Simon Levy- Bewahrer des jüdischen Erbes der marokkanischen Kultur

Marokko als Beispiel muslimisch-jüdischer Koexistenz in Historie und Gegenwart

Der Nahostkonflikt hat dafür gesorgt, dass Judentum und Islam im Kollektivbewusstsein einer gesamten Generation als sich von ihrem Ursprung her feindlich gegenüberstehende Religionen wahrgenommen werden. Der gemeinsame Ursprung beider monotheistischen Glaubenslehren ebenso wie des Christentums in Abraham wird dabei nicht nur außer Acht gelassen, sondern auch eine Jahrhunderte währende jüdisch-muslimische, von gegenseitigem Respekt getragene Koexistenz in verschiedenen Teilen der Welt.

Historisch gesehen befanden sich die größten jüdischen „Diasporagemeinden“ zudem in muslimisch beherrschten Gegenden, eine Tatsache, die heutzutage, nach Gründung des Staates Israel und einem anschließenden jüdischen Massenexodus aus der Arabischen Welt nach dort, aber auch nach Amerika oder Europa, von westlichen wie arabischen Historikern kaum noch erwähnt wird.

Eine Ausnahme bildete sicherlich der am 2. Dezember 2011 in Rabat gestorbene marokkanisch-jüdische Geschichtsprofessor Simon Levy, der sich als Wissenschaftler speziell dem jüdischen Anteil der Kulturgeschichte seines Landes zuwandte, als Politiker und Intellektueller jedoch permanent die gesamte marokkanische Nation und deren Wohlergehen im Blick hatte. Den Freiheitsbegriff aus Thora und Talmud interpretierte er in keiner Weise als „Privileg eines auserwählten Volkes“, sondern als Aufforderung, sich für eine freiheitliche und tolerante Gesellschaft in der Gegenwart einzusetzen.

Die Beschäftigung mit der in Bezug auf die Behandlung der Juden wechselvollen marokkanischen Geschichte, die sie zu keiner Zeit veranlasste, dem Land ihrer Geburt in ihrer Gesamtheit den Rücken zu kehren, hat bei Levy sein Leben lang die Zuversicht erhalten, das Judentum werde auch in Zukunft ein Wesenselement der marokkanischen Nation bleiben und könne weiterhin gemeinsam mit einem ebenfalls in der abrahamitischen Ethik wurzelnden Islam zu einem humanen Fortschritt beitragen.

In der Tat erscheint die aktuelle, je nach Quelle zwischen 5000 und 15000 schwankende jüdische Einwohnerzahl im marokkanischen Königreich verschwindend gering, vor dem Hintergrund, dass noch in den Fünfziger Jahren, als Marokko seine Unabhängigkeit von der französischen Protektoratsherrschaft wiedererlangte, weit über 200000 Juden dort gelebt haben sollen. Dessen ungeachtet beherbergt das Königreich im westlichen Maghreb nach wie vor die größte Anzahl jüdischer Staatsbürger in der Arabischen Welt.

Dass die Bezeichnung „Staatsbürger“ hierbei nicht nur als juristischer Terminus verstanden wird, kann am Vermächtnis Simon Levys eindrucksvoll demonstriert werden, wenngleich andere landesweit geachtete Repräsentanten der marokkanischen Gesellschaft sich ebenfalls zum jüdischen Glauben bekennen, der König sich von einem Juden politisch beraten lässt, der neuen, erstmals von bekennenden Islamisten angeführten Regierung ein jüdisches Kabinettsmitglied angehören soll und das Hebräische Element sogar als wesentlicher Teil der marokkanischen Kultur in der aktuellen, dieses Jahr beschlossenen Verfassung definiert ist.

Jüdische Ethik verpflichtet zu gesamtgesellschaftlichem Engagement

Simon Levy wäre jedenfalls der Letzte gewesen, dem man ein konspiratives Agieren im Sinne des Staates Israel oder gar gegen die muslimische Majorität seines Landes gerichtet hätte nachsagen können. Die politische und persönliche Freiheit aller marokkanischen Bürger – Muslime wie Juden – lag ihm immer in besonderer Weise am Herzen, wofür er sogar zweimal den Entzug seiner eigenen individuellen Freiheit in Kauf nahm. War der erste politisch bedingte Gefängnisaufenthalt seiner aktiven Unterstützung der Unabhängigkeitsbewegung gegen das französische Protektorat geschuldet, resultierte die zweite Inhaftierung aus seiner oppositionellen Einstellung zum absolutistischen Staatsverständnis des 1999 verstorbenen Königs Hassan II.

Nicht zuletzt die erkannte Diskrepanz der Politik des islamisch legitimierten Monarchen zum humanistischen Gemeinschaftsideal, das die Grundlage sowohl der jüdischen als auch der islamischen Ethik bildet, veranlasste Levy, sich in der kommunistischen Partei Marokkos zu engagieren. In keiner Weise war damit eine antireligiöse oder antikapitalistische Einstellung bei ihm verbunden – geschweige denn ein linker „jüdischer“ Antisemitismus, der Karl Marx von Historikern oft unterstellt wird. Vielmehr erachtete er es als Lebensaufgabe, den jüdischen Beitrag zur marokkanischen Kultur in Historie wie Gegenwart herauszustellen und insbesondere jüdische Zeitgenossen zum Einsatz ihres Kapitals in und für die marokkanische Gesellschaft zu ermuntern.

In diesem Sinne ist die Stiftung für den Erhalt des marokkanisch-jüdischen Erbes, die Fondation du Patrimoine Culturel Judeo-Marocain zu verstehen, die Levy Anfang der 1990er Jahre ins Leben gerufen hat, mehr noch das 1998 begründete, von dieser Stiftung getragene Museum für marokkanisch-jüdische Kultur in Casablanca, das erste und bislang einzige jüdische Museum der Arabischen Welt, welches Levy bis zu seinem Tod leitete, und nicht zuletzt, der von ihm 2007 mitbegründete Mimouna Club.

In Erinnerung an den jüdischen Feiertag am Schluss des Passahfestes, der die Befreiung des Volkes Israel von der ägyptischen Sklaverei im Kollektivgedächtnis halten soll, setzte Levy sich in diesem Club aber auch allgemein für die freie Entfaltung jüdischen Lebens und Glaubens in der Gegenwart ein, wofür jedoch nicht mehr ein Exodus, wie seinerzeit von Mose initiiert, angestrebt werden sollte, sondern die gleichberechtigte Partizipation der Juden an einer majoritär nichtjüdischen marokkanischen Gesellschaft, die prinzipiell auch weiterhin dafür die Voraussetzung biete.

Der auf die Gesamtbevölkerung bezogen zweifellos extrem geringe Anteil an Juden im heutigen Marokko hat es mit sich gebracht, dass die meisten muslimischen Marokkaner keine persönliche Beziehung zu Juden mehr besitzen und – wie anderenorts auch – Judentum mit den Medienberichten über die israelische Politik gegenüber den Palästinensern assoziieren. Die Tatsache, dass eine von bekennenden Islamisten getragene Regierung einem Juden einen Kabinettsposten anbietet, belegt, die politische Elite des Landes, an der bis in die Gegenwart Juden ihren Anteil haben, versteht es nach wie vor, zwischen dem Judentum als Bruderreligion zum Islam und dem Staat Israel sowie dessen aktueller, „jüdisch“ gerechtfertigter, als ungerecht empfundener Politik zu differenzieren.

Marokkaner jüdischen Glaubens statt Privilegierter eines Auserwählten Volkes

Simon Levys Ziel bestand immer wieder darin, auch der marokkanischen Durchschnittsbevölkerung zu vermitteln, dass jüdischer Glauben und marokkanischer Patriotismus für ihn zwei Seiten einer Medaille darstellen. Ich konnte in einer persönlichen Begegnung mit ihm erfahren, wie sehr die Vermittlung des jüdischen Anteils der marokkanischen Kultur- und Geistesgeschichte Levy am Herzen lag. Tief bedauerte er, dass der Geschichtsunterricht staatlicher Schulen diesen bedeutenden Teil der nationalen Historie immer wieder ausblende.

Vor allem jenen Auftrag hat er deshalb an den Mimouna Club weiter gegeben, der diesen nunmehr von majoritär muslimischen Wissenschaftlern auszufüllen gedenkt. Intellektueller Höhepunkt in der politisch, pädagogisch wie zeitgeschichtlich definierten Arbeit des Clubs war die von ihm organisierte international ausgerichtete Holocaust Konferenz in Casablanca und Ifrane im vergangenen September, die der nun bereits sterbenskranke Simon Levy noch mit erleben  durfte.

Anders als dem iranischen Präsidenten Ahmedineschad in seiner zeitgleich vor der UNO in New York vorgetragenen Rede, ging es in dieser ersten in einem arabischen Land abgehaltenen Konferenz zu diesem heiklen Thema in keiner Weise um eine Relativierung oder gar Leugnung historischer Tatsachen, sondern um die Hervorhebung des Potentials zur friedlichen Koexistenz und gegenseitigen Achtung von Muslimen, Christen und Juden, wofür gerade die marokkanische Historie und die Verhinderung der Auslieferung marokkanischer Juden an das von Nazideutschland abhängige französische Vichy-Regime durch den späteren marokkanischen König Mohammed V. einen Beleg darstelle.

Im Geiste Levys vertraten die Teilnehmer der Konferenz die Auffassung, dass der jüdische Beitrag zur marokkanischen Kultur und Gesellschaft mehr in den Vordergrund gerückt werden müsse, um antijüdischen Tendenzen entgegenzuwirken und eine Wiederholung jeglicher Kollektivverbrechen an Juden in der marokkanischen Gesellschaft, in der sie historisch eher die Ausnahme dargestellt hatten, zu verhindern.

Der Instrumentalisierung des Holocaust wie anderer historischer Verbrechen an Juden durch die israelische Politik ist somit ebenso entgegenzutreten wie der gerade in extremistischen Kreisen innerhalb der heutigen muslimischen Gesellschaft populären Negierung der Shoah, um Juden generell vom Opferstatus in den Täterstatus einordnen zu können.

Jüdischer Humanismus, wie ihn Levy vertreten hat, verlangt einen Einsatz für die Menschenrechte eines jeden. Er findet seine Grundlage in den Zehn Geboten und den Gesetzen des Talmuds, könnte sich aber ebenso auf das Neue Testament oder den Koran berufen. Indem er Juden ebenso wie Muslime dazu animieren konnte, dieser Sichtweise zu folgen, hinterlässt Levy eine realistische Perspektive für ein Marokko der Zukunft, in dem wie in der Historie beide Religionen gemeinsam zu Mitmenschlichkeit aufrufen und sich gegenseitig als Bereicherung für die eigene Nation erfahren.

Mohammed Khallouk

Dieser Artikel wurde zuerst im Februar 2012 bei http://www.compass-infodienst.de/Mohammed_Khallouk__Simon_Levy_-_Bewahrer_des_juedischen_Erbes_der_marokkanischen.10438.0.html veröffentlicht.

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Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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Eine Antwort zu Simon Levy- Bewahrer des jüdischen Erbes der marokkanischen Kultur

  1. Heinz Hammer schreibt:

    Hab ich gar nicht gewusst, dass ein Jude auch heutzutage in einem arabischen Land noch ein so hohes gesellschaftliches Ansehen genießt. Bleibt zu hoffen, dass Levy in anderen arabischen und islamischen Ländern Nachahmer findet und man auch dort begreift, dass Judentum nicht Schmarotzertum bedeuten muss. Die Christen in Europa haben lange gebraucht, um zu erkennen, dass Juden keine Kindsmörder und Brunnenvergifter sind. Bei den Muslimen in Marokko waren derartige Vorurteile ohnhin schon weniger verbreitet. Wenn noch mehr Levys auftreten, werden diese Ansichten auch in der übrigen Islamischen Welt wieder geringer werden. Dann können Juden, Muslime wie auch Christen ihrer gemeinsamen Wurzeln in Abraham wieder bewusst werden und gemeinsam zu Mitmenschlichkeit und zum Weltfrieden beitragen.

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