Allgemeinwissen über Marokko für jung und alt

Kindersachbuch mit gesellschaftspolitischem Anspruch

In der Kinderbuchreihe „Kinder der Welt“ stellt jeder Band ein Land mit Kultur, Geschichte und seinen spezifischen Gegenwartsproblemen anhand verschiedener, in vollständig divergentem gesellschaftlichem Umfeld dort lebender Kinder und ihrer Familien vor, um bei den Gleichaltrigen von der Vielfalt der Lebensweisen auf dieser Erde einen Eindruck zu vermitteln und das Interesse an anderen Ländern und Kulturen zu wecken.

Im vorigen Jahr hat die französische Verfasserin dieser Reihe, Claire Veillères, unter dem Originaltitel „Leila, Reda et Anissa vivent au Maroc“ einen Band zu Marokko herausgebracht, der umgehend als „Wir leben in Marokko“ von Regina Enderle ins Deutsche übersetzt und, mit den farbigen Illustrationen von Sophie Duffet versehen, zu einem informativen, kurzweiligen und zugleich gesellschaftskritischen Kindersachbuch zusammengestellt worden ist.

Nach einer kurzen kindgerechten Vorstellung des Landes mit Karte, einigen statistischen Daten und Informationen zur Nationalgeschichte werden drei marokkanische Mädchen in den Blickpunkt gerückt, über deren Familie die Autorin erzählt und dabei zugleich Kenntnisse über verschiedene Regionen und Gesellschaftsschichten des Landes vermittelt. Die Biographien der drei ausgewählten Mädchen, der zehnjährigen Leila aus Fes, der zwölfjährigen Reda aus Casablanca und der dreizehnjährigen Anissa aus Bouzmou im Hohen Atlas könnten unterschiedlicher kaum sein, ohne gleichermaßen als idealtypisch für eine Kindheit im nordwestliches Land Afrikas im beginnenden 21. Jahrhundert zu gelten.

In allen drei Familien wird der Konflikt zwischen einem emotionalen Festhalten an der Jahrhunderte alten marokkanisch-islamischen Tradition und dem Anspruch zur Teilhabe an den Errungenschaften der Moderne exemplarisch aufgezeigt, womit sich dieses Buch in seiner Realitätsbezogenheit von fiktiven, verklärenden, Nostalgie erweckenden Erzählungen in wohltuender Weise abhebt.

Die heranwachsenden Kinder in Frankreich oder Deutschland sollen von den aus den im Grundschulalter aufgenommenen märchenhaften Vorstellungen vom Orient der Abenteuerfilme und Zeichentrickserien weg und zu einer durchaus lebenswerten Wirklichkeit im marokkanischen Alltag hin geführt werden, die sich jedoch in keinster Weise vollkommen präsentiert und bereits im Mädchenalter aktiven Einsatz im Sinne von gesellschaftspolitischen Veränderungen verlangt.

Vor diesem Hintergrund nehmen aktuelle politische Konflikte des Landes wie die Auseinandersetzung um die marokkanischen Südprovinzen, die ungleiche Landverteilung, die Frauenrechte oder die verschiedenen Formen der politischen Instrumentalisierung des Islam einen breiten Raum ein. Indem hierzu verschiedenen Ansichten (z.B. von Kindern und Erwachsenen) gegenübergestellt sind, erweist sich das Buch als Anregung zur eigenen kritischen Meinungsbildung, wie sie von der auf Erwachsene als vorrangige Zielgruppe ausgerichteten Tages- und Wochenpresse kaum besser vorgenommen wird.

Die innergesellschaftlichen Gegensätze stehen im Mittelpunkt

Die Divergenz des Lebensumfelds der Mädchen und ihrer Familien beschränkt sich nicht auf die geographischen Gegebenheiten, sondern manifestiert sich in der Grundeinstellung der vorgestellten Charaktere zu Politik, Religion, Staat und Zukunftsaussichten. Während Leila in einer reichen bürgerlichen Familie aufwächst mit einem Vater, der unzählige Kontakte zur Geschäftswelt im In- und Ausland und sogar zum Königshaus besitzt, sind die Eltern von Reda in einem Bidonville in Casablanca schon erleichtert, wenn trotz starkem Wind das Feuer der Gaskocher nicht auf den Hausrat übergreift und Anissa, die zu Hause nur den berberischen Dialekt des Tachelhit spricht, darf sich glücklich schätzen, in der Schule sowohl Arabisch als auch Französisch lernen zu dürfen.

Marokko präsentiert sich in diesen Schilderungen, ergänzt durch Gemälde und Farbfotos, als heterogenes Land, dass die größtmöglichen Anstrengungen unternehmen muss, um fortlaufend den Zusammenhalt als Nation zu gewährleisten und den verschiedenen Interessen und Bedürfnissen entgegen kommen zu können. Vor allem die Armut trägt ins Bewusstsein, dass dies in den letzten Jahrzehnten der Obrigkeit nur unzureichend gelungen ist und das Königreich trotz unverkennbaren Einflüssen der westlichen Moderne sich nach wie vor als Entwicklungs- bzw. Schwellenland darstellt.

Welche Route der Weg Marokkos in die Postmoderne nehmen soll, darüber herrscht nicht nur bei den jungen und alten Verantwortungsträgern dort Uneinigkeit, auch die Erwartungen des Auslandes tragen nicht immer dazu bei, die Identifikation der Marokkaner mit den gesellschaftspolitischen Gegebenheiten der Gegenwart und den vom Westen ausgehenden, modernen universellen Werten zu erhöhen.

Claire Veillères lässt zudem erkennen, dass sie bei der Beschreibung der marokkanischen Lebenssituationen nicht frei ist von einem vorurteilsbeladenen Marokkobild ihrer eigenen Gesellschaft. Dass die französische Protektoratszeit als vom marokkanischen Sherifen herbeigesehnte Epoche und nicht als von außen aufgezwungene Fremdherrschaft dargestellt wird, mag aus französischer Perspektive menschlich nachvollziehbar sein, aus marokkanischer Perspektive erscheint es hingegen wie eine Nostalgie an das Kolonialreich, aus dem man sich erfolgreich befreit zu haben geglaubt hatte.

Bei der Vorstellung des Westsaharakonflikts im Zusammenhang mit der von dort stammenden Familie Redas vermisst der kritische Leser ebenfalls ein Wenig die Reflexion der Autorin. Wieso emigriert diese Familie in die größte marokkanische Metropole, wenn man sich doch angeblich als Sahraoui nicht Marokko zugehörig fühlt? Die Ansiedlung in den Bidonvilles ist ebenfalls wohl eher dem angespannten Wohnungsmarkt Casablancas geschuldet als der Sahraoui-Abstammung, denn dieses Schicksal trifft Immigranten aus anderen Landesteilen gleichermaßen.

Von Kindern kann nicht erwartet werden, dass sie bereits eigenständig diese Einseitigkeit in der Darstellung wahrnehmen und entsprechend einzuordnen in der Lage sind. Ihr Marokkobild kann sich auf diese Weise nicht von in Europa häufig anzutreffender Voreingenommenheit losgelöst herausbilden.

Marokkolehrbuch für den Hausbedarf

Ungeachtet dieser teilweise zu hinterfragenden Parteinahmen der Autorin in zeitgeschichtlichen Konflikten erfahren jungendliche wie erwachsene Leser in diesem Buch mehr über das Land, seine gegensätzlichen Strömungen und Entwicklungen ebenso wie über den Facettenreichtum der marokkanischen Gesellschaft, als in jeglichen Reiseführern. Die Intensität, mit der man sich hier dem Heimatland der vorgestellten Familien zuwendet, lässt sich nicht einmal vom Geographieunterricht eines Leistungskurses der gymnasialen Oberstufe bieten.  Für universitäre Seminare, die Marokko zum Gegenstand ausgewählt haben, ermöglicht es einen geeigneten Kurzüberblick, bevor man sich der spezifizierten wissenschaftlichen Literatur zuwendet.

Es erweist sich somit nicht ausschließlich als Kindersachbuch, sondern zugleich als Marokko bezogenes Lehrbuch für den eigenen Hausbedarf. Manch ein europäischer Unternehmer, der in Marokko zu investieren beabsichtigt, ist mit diesem Buch als Grundlage ebenso gut beraten, da es sich nicht auf abstrakte statistische Daten beschränkt, sondern die Lebenswelt der Menschen, Kinder wie Erwachsene, ihre subjektiven und objektiven Erfahrungen und ihre Einstellung diesen gegenüberstellt.

Über die kindliche Perspektive prägt sich vieles leichter im Bewusstsein ein und es mag sich eine Sensibilität für die Anliegen der Menschen in diesem Land herausbilden, die politische wie ökonomische Verantwortungsträger in Marokko, aber auch in Europa häufig vermissen lassen. Auf diese Weise kann dem Kindersachbuch eine Schlüsselfunktion für die allgemeine Begegnung der europäischen Gesellschaft mit ihrem marokkanischen Gegenüber und den geistig – kulturellen Erfahrungsaustausch zufallen.

Mohammed Khallouk

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Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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Eine Antwort zu Allgemeinwissen über Marokko für jung und alt

  1. Sebastian Heinze schreibt:

    Der Beitrag stellt heraus, wie schon über Kinderbücher versucht wird, ein bestimmtes Bild von einem Land und einer Kultur zu verbreiten. Zwar iverleitet das vorliegende Buch auf der einen Seite offenbar zwischen diesem Marokko und jenem Marokko zu differenzieren, weil unterschiedliche Kinder mit verschiedenen Umweltsituationen und dahingehend auch verschiedenen Lebensperspektiven dargestellt werden. Auf der anderen Seite bekommt man den französischen Blickwinkel eingestellt und kann sich von diesem nun fest sitzenden aber verzerrten Wirklichkeitsbild erst befreien, wenn man mit einheimischen Marokkanern in Kontakt getreten ist und deren sichtweisen und Erlebnishorizont unmittelbar erfahren hat.

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