religion und explizit der Islam haben jedoch begonnen, als prägende Facette unserer gesamtgesellschaftlichen Existenz anerkannt zu werden. Die Gesellschaft setzt sich mit dieser Thematik auseinander und in der Debatte bringen die Beteiligten ihre Sichtweise couragiert zur Geltung. Lange Zeit haben sich Muslime eher zurückhaltend an diesen Diskussionen beteiligt und haben ihre religiösen Positionen nicht öffentlich zum Ausdruck gebracht; die Mehrheitsgesellschaft hatte keinen Bedarf, ihre religiösen Positionen zur Kenntnis zu nehmen, erwartete man doch, dass die muslimischen Immigranten nur einige Jahre in Deutschland bleiben und danach in die Türkei oder nach Nordafrika zurückkehren würden.

Mit dem Bewusstsein, dass sie nunmehr ein Dauerelement der deutschen Gesellschaft darstellen, werden die ihre Religion betreffenden Fragen essentiell, womit die Muslime in Deutschland gefordert sind, ihre religiös bedingten Verhaltensweisen der nichtmuslimischen Majorität zu vermitteln, um auf Verständnis zu treffen. Sie sollten der säkularisierten deutschen Gesellschaft durch ihre offensive Debattenteilnahme immer wieder vor Augen halten, dass sich nicht zuletzt durch ihre Anwesenheit die Gesellschaft im Wandel befindet und sie als „deutsche Muslime“ ein Recht besitzen, für ihre Anliegen Offenheit zu finden.

1.7 Ratzingers Säkularitätsbegriff als Grundlage einer Modernisierung im islamischen Kontext

KHALLOUK: Das Verhältnis von Religion und Vernunft stellt ebenso wie die Beziehung zwischen dem Transzendenten und der profanen Zivilisationsentwicklung schon seit jeher eine Kontroverse in der europäischen Gesellschaft dar. Trotz Aufklärung und einer damit einhergehenden Trennung zwischen gesellschaftspolitischer Gemeinschaftsaufgabenbewältigung und religiös-weltanschaulicher Lebensanforderung ist innerhalb der christlichen Theologie und Religionsphilosophie bislang ebenso noch nicht der Königsweg im Verhältnis zur Moderne gefunden worden. In einem Dialog zwischen dem heutigen Papst Benedikt XVI., seiner Zeit Kurienkardinal Ratzinger, und dem politischen Philosophen und Sozialwissenschafter Jürgen Habermas bezieht Ratzinger zu diesem Dilemma Stellung und äußert die Idee eines Zusammenwirkens von Religion und Vernunft, welches der Menschheit den Weg in die Zukunft weise, zugleich aber konservativen Werten dauerhafte Geltung ermögliche.

In diesem Streitgespräch nahm Ratzinger zudem speziell auf den Prozess der Säkularisierung Bezug und stellte hierzu eine merkwürdig erscheinende These auf. Er forderte den Begriff „Säkularisierung“ nicht zu idealisieren, nicht zu verabsolutieren und schon gar nicht damit assoziierte europäische Phänomene auf außereuropäische Gesellschaften zu übertragen. Wenn der Papst als höchster Repräsentant der römisch katholischen Kirche sich von dieser „Missionierung“ – zumindest im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Wertbegriffen – öffentlich distanziert, stellt sich für mich die Frage, wann die westliche Politik und Herrschaftselite ihr Streben nach zivilisatorischer Missionierung beendet, sowie erkennt und respektiert, dass die nichtwestlichen Zivilisationen gleichermaßen aus der eigenen Tradition heraus zu Fortschritt in der Lage sind?

STEINBACH: Diese „Wiederkehr des Religiösen“, die unter anderem durch die Einwanderung der Muslime hervorgerufen wurde, hat unsere Gesellschaft tief verunsichert. Diese Verunsicherung lässt sich an der Person von Jürgen Habermas exemplarisch aufzeigen. Als Frankfurter Schüler stand er ursprünglich nicht nur weltanschaulich links, sondern tendierte zu einer Säkularität, die fast mit Atheismus gleichzusetzen war. Mittlerweile erkennt er jedoch den Stellenwert der Religion für eine wertgebundene Modernität an, die zu Sensibilität gegenüber den Begleiterscheinungen unseres zivilisatorischen Fortschritts, insbesondere der Einwirkung auf die Natur, führt und Reflexion unseres Handelns fördert.

KHALLOUK: Für diese neue Hinwendung zum Religiösen hat Habermas einen eigenständigen Begriff geprägt. Er nennt unsere Gesellschaft eine „postsäkulare“ Gesellschaft. Ich glaube nicht, dass er damit die Forderung verbindet, wir sollten zu der Unterordnung der weltlichen Ordnung unter die Herrschaft eines Klerus zurückkehren, wie dies im mittelalterlichen Europa kennzeichnend war, und ebenso wenig die Religion für politische Ziele instrumentalisieren, wie dies in vielen islamischen Staaten bis in die Gegenwart hinein zur Gepflogenheit gehört. Habermas zielt darauf ab, uns Menschen Respekt für von der Religion vorgegebene Normen einzuflössen und aus einer religiös geprägten Verantwortungsethik heraus eine humane, pluralistische Gesellschaft aufzubauen, die unterschiedliche Weltanschauungen als Bereicherung anerkennt und zugleich nach einem Wertekonsens im Sinne einer gemeinsamen Zukunft aller Zivilisationen strebt.

STEINBACH: Diese Hinwendung Habermas’ zur Hervorhebung religiös geprägter Werte habe ich in seinen jüngsten Auslassungen immer wieder heraushören können. Sie klingt auch in jenem Dialog mit dem heutigen Papst, den ich ebenfalls verfolgt habe, eindeutig heraus. Habermas’ veränderte Einstellung sehe ich daher als exemplarisch für die Umbruchsituation, in der sich die europäische Gesellschaft gegenwärtig befindet, an. Den Aussagen des Papstes stimme ich aber ebenfalls uneingeschränkt zu. Wir Europäer sollten uns reflexiv mit unserem eigenen Werteverständnis auseinandersetzen und unsere Säkularität hinsichtlich anzustrebender Fortschrittlichkeit hinterfragen, bevor wir anderen Gesellschaften unser Modell als nachahmenswert empfehlen.

Zugleich merken wir anhand der Äußerungen von einstmals bekennenden Säkularisten wie Habermas, in welchem Maße sich die Denkweise in unserer Gesellschaft verändert und dabei die Sensibilität für die Religion zu einem Phänomen der Zeit entwickelt. Das Interesse am Islam und der islamischen Zivilisation wächst bei der nichtmuslimischen Majorität. Damit bekommt die fachspezifische Erkenntnis des Orientalisten populärwissenschaftlichen Charakter und erfährt bei einem breiten Publikum an Aufmerksamkeit. Sicherlich ist dadurch die gesellschaftspolitische Verantwortung der Disziplinvertreter gestiegen; zugleich können ihre wissenschaftlichen, aus der emotionalen Distanz gewonnenen Aussagen die Verlautbarungen der bekennenden Muslime in dieser Gesellschaft unterfüttern.

Dieser Dialog wurde zuerst im Juli 2011 bei Aufklärung und Kritik. Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie, 18. Jahrgang, Heft 3, S. 94 – 116 veröffentlicht.

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Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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