Der Glaube an den Einen als Anker für Frieden und Miteinander – Schalom Ben Chorins lebenslanger Einsatz für Verständigung und Ausgleich

Die jüdische Wurzel der anderen abrahamitischen Religionen entdeckt

Der Antijudaismus im Islam wie im Christentum entzündete sich in der Vergangenheit immer wieder daran, dass den Juden attestiert wurde, die Bedeutung von Jesus sowie erst Recht des letzten Propheten Mohammed als Verkünder der göttlichen Botschaft zu ignorieren und ihre religiöse Vorbildhaftigkeit anzuzweifeln.

In der Tat sind Auslassungen jüdischer Publizisten über die Stifter der beiden anderen monotheistischen Religionen in der Vergangenheit wenig schmeichelhaft gewesen. Übersehen wurde häufig die Tatsache, dass Mohammed in Medina den Juden einen besonderen Status zuerkannte, den sie in heidnisch beherrschten Städten seiner Zeit nicht besaßen, und Jesus in einer jüdischen Umgebung aufwuchs und als Jude erzogen wurde.

Zumindest das jüdische Jesusbild, aber auch anderer für Christen wie Muslime bedeutender religiöser Autoritäten wie Maria und Paulus erfuhr in den letzten Jahrzehnten eine entscheidende positive Aufwertung in der jüdischen Theologie. Wesentlichsten Anteil hat zweifellos der deutsch-israelische Religionsphilosoph, Journalist und Schriftsteller Schalom Ben Chorin.

Er entdeckte die jüdische, in der Tora gelegte Wurzel hinter den Worten Jesu und zeigte die geistige Wesensverwandschaft zu den anderen Kindern Abrahams auf. Zu Recht gilt Ben Chorin als einer der engagiertesten Brückenbauer zwischen Juden und Christen, sowie zugleich als Wegweiser eines zeitgemäßen dialogbereiten Verständnisses des Judentums.

In seinem assimilierten Elternhaus erfuhr der 1913 unter dem bürgerlichen Namen Fritz Rosenthal in München geborene zwar wenig über seine ererbte Religion, dies animierte ihn jedoch geradezu, nach den geistigen Wurzeln des mosaischen Glaubens zu suchen. Bereits mit 15 Jahren verließ er die elterliche Familie und zog bei der Familie eines Schulfreundes ein, wo er mit der Strenge und Traditionsverhaftetheit der Orthodoxie anvertraut wurde.

Zwar wusste er die Gottesverbundenheit seiner neuen Erzieher als Kontrast zum elterlichen Säkularismus zu würdigen, erkannte jedoch bald, dass die Moderne neue Fragen an das Judentum heranträgt, denen die orthodoxen Juden in ihrer Vergangenheitsverhaftung immer wieder auswichen. Eine bedeutende Frage betraf die angemessene Einstellung zu den anderen abrahamitischen Religionen, aber auch das Eretz Israel in der Neuzeit wartete auf eine theologische Einordnung.

Heimstätte des jüdischen Nationalismus oder Ausgangspunkt eines reformierten Judentums?

Welchen Stellenwert Israel in seinem Bewusstsein bereits als junger Mann einnahm, bewies Ben Chorin mit seinem frühzeitigen Eintritt in die zionistische Bewegung Kadima. Einer Auswanderung zog er jedoch zunächst das Studium der Germanistik und Vergleichenden Religionswissenschaft an der heimischen Ludwig-Maximilians-Universität München vor, das er trotz mehrmaliger kurzzeitiger Verhaftungen durch die Gestapo 1934 erfolgreich abschloss.

Die Repressionen des nationalsozialistischen Staates gegen ihn nahmen allerdings danach noch zu, schlossen eine Misshandlung auf offener Strasse ein und ließen ihn ein Jahr später in einer illegalen Emigration nach Palästina den einzigen Ausweg erkennen.

Zwar nahm er nun mit Schalom Ben Chorin (Friede Sohn der Freiheit) einen hebräischen Namen an und identifizierte sich durchaus mit dem 1948 neu entstehenden Staat Israel, seiner deutschen Herkunft fühlte er sich bis zu seinem Tod verbunden. Er schrieb deutsche Gedichte, Anthologien und Zeitungsartikel. Sogar seine politischen und theologischen Sichtweisen fasste er im Wesentlichen auf deutscher Sprache.

Seine Erfahrungen während der Naziherrschaft hatten ihn nicht veranlasst, einen israelischen Staatsnationalismus anzunehmen, welcher der übrigen Welt – insbesondere Deutschlands – mit Höherwertigkeitsbewusstsein gegenüber stand. Im Gegensatz dazu betrat er bereits 1956, als sich die erste Gelegenheit bot, wieder deutschen Boden und nahm später sogar zwei Gastprofessuren an deutschen Universitäten an (seit 1975 lehrte er an der Universität Tübingen und seit 1981 an der Ludwig-Maximilian Universität München, an der er sein eigenes Studium absolviert hatte).

Seiner neuen Heimat Jerusalem, wo er ebenfalls an der theologischen Hochschule später eine Dozentur aufnahm, fühlte er sich fortan zwar in besonderer Weise verpflichtet und erachtete Israel durchaus als „auserwähltes Volk“, er interpretierte daraus jedoch weniger einen politisch-moralischen Sonderstatus als mehr eine religiöse Verpflichtung, sich für eine wertegebundene Gesellschaft einzusetzen und den Dialog mit den Bruderreligionen bewusst auf sich zu nehmen.

Israel sollte sozusagen der Ausgangspunkt für ein erneuertes, die Gegebenheiten der Zeit angemessen berücksichtigtes Judentum darstellen, das in humaner Hinsicht sich als vorbildhaft erweise. Der Einfluss Martin Bubers, den er als „seinen Lehrer“ bezeichnete und in besonderer Weise schätzte, hat ihn von orthodoxen und fundamentalistischen Tendenzen frühzeitig Abstand nehmen und die Religion immer auch als gesellschaftspolitische Verpflichtung begreifen lassen, sich im Sinne von Dialog und Frieden mit den Nichtjuden einzusetzen.

Gemeinsam mit seiner Frau Avital, die er in Vorlesungen Bubers in Jerusalem kennen gelernt hatte, suchte er nun in Israel den „dritten Weg“ zwischen dem als „Arreligiosität“ im Elternhaus erfahrenen und auch im „jüdischen Staat“ vielfach verspürten assimilierten Judentum und der vergangenheitsfixierten Orthodoxie zu realisieren. 1958 gründeten Ben Chorin und seine Frau mit Har-El die erste reformierte Synagoge Israels und zielten darauf ab, das Reformjudentum in Israel als gesellschaftliche Bewegung zu etablieren.

Auf welche Widerstände Ben Chorin hierbei traf, verdeutlicht nicht nur die Tatsache, dass jene Strömung in Israel bis in die Gegenwart minoritär geblieben ist und sein Sohn das angestrebte Rabbinat nicht in Jerusalem, sondern erst in der Schweiz realisieren konnte. Vielmehr blieben seine theologischen Werke ebenso wie seine Gedichte und Anthologien in Israel weitgehend ohne Resonanz, so dass lediglich zwei seiner in deutsch verfassten Bücher in die hebräische Sprache übersetzt wurden. Vor diesem Hintergrund sah er auf dem Weg zu einem Frieden im Nahen Osten die Überwindung der innerisraelischen Gegensätze als noch bedeutendere Hürde an als den Ausgleich mit Arabern und Palästinensern.

Die Versöhnungsbereitschaft Nachkriegsdeutschlands als Vorbild für den Nahen Osten

Erfolgreicher war sein Bemühen um einen Dialog mit der deutschen Gesellschaft und dem dort dominierenden Christentum. Gerade unter deutschsprachigen Christen fanden seine neuen Thesen von Jesus, Maria und Paulus – auch wenn man sie gewöhnlich nicht teilte – stets Beachtung und er wurde als Partner im jüdisch-christlichen Dialog auf Evangelischen Kirchentagen geschätzt.

Seine Hoffnung bestand stets darin, eines Tages den Islam als dritten Partner in einen sogenannten Trialog mit einzubeziehen und über die religiöse Verständigung die Basis für die Beendigung der politischen Konflikte im Nahen Osten und weltweit zu finden.

Die Abkehr der Deutschen von der nationalsozialistischen Vorsehungsideologie, welche der deutsch-französischen Freundschaft ebenso die Grundlage bot wie sie eine Aussöhnung mit den einst verfolgten Juden ermöglichte, erkannte Ben Chorin als Zeichen der Hoffnung, dass auch im scheinbar ewig von gegenseitigem Hass und Feindschaft geprägten Nahen Osten die Tür zum Miteinander der Völker und Religionen eines Tages aufgehen werde.

Der Weg dahin war für ihn auf jeden Fall in der Tora beschrieben, er müsse nur von der Gesellschaft wiedergefunden und verinnerlicht werden. Es gilt seine religionswissenschaftlichen und theologischen Erkenntnisse in Zukunft zu beherzigen und auf diese Weise seinen Traum vom Frieden in Freiheit Realität werden zu lassen.

Mohammed Khallouk

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Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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