Durch aufmerksames Zuhören ein Land entdeckt – In der Geschichte dringt der unsichtbare Schatz Marokkos zum Vorschein

Eine Leidenschaft aus der Kindheit ins Erwachsenenleben hinübergerettet

Das Geschichtenerzählen stellt eine der wichtigsten Traditionen des gemeinschaftlichen Zusammenlebens in orientalischer Gesellschaft dar. Die marokkanische Kultur ist so tief mit Erzählen und Weitererzählen von Geschichten verbunden, dass man erst im Aufnehmen einer mündlich erzählten Geschichte mit der Denkweise der Menschen vollständig vertraut wird. Es bedarf des aufmerksamen Zuhörens den Worten des Erzählers, um die kulturgeschichtliche Bedeutung der mittelalterlichen Medinen mit ihren engen Gassen und bis in die spätesten Stunden belebten Plätzen mit allen Sinnen zu erfassen.

Für den von Nüchternheit und Zweckbestimmtheit geprägten Europäer erscheint es kein leichtes Unterfangen, sich in diese Welt des Narrativen und scheinbar Fiktiven hineinzubegeben und erst hierin die Lebensweisheiten zu erkennen. Dem in England aufgewachsenen Tahir Shah kam hierbei sicherlich die afghanische Herkunft seiner elterlichen Familie zu Gute und insbesondere das Vorbild seines Vaters, der die Kunst des Erzählens ebenso beherzigt hatte, wie er seinen Sohn an den aus Worten zusammengezauberten Schätzen aus Tausendundeiner Nacht allabendlich teilhaben ließ.

Vor allem seine Begeisterung für die arabische, insbesondere die marokkanische Erzähltradition vermochte sein Vater ihm weiterzuvermitteln. Mit ihm war er bereits in jungen Jahren zeitweilig nach Marokko gekommen. Er fühlte sich von der dortigen Atmosphäre so sehr angezogen, dass er später im „westlichsten Teil des Ostens“ den Lebensmittelpunkt für seine eigene Familie suchte. Dort findet er das Umfeld vor, in dem er seine Kinder in die aus dem Westen mündlich hinübergeretteten östlichen Kostbarkeiten einzuweihen gedenkt. Das Kalifenhaus in der marokkanischen Küstenmetropole Casablanca bietet ihm das Ambiente, an der Bettkante seiner Tochter oder neben dem Kopfkissen seines Sohnes in die Welt der Mythen, Sagen und Legenden aus der Zeit Harun al Rashids und Sindbads des Seefahrers allabendlich einzutauchen.

Der tägliche Kontakt mit den marokkanischen Bediensteten und Handwerkern auf seinem Anwesen lässt Shah bald erkennen, dass Marokko ihm auch selbst noch unzählige spannende Geschichten zu bieten haben würde und die eigene Geschichte seines Lebens und Erlebens dort noch sehnsüchtig darauf wartete, ihren Adressaten zu finden, um von ihm aufgenommen zu werden. Im Café Mabrook wird er mit der Gefahr der Dschinnen und ihrer Bedeutung im Leben der vom vermeintlichen Aberglauben beherrschten marokkanischen Gesellschaft anvertraut und erfährt von Dr. Mehdi, einem Chirurg im Ruhestand, dass sich in den Geschichten die wahre Identität Marokkos ausdrücke.

Um das Land auch hinter den Fassaden kennen zu lernen, gelte es daher, die Augen zu schließen, das Herz zu öffnen und den Geschichtenerzählern zu lauschen. Ziel sollte darin bestehen, nach der Geschichte seines Herzens zu spüren, wobei mit der aufrechten und tiefgründigen Suche diese Geschichte einen von sich aus finden werde. Shah begibt sich nun auf die Reise durch das Land, sucht überall die Geschichtenerzähler auf, in der Hoffnung, die Geschichte seines Herzens zu finden. In seinem Buch „Der glücklichste Mensch der Welt“ zeichnet er seine „Reise zu den Geschichtenerzählern Marokkos“ eindrucksvoll nach und bindet sie selbst wiederum in eine übergeordnete Geschichte ein.

Geschichten sind überall zu finden

Zwar findet der Ich-Erzähler es bedauerlich, dass Marokko auf dem Weg ins elektronische Zeitalter kaum weniger weit vorangeschritten ist als Europa und die ägyptische Seifenoper der mündlich vorgetragenen Geschichte im Bewusstsein der jungen Generation zunehmend den Rang abgelaufen hat. Dennoch gelingt es ihm, durch sein „tiefes Graben“ die Geschichtenerzähler überall, wo ihn die Reisen hinführen, aufzuspüren. Man bekommt den Eindruck, seine eigene, aus Kompositionen vieler kleiner Geschichten zusammengetragene Geschichte sei undendlich, denn jeder bereits bis zu einem vorläufigen Ende erzählten Begebenheit lässt sich noch eine eigens erfahrene Geschichte anfügen. Die Geschichten bleiben auch nach Generationen noch aktuell und implizieren geradezu, an andere – möglichst die eigenen Kinder weitererzählt zu werden.

Marokko lebt für Shah vielmehr erst durch seine Geschichten, die ihm das Land in seiner Einzigartigkeit – aber auch als „westlicher Teil des Ostens“ – verleiht. Geschichten haben dementsprechend in anderen „östlichen“ Kulturen wie in Afghanistan oder Indien gleichermaßen ihre Tradition und wirken immer noch stärker völkerverbindend als jegliche moderne Kommunikation über die Massenmedien, welche gemeinhin als das Markenzeichen der Globalisierung gilt. Über die mündliche Erzählkunst wird jedoch eine Tiefe vermittelt, die im modernen Medienzeitalter in Marokko wie in Europa vielfach verloren zu gehen droht.

Shah eröffnet dem Leser die Herzen dafür, welcher geistige Gewinn aus einer Reise zu ziehen ist, wenn er das Erlebte mit Anekdoten und erzählten Begebenheiten verbinden kann. Gerade für westliche Touristen, die Marokko zu erkundigen beabsichtigen, empfiehlt sich sein Buch daher als Begleitlektüre, um nicht in der oberflächlichen Hast von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit stecken zu bleiben, sondern die Schätze zu finden, die zwar überall vorhanden sind, uns aber in unserer Fixiertheit auf die im Reiseführer vorgegebenen Routen immer mehr entgehen. Im Hören, Lesen und Vorlesen erschließt sich jener Teil der Wahrheit, der auf physikalischem Wege nicht messbar ist, aber Geist und Seele gleichermaßen mit Nahrung versorgen kann wie ein reichhaltiges Mal unseren Körper zu kräftigen vermag.

Glücksgefühl kann uns die Geschichte vermitteln, wenn wir bereit sind, sie mit all unseren Sinnen wahrzunehmen. Wie Dr. Mehdi es prophezeit, wird die von uns ersehnte Geschichte uns finden und uns das Tor zur Welt der Vorstellungskraft öffnen. Lassen wir uns von Shahs Reise zu den Geschichtenerzählern inspirieren, auf dass uns eines Tages auf unserer Reise durch das Leben in den Erzählungen das Glück zuteil wird, die Geschichte unseres Herzens ebenfalls gefunden zu haben.

Mohammed Khallouk

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Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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