Das Bewusstsein für die göttliche Offenbarung als Anker zum interreligiösen Dialog – Rosenzweigs jüdischer Existenzialismus bietet die Grundlage für eine Ethik des Miteinanders

Aus der Auseinandersetzung mit dem Fremden das Eigene entdeckt

Die Hervorhebung der Bedeutung des Dialogs der Kulturen und Religionen für eine Bewältigung der Konflikte der Moderne im gemeinschaftlichen Kooperativ beruft sich nicht zu Unrecht auf den deutsch-jüdischen Historiker und Religionsphilosophen Franz Rosenzweig (1886-1929) als einen ihrer geistigen Wegbereiter. Zwar entstammte dieser einer liberalen, der Umwelt gegenüber aufgeschlossenen bürgerlich jüdischen Familie, die Art von Liberalität, die er dabei erfahren hatte, erwies sich jedoch keineswegs als Stimulus, die dialogische Konfrontation mit dem Anderen, der Differenz gegenüber der eigenen Identität bewusst zu suchen.

Vielmehr brachte ihn erst die öffentliche Konversion seines späteren Brieffreundes, des Rechtshistorikers Eugen Rosenstock-Huessy, zum protestantischen Christentum zur intensiven Beschäftigung mit dem Glaubensfundament seiner eigenen jüdischen Religion. Hierbei erkannte Rosenzweig, dass dem Judentum durchaus gleichermaßen inspirierende Wirkung für eine geistige Bewältigung des Lebens in der modernen komplexen Welt erwachsen könne, sofern es in aufrechter Weise praktiziert werde und das Wort Gottes, die hebräische Thora, dabei die Richtschnur darstelle.

Er gab nicht nur anfängliche Pläne eines eigenen Konfessionswechsels zum Christentum auf, sondern wandte sich in scharfer Form gegen die damals für liberal und zeitgemäß erachteten Tendenzen in der jüdischen Theologie, die er als Distanzierung vom Glauben an den Schöpfergott als „eigentlichem Kern der monotheistischen Religionen“ interpretierte.

Sein bewusstes Festhalten am Judentum hinderte Rosenzweig nicht, den Dialog mit den Andersgläubigen anzustreben, sich ebenso intensiv mit anderen Konfessionen und Glaubensrichtungen auseinanderzusetzen sowie darin Spiritualität und Wertebewusstsein zu entdecken. Vielmehr bestärkten ihn die Erfahrungen mit den anderen Religionen in seiner jüdischen Identität, welche sich wiederum als geistige Grundlage erwies, erhobenen Hauptes, jedoch ohne Überheblichkeit den Anderen im Dialog gegenüberzutreten.

 

Gemeinsame Leiderfahrung als verbindendes Element der Religionen

Das Interesse an den mannigfaltigen Varianten tiefer Religiosität verbunden mit der Hinwendung zum intensiven Dialog mit Gläubigen anderer Konfessionen wurde bei Rosenzweig in besonderer Weise durch seine Erlebnisse an der Front im Ersten Weltkrieg geweckt.

Hatte er sich freiwillig für den Sanitätsdienst gemeldet und hielt Krieg allgemein für zwar nicht wünschenswert, doch gelegentlich unvermeidlich, so fand er erst im jüdischen Offenbarungsglauben die seelische Kraft, um die tagtägliche Anschauung des menschlichen Leidens und Sterbens zu verarbeiten. Zugleich erkannte er, dass im Krieg letztlich alle zum Opfer gezwungen sind und weder einem Volk noch einer bestimmte Konfession ein privilegierter oder gar auserwählter Status hierbei zugewiesen sei.

Die Erfahrung des mit anderen, Juden wie Nichtjuden, geteilten Leidens erwies sich vielmehr als Antrieb, sich noch intensiver dem interreligiösen Dialog wie dem Studium der eigenen religiösen Quellen zu widmen. In dieser Phase entstand der regelmäßige Briefwechsel mit dem nun bekennenden Christen Rosenstock-Huessy, in dem einerseits die beiderseitige Hochachtung für den Glauben des Gegenübers immer wieder zum Ausdruck gelangt, andererseits der feste Bezugspunkt auf die jeweils eigene Religion, der es erst ermögliche, in einen argumentativen Dialog miteinander einzutreten.

Zurecht wird der im Ersten Weltkrieg entstandene Briefwechsel zwischen Rosenzweig und Rosenstock-Huessy als der ernsthafte Beginn des modernen jüdisch-christlichen Dialoges angesehen und ebenfalls zu Recht können sich im interreligiösen Dialog engagierte Juden wie Christen hierauf als Vorbild berufen.

Das Interesse und die Ehrerbietung Rosenzweigs für andere Glaubensrichtungen bezogen sich nicht nur auf das protestantische Christentum, sondern galten jeglichen Konfessionen innerhalb der drei monotheistischen Religionen. Zum einen konnte er die tiefe Gottesverbundenheit der anderen Richtungen innerhalb des Judentums erfahren. Er erkannte bei den sephardischen Juden, die er an der Balkanfront kennen lernte, eine über die Nöte des Alltags hinweg reichende Hoffnung, die sich in unentwegter Lebensbejahung und Aufgeschlossenheit gegenüber den Mitmenschen zeigte. Ebenso spürte er eine menschliche und geistliche Hinzugezogenheit zu den aschkeniasischen Juden Osteuropas, denen er gegen Ende des Krieges in Warschau begegnete.

Zum anderen brachte ihn die Entsendung der kaiserlichen Armee in ein Gebiet des heutigen Mazedonien unmittelbar mit dem Islam in Kontakt, der seinerzeit von der Majorität der Mitteleuropäer – Juden wie Christen – als die Religion der „kolonisierten Völker“ wahrgenommen wurde und dem man weitgehend mit Argwohn und Geringschätzung begegnete. Rosenzweig erwies allerdings den Muslimen ebenso ihre berechtigte Anerkennung als ethische Gesinnungsgenossen und gemeinsame Nachfahren des Stammvaters Abraham zu.

Sofern er sich des eigenen religiöskulturellen Hintergrundes bewusst war, bestand für ihn keinerlei Hindernis, die Gemeinsamkeiten mit den anderen Religionen bei jeder sich bietenden Gelegenheit hervorzuheben. Der gemeinsamen Leidenserfahrung in einer Welt bestehend aus Krieg, Angst und Entbehrung sollte vielmehr die Hoffnung auf eine gemeinsame Erlösung durch den Schöpfergott erwachsen und diese zum wertgebundenen Dialog miteinander animieren.

Moderner Werterelativismus oder Gemeinsamkeit durch Bewusstsein für Differenz

Die intensive Auseinandersetzung Rosenzweigs mit der Philosophie des 19. Jahrhunderts, insbesondere dem Denken Hegels, ließ ihn einerseits die Bedeutung von Existenz als elementar für den jüdischen Glauben erkennen. Die Ontologie Hegels wies er andererseits jedoch zurück und begründete einen eigenständigen „jüdischen Existenzialismus“.

Hierin fasste er die Geschichte als autonomes Handeln von Menschen auf, das notwendigerweise von der Sünde bestimmt sei, weshalb es des aufrechten Glaubens sowie letztlich der Gnade Gottes bedürfe, um zur Erlösung zu gelangen. Indem er den Erlösungsgedanken als genuin „jüdisch“, der Thora erwachsen, begriff, konnte er stets dem Anspruch des Christentums wie des Islam begegnen, erst durch die Botschaft Christi, bzw. die Verkündigung und Offenbarung des letzten Propheten Mohammed sei der wahrhaftige Weg zur Erlösung geebnet worden.

Eine Konversion aus dem Begehren einer Befreiung vom irdischen Leiden heraus, erschien für den vom jüdischen Offenbarungsglauben überzeugten Rosenzweig seine Notwendigkeit verloren zu haben. Zugleich deutete er an, worin die elementare Differenz seiner jüdischen Theologie zur christlichen wie der islamischen Lehre sich manifestierte.

Dennoch sprach er den beiden anderen monotheistischen Religionen deren Wertegebundenheit in keiner Weise ab. Er war sich vielmehr der gemeinsamen ethischen Wurzeln aller drei abrahamitischen Religionen bewusst, die sich gemeinsam einer relativistischen Tendenz in der Moderne entgegenstellen sollten. Der Erhalt der vom Wort Gottes vorgegebenen Normmaßstäbe gelinge nur, wenn man seine religiösen Grundsätze im Alltagsleben zur Geltung bringe. In sofern erscheint Rosenzweigs Plädoyer für die Wiederentdeckung des spezifisch jüdischen Lebensstils – durchaus in Abgrenzung zur majoritär nichtjüdischen Umgebung – nur konsequent und erst recht identitätserhaltend.

Einer generellen Distanzierung von der nichtjüdisch dominierten europäischen Gesellschaft wie sie spätestens seit den staatlich organisierten Diskriminierungen gegen Juden im Dritten Reich innerhalb des europäischen Judentums an Popularität gewann, hätte sich Rosenzweig allerdings vehement entgegengestellt. So betrachtete er den zu seiner Zeit aufkommenden Zionismus, der den Exodus aus der weit verstreuten weltweiten Diaspora nach Palästina zur Wiederherstellung der ursprünglichen jüdisch-israelischen Identität propagierte, mit Skepsis.

Die Verbundenheit zum Land der Väter interpretierte er nicht in erster Linie als gegenwartsbezogenen Anspruch auf ein bestimmtes, entfernt liegendes geographisches Territorium, sondern als Geisteshaltung und Anerkennung der alttestamentlichen Gebote, die Gott „Jahwe“ dem Volk Israel durch Moses bereits vorm Eintritt ins Gelobte Land verkündet hatte, als gültig für jeden Juden an jedem Ort und bis in Ewigkeit.

Durch ihre Einhaltung war, sei und bleibe man als Jude gegenüber der Umwelt erkennbar. Vielmehr zeigte sich das Bewusstsein für den eigenen religiös-kulturellen Ursprung als der Bezugspunkt, von dem aus Rosenzweig sich permanent in den Dialog mit dieser Umwelt begeben konnte.

Wenn diese Treue zu den eigenen Grundsätzen wie bei Rosenzweig mit intensiver Auseinandersetzung mit den fremden Religionen und Philosophien einhergeht, lässt sich ein Gespür dafür entwickeln, dass dort ebenfalls eine Grundlage für ein ethisch gebundenes Leben besteht. Die Voraussetzung für den interreligiösen Dialog auf der Basis von Gemeinsamkeiten ist gelegt und es finden sich in jeder Gesellschaft Vorbilder, wie den Anforderungen der Moderne angemessen begegnet werden kann, ohne alt Bewährtes, als Gott befohlen und unabhängig vom zeitlichen Kontext als richtig erkannt, dafür preiszugeben.

Mohammed Khallouk

Dieser Artikel wurde zuerst in der zweiten Ausgabe 2010 der Zeitschrift Information Philosophie veröffentlicht.

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Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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