Warum selbstgefällige Exzentriker das westliche Islambild trüben können

In den letzten Jahren haben mehrfach Symbolaktionen westlicher Islamfeinde für Aufruhr und gewalttätige Ausschreitungen in der gesamten Islamischen Welt gesorgt. Die jüngste Provokation dieser Qualität war der kürzlich in den Vereinigten Staaten erschienene Youtube –Streifen, in dem Prophet Mohammed als „brutaler Kriegsherr“ dargestellt wird. Ebenso sind öffentliche Beschmutzungen und sogar Verbrennungen des Korans in diese Kategorie zu zählen, die gewalttätige Ausschreitungen in muslimischen Ländern nach sich zogen.

Da jene selbsternannten „Kulturkämpfer“ nicht mehr in erster Linie im Namen des christlichen Kreuzes agieren, sondern vorgeben, Ideale der modernen Demokratie wie die Darstellungsfreiheit zu verteidigen, könnte man sie auch als „Kreuzritter der Moderne“ bezeichnen. Durchaus testen sie mit ihren Aktionen aus, in wie weit die zum universellen Ideal erhobene Freiheit ihrer Staaten tatsächlich reicht und in welchem Maße die Muslime bereit sind, sich mit dieser Freiheit zu arrangieren. Jede hierauf folgende Gewalttat eines einzelnen Muslimen stellt für sie den Beleg für ihre Sichtweise, der Islam sei mit dem im Westen vorherrschenden, gemeinhin für universell erklärten Freiheitsbegriff nicht in Kompatibilität zu bringen.

Die Tatsache, dass sie moderne Medien für ihre Provokationen nutzen und für die Werte der Aufklärung vorgeben einzutreten, verleiht jenen „Kreuzrittern“ zwar ihr modernes Image, erhebt ihre islamfeindliche Agitation jedoch keineswegs zu einem spezifischen Phänomen der Moderne.

Schließlich hatten bereits Prophet Mohammed selbst ebenso wie alle im Juden – und Christentum ebenfalls verehrten Propheten vor ihm sich Anfeindungen und Stigmatisierungen zu erwehren. Die Epoche der mittelalterlichen Kreuzzüge kostete erheblich mehr Muslimen wie Christen im Namen der konstruierten religiös-kulturellen Divergenz Freiheit und Leben als die gegenwärtig verbreiteten, abwertenden Darstellungen und Verleumdungen des Propheten im Internet.

Jedoch erwies sich insbesondere die mittelalterliche Epoche als beispielhaft für einen von gegenseitiger Wertschätzung der Religionen getragenen Kulturdialog. Hätten sich die damaligen geistigen Eliten  des Abendlandes ihr Islambild ausschließlich von Kreuzzugspredigern wie Bernhard von Clairvaux zeichnen lassen, wären die antiken Kenntnisse von der Kugelgestalt der Erde für die christlich geprägten Europäer weiter im Verborgenen geblieben und Kolumbus hätte die Route nach Amerika weder gewählt noch gefunden. Ebenso konnte Jahrhunderte später die Islamische Welt von im Westen entstandenen geistig-technologischen Innovationen profitieren, mit denen es mittlerweile sogar gelingt, seit Menschengedenken als unfruchtbar geltende arabische Wüstenregionen in ertragreiches Agrarland zu verwandeln.

Provokationen und Provokateure gegen bestimmte Religionen und ihre Heiligtümer sind so alt wie die Religionen selbst, haben aber weder zur kollektiven Distanzierung vom religiösen Glauben beitragen können, noch die gegenseitige Befruchtung der Zivilisationen und ihrer der Religion entnommenen Ethik verhindert. Die Tatsache, dass die Freiheitsideale der Aufklärung überhaupt als „universell“ postuliert werden können, ist vielmehr dem Umstand zu verdanken, dass alle Weltreligionen und Zivilisationen, einschließlich dem Islam, von einem ethischen Fundament getragen sind, welches die nun als „modern“ apostrophierten Freiheitsideen bereits enthält.

Die fehlende Bereitschaft, jener Provokateure und der sie verteidigenden Eliten, sich dies ins Bewusstsein dringen zu lassen, zeichnet sie hingegen als Ignoranten aus, denen weniger an bürgerlicher Freiheit und Meinungspluralismus als an Selbstbestätigung gelegen ist. So lange die Muslime ihre Provokationen als Anlass für gegen den Westen als Zivilisation gerichtete, Gewalt einschließende öffentlichkeitswirksame Protestaktionen auffassen, ermöglichen sie jenen „Kreuzrittern der Moderne“ die Erreichung ihres Ziels und tragen dazu bei, dass deren bornierte, Ressentiment geleitete Sichtweise auf den Islam im Westen Verbreitung findet.

Die Muslime sind aufgerufen, ihr Bild vom Westen nicht ihrerseits von jenen extremistischen Sektierern prägen zu lassen, die der abendländischen Zivilisation insgesamt einen imperialen Überlegenheitsimpetus unterstellen. Stattdessen gilt es, die Ignoranten auf beiden Seiten zu ignorieren, im Geiste der islamischen Ethik sich auf die Andersgläubigen und außerislamischen Zivilisationen zuzubewegen, um die Gemeinsamkeiten mit ihnen zu würdigen und gemeinsam zum weltweiten humanen Fortschritt beizutragen.

Wenn die islamische Gesellschaft erkennt, dass das sogenannte „westliche“ Freiheitsideal eben nicht die „Freiheit zur Denunziation und Beleidigung des Anderen“, sondern die freie Entfaltung des jeweils Anderen mit seiner von der eigenen abweichenden Religion und Weltanschauung enthält, hat sie zugleich die von jenen bestrittene Kompatibilität der dahinter stehenden Werte mit dem Islam demonstriert. Die Basis für ein von Werten getragenes Miteinander der Zivilisationen ist von muslimischer Seite aus gelegt.

Mohammed Khallouk

Dieser Artikel wurde zuerst am 08.10.2012 bei http://islam.de/21208 veröffentlicht.

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Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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Eine Antwort zu Warum selbstgefällige Exzentriker das westliche Islambild trüben können

  1. Achim Huber schreibt:

    Der Autor beweist mit seinem ignoranten und diffamierenden Artikel nur die Intoleranz einer Glaubensgemeinschaft, die es nicht ertragen kann, wenn aus ihrer eigenen Mitte Bestrebungen zu neuen, an die moderne westliche Gesellschaft angepasste Sichtweisen sich öffentlich zu äußern suchen. Liberale Islamverbände werden doch nicht gegründet, weil sogenannte „liberale Muslime“ den Islam spalten wollen. Sie entstehen, weil der Islam und die Muslime in ihrer großen Mehrheit -jung wie alt und in Deutschland wie im Nahen Osten – von modernem Denken nichts wissen wollen und die Minderheit, die es doch will, in den reaktionären und dominierenden Islamverbänden ihre Positionen nicht äußern darf. Deswegen entstehen in den Islamischen Staaten wie Ägypten oder Tunesien auch keine Demokratien nach westlichem Vorbild, sondern säkulare, prinzipiell fortschrittsorientierte Systeme werden durch rückwärtsgewandte islamistische Regime ersetzt. Wenn die Muslime eines Tages in Deutschland die Mehrheit stellen, dann – da sollte man sich nichts vor machen – wird es mit unserem Pluralismus auch vorbei sein. Alle, die eine andere Meinung als die führenden Ulama haben, müssen dann ins Ausland fliehen. Um wenigstens untereinander ihre liberalen Ideen austauschen zu können, hat sich die Minderheit der demokratischen und liberalen Muslime schon jetzt in Gruppen mit ihresgleichen zusammen getan. Daraus könnte eines Tages die Exilopposition gegen ein islamistisches Deutschland erwachsen.

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