Muslime als Stichwortgeber für den islamfeindlichen Diskurs?

Abgrenzung gegenüber dem islamischen Mainstream dient der Selbstbestätigung

Ressentiments finden in einer Gesellschaft immer am leichtesten ihre subjektive Bestätigung, wenn sie von denjenigen, gegen die sie gerichtet sind, ausgehen und vorgebracht werden. Es ist sicherlich ein offenes Geheimnis, dass die meisten Judenwitze, die unter Nichtjuden verbreitete Stereotype karikieren, ursprünglich auf Juden zurückgehen.   Die aktuell in der deutschsprachigen Öffentlichkeit  bestehenden Ressentiments gegenüber dem Islam stützen sich sogar in einem „wissenschaftlich“ und „intellektuell“ anmutenden öffentlichen Diskurs  auf Bestsellerautoren aus der muslimischen Minorität in der eigenen Gesellschaft als Stichwortgeber. 

Dabei besteht die erklärte Absicht jener „muslimischen Islamkritiker“ – ebensowenig wie bei den selbstironischen Juden darin, die Negativstigmatisierung der eigenen Religion und ihrer Glaubensgenossen zu fördern oder gar deren Integration in die westlich-christlich geprägte Mehrheitsgesellschaft zu torpedieren. Vielmehr tritt man mit dem Anspruch auf, die „internen Integrationsbarrieren“ – möglicherweise ein wenig überzeichnet – herauszustellen, um Bedingungen zu skizzieren, unter denen ein Muslim die Wertvorstellungen der vom Westen ausgehenden Moderne nach außen verkörpern könne.

Das Bewusstsein wird vermittelt, eine „schweigende Mehrheit“ der Muslime in westlicher Gesellschaft habe sich von als „konservativ“ oder „reaktionär“ definierten Vorstellungen, die in besonderer Weise dem Islam zugeschrieben werden, bereits gelöst. Lediglich die Islamverbände, sowie eine von Islamischen Staaten und Herkunftsländern der Immigranten finanziell protegierte muslimische Funktionselite sorge dafür, dass dort geltende gesellschaftspolitische Maßstäbe die zeit- und kontextgemäße Islampraktizierung in Deutschland und Europa einschränkten.

 

Mehrheitsanspruch selbsternannter Demokraten konterkariert die Demokratisierung der Mehrheit

Mag die bewusste Hinwendung in Deutschland aufgewachsener, zur sogenannten „dritten Einwanderergeneration“ zählender jüngerer Muslime zu den Islamverbänden, mehr noch zu einer traditionsbewussteren Religionspraktizierung in mangelhafter Akzeptanz durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft und hiervon ausgehend in Opposition gegen deren Wertvorstellungen   korrekt diagnostiziert sein. Die pauschale Kategorisierung der hierzulande organisierten Islamrepräsentanten als „rückständig“ fördert bei der muslimischen Minorität geradezu die Modernitätsskepsis, wie es gleichzeitig die nichtmuslimische Majorität in ihren Islamressentiments subjektiv bestätigt und dieser für die Ausgrenzung der Muslime scheinbare Rechtfertigung bietet.

So berechtigt die Forderung zur Akzeptanz von Pluralität mit divergenten Weltanschauungen und Lebensmodellen in einer Demokratie erscheinen mag, eine Religion wie der Islam, ebenso aber auch das Juden- oder Christentum, basiert auf bestimmten schriftlich fixierten Normvorstellungen, die zeitgemäß praktiziert, jedoch keineswegs zur Disposition gestellt werden können. Wenn Identitätsfindung nur in der Abgrenzung  von islamischen Grundsätzen gelingt, lässt sich nicht erwarten, dass die Identität als Muslime mit einer Identität als deutscher Verfassungspatriot kombiniert wird.

Der Integration werden geradezu künstliche Barrieren entgegengestellt. Man praktiziert im Grunde genommen jene Intoleranz, die man den Verbandsfunktionären und sogenannten „Fundamentalisten“ vorwirft. Nur die eigenen  als „liberal“ oder „zeitgemäße Koranauslegung“ definierten Positionen gelten als akzeptabel. Man erhebt zudem ohne demokratische Legitimation den Anspruch, die Mehrheit der Muslime zu repräsentieren.

In der Tat lassen die Strukturen der meisten Islamverbände und Moscheevereine in Deutschland aus demokratietheoretischem Blickwinkel Defizite erkennen. Indem diesen sogenannte „liberal-islamische“ Konkurrenzvereine entgegengestellt werden, trägt man nicht nur zur Spaltung der muslimischen Gemeinden, sondern zur Verfestigung der unmodern anmutenden Strukturen der nach wie vor mitgliederstärkeren  traditionellen Islamverbände bei. Dort wird Modernität naheliegenderweise nicht mit mehr Demokratie und Pluralität, sondern mit Distanzierung von islamischen Grundsätzen und Antizipation der Einstellungen der nichtmuslimisch geprägten Majorität assoziiert.

Auf diese Weise wird erst jenem als „Rückständigkeit“ stigmatisierten Konservatismus das Fundament zur Ausbreitung bereitet. Zugleich entzieht man sich der Möglichkeit, innerhalb der bestehenden Verbandsstrukturen und innerhalb des vom Islam vorgegebenen Rahmens zeitgemäße Gesellschaftsvorstellungen zu verkörpern und durchzusetzen.  Mit der zusätzlich an den Staat herangetragenen Forderung, bei der Imamausbildung oder beim Erstellen von Lehrplänen für islamischen Religionsunterricht  ohne vorherigen Konsens mit anerkannten muslimischen Verbandsfunktionären Beauftragte auszuwählen und deren inhaltliche Ausrichtung zu bestimmen, legitimiert man die staatlich institutionelle Bevormundung der Muslime. Vielmehr billigt man einer nichtmuslimischen weltlichen Obrigkeit  die Entscheidung zu, wie der Islam zeitgemäß in Deutschland auszulegen sei.

Die Vorgaben des Vatikans und der deutschen Bischofskonferenz in Bezug auf ethische Fragen wie Stammzellenforschung, künstliche Befruchtung und nicht zuletzt zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften entsprechen ebensowenig  den Liberalitätsansprüchen der Mehrheit der deutschen Elite. Dennoch kommt diese nicht auf den Gedanken, zu   fordern, dass den Bistümern    das Mitspracherecht bei katholischen Religionslehrplänen entzogen werden solle. Man ist sich offensichtlich bewusst, dass die Mehrheit der katholischen Religionslehrer ihre Erziehung zwar im katholischen Rahmen, durchaus aber mit den eigenen gesellschaftspolitischen Ansichten durchzuführen pflegt.

Dieses Potential Islamlehrern und Imamen indirekt abzusprechen, zeugt   von einer Ignoranz, die nur entweder auf Unkenntnis der Realität unter deutschen Muslimen basiert oder auf Antizipation bestehender Ressentiments der nichtmuslimischen Mehrheit.

Theologische Scheinkontroversen verhindern die Lösung der Alltagsprobleme der Muslime

Da die Islamverbände – unabhängig davon, ob sie mit ihren Ansichten die Majorität der Muslime repräsentieren- beständigen Zugang zu gewöhnlichen Gläubigen besitzen, sind diese jedoch in der Lage, die konkreten Alltagsprobleme von Muslimen in der deutschen Gesellschaft zu benennen. Wenn sie den Status als Körperschaften öffentlichen Rechts zugestanden bekämen und in allen diesbezüglich relevanten Gremien vertreten wären, könnten sie zur Überwindung jener Probleme, die von der Mehrheitsgesellschaft mit verursacht sind, aktiv beitragen.

Wesentlich erweist sich, dass die deutsche Öffentlichkeit mit der Tatsache konfrontiert wird, jene Konflikte sind nicht dadurch verursacht, dass die Muslime in Deutschland in theologischen Fragen konservativ oder liberal eingestellt sind. Vielmehr resultieren sie in der fehlenden Bereitschaft eines Teils der nichtmuslimisch dominierten Öffentlichkeit, sie als gleichberechtigte Mitglieder der deutschen Gesellschaft anzuerkennen.

Jenen ressentimentgeleiteten Verantwortungsträgern in Politik und Medien gilt es die Basis zu entziehen und ihnen nicht im Gewand eines Muslimen zusätzliche Legitimation zuzugestehen. Das Eintreten für Identitätenpluralismus und der Anspruch, eine muslimische mit einer deutschen Identität zu verbinden, besitzen Berechtigung. Es erfordert, nicht nur zwischen Muslimen und Nichtmuslimen Differenz zuzulassen, sondern auch divergente Ansichten unter Muslimen zu akzeptieren, sofern diese innerhalb des vom Islam vorgegebenen Rahmens bleiben.

Die gesellschaftskritischen muslimischen Eliten in Deutschland sind deshalb aufgerufen, sich innerhalb der bestehenden Islamverbände für einen zeitgemäßen Islam einzusetzen, der das Festhalten an vorgegebenen Normen ebenso beinhaltet wie die Suche nach Konsens. Eine muslimische Gemeinde, die öffentlich geschlossen für die Anliegen ihrer Mitglieder eintritt, wird auch deren Integration unterstützen können. Die islamfeindlichen Propagandisten finden keine Kronzeugen mehr vor, mit denen sie eine demokratischen Idealen widersprechende Ausschlusspolitik gerechtfertigt verfolgen können.

Mohammed Khallouk

Dieser Artikel wurde zuerst am 03.09.2012 bei http://islam.de/21053 veröffentlicht.

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Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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Eine Antwort zu Muslime als Stichwortgeber für den islamfeindlichen Diskurs?

  1. Rainer Hermann schreibt:

    Warum haben Islamverbände nicht von sich aus ihre verkrusteten Strukturen erkannt? Dann hätten sie bestimmt schon manche Reform durchgeführt. Natürlich sind Konkurrenzvereine immer ein Ärgernis. Sie befördern aber die Beschäftigung mit dem eigenen Zustand. Wo wäre die Katholische Kirche heute, wenn es keine Reformation und keinen Luther gegeben hätte. Bestimmt würden immer noch die Ablassprediger durchs Land ziehen und wer die mittelalterlichen Kirchenväter in Frage stellt, würde auf dem Scheiterhaufen brennen.
    Der Islam muss einfach insgesamt moderner, demokratischer und liberaler werden, dann werden sich auch die liberal empfindenden Muslime sich wieder mehr zu ihrer Religion bekennen können.

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