Marrakesch – Eine orientalische Stadt aus dem Blickwinkel der Okzidentalen beleuchtet

Der euroamerikanischen Faszination einer außereuropäischen Altstadt auf der Spur

In der westlichen Literatur zur Arabischen Welt im Allgemeinen und zu Marokko im Besonderen nimmt die alte Königsstadt Marrakesch spätestens seit der frühen Neuzeit eine vorrangige Stellung ein. In ihrem Buch „Tausendundein Fremder im Paradies? Ausländer in der Medina von Marrakesch“, das den ersten Band der orientwissenschaftlichen Reihe „Muslimische Welt – Empirische Studien zu Gesellschaft und Politik und Religion“ darstellt, gehen die beiden Autoren Anton Escher und Sandra Petermann der Frage nach, ob und in welchem Maße dem westlichen Kulturkreis entstammende Immigranten diese Stadt heutzutage prägen. Aufgezeigt wird wie die Neu-Marrakchi mit euroamerikanischen Wurzeln im Bewusstsein der Alteingesessenen wie in ihren Herkunftsländern der Medina ein Gesicht verleihen, das sie zum Idealtypus für eine nichtwestliche Metropole auf dem Weg ins Zeitalter der Postmoderne formt.

Das Buch zeigt eine allgemeine Divergenz zwischen einem konstruierten und projizierten Bild von außen und der realen Entwicklung dieser Stadt auf. Dabei wird herausgestellt, dass ein bereits im Neunzehnten Jahrhundert einsetzendes Interesse in Europa und Nordamerika für die mittelalterliche Medina im Hohen Atlas mit der Lebenswelt der Einheimischen dort in keiner Weise in Übereinstimmung zu bringen ist. Unabhängig davon heben die Autoren hervor, dass Marrakesch bereits damals auf einige Okzidentalen einen besonderen Reiz ausgeübt hat.

Diese Attraktivität trug mit dazu bei, dass westliche Einwanderer stets bestrebt waren, die Entwicklung der Stadt mitzubestimmen. Sie zielten dabei auf die Erhaltung ihrer Originalität als „Perle des Orients“ hinaus. Manifestiert an dem idealtypischen Riad, dem Wohnhaus mit Innenhof und Garten, schildert das Buch, wie die Anziehungskraft für Europäer aus dem Image des Exotischen „Nichteuropäischen“ erwachsen ist. Da mag es nicht wundern, dass gerade das Riad als Symbol für diese Exotik von wohlhabenden Neu-Marrakchi als begehrtes Lebensexilier ausgewählt wurde.

Vor allem supranational empfindende Eliten und gesellschaftliche Randgruppen wie Künstler, Intellektuelle, superreiche Jetsets, die Hippies in den 1960er Jahren und später Homosexuelle haben sich für diese marokkanische Stadt als Wahlheimat entschieden. Hier konnten und können sie offenbar die Eindrücke aufnehmen und Werte erfahren, deren sie in ihrer „eigentlichen Heimat“ im von Hektik und Durchorganisiertheit bestimmten euroamerikanischen Umfeld überdrüssig geworden sind.

Anhand eines Überblicks auf die jüngere Stadtgeschichte mit besonderem Augenmerk auf den Einfluss der Fremdbewohner gewinnt man den Eindruck, die Tatsache, dass sich eben nicht Tausendundein Fremder in der Medina aufhält – zumindest erheblich weniger Nichtmarokkaner – für die ausländischen Immigranten geradezu stimulierend wirkt, sich hier niederzulassen. Man sieht sich offenbar leichter in der Lage, die Traumwelt des Orients aus Tausendundeiner Nacht als „Realität“ zu erfahren und wähnt sich nicht nur geographisch, sondern darüber hinaus hinsichtlich der gesellschaftlichen Umgebung im „außerwestlichen Paradies“.

Knotenpunkt für Exzentriker mit liebevoller Distanz zur Umwelt

Das orientalische Flair, die tatsächliche wie imaginäre Divergenz zum westlichen Lebensalltag und die scheinbare Unvorhersehbarkeit der Tagesereignisse erweisen sich als wesentlicher Pull-Faktor für die Ansiedlung in Marrakesch. Exemplarisch wird anhand einer Reihe aus den unterschiedlichsten Gesellschaftskontexten stammender Neu – Marrakchi aufgezeigt, dass zur alteingesessenen Stadtbevölkerung vielfach auch nach Jahren der Ansässigkeit dort eine Distanz bleibt. Von der französischen Protektoratsherrschaft wurde diese Segregation sogar öffentlich gefördert, indem die euroamerikanischen Ausländer aus der Medina in neu entstehende villes nouvelles am Stadtrand hinausgedrängt wurden, so dass sie dort weitgehend eine Elite unter sich bildeten.

Die aus reichen westlichen Wirtschaftskreisen kommenden Jetsets pflegen diesen Abstand zu den majoritär in bescheidenen Verhältnissen existierenden Altstadtbewohnern bis heute. Allenfalls zu ebenso der gehobenen Schicht angehörenden, aus anderen Landesteilen hierher gezogenen Marokkanern bestehen persönliche Bindungen.

Die Künstler und Intellektuellen mit westlichen Wurzeln, die als erste Gruppe der Nichtmarokkaner mitten in die Medina hinein gezogen sind, suchen durchaus eine Verbindung zur alteingesessenen Bevölkerung aufzubauen. Ihre exzentrische Lebensweise erweist sich jedoch ebenso als Hindernis für die Kontaktaufnahme mit einer Gesellschaft, die – aller Modernität und den immer tiefer dringenden Einflüssen der vom Westen ausgehenden Globalisierung zum Trotz – zumindest nach außen hin an ihren marokkanischen Wertetraditionen festzuhalten bestrebt ist.

Mag man sich prinzipiell in dieser Stadt heimisch fühlen, man bleibt immer auch ein „Fremder“, im eigenen Bewusstsein ebenso wie in der Wahrnehmung der alteingesessenen Marrakchi. Diese schätzen den gesellschaftlichen Einsatz ihrer sich im Innern der Medina niederlassenden Immigranten, der dem Erhalt des Stadtbildes ebenso gilt wie dem gegenseitigen Kulturverständnis von Westlern und Maghrebinern.

Dem exzentrischen Lebensstil gegenüber dieser Neu-Marrakchi mag man sich – wenn überhaupt – nur heimlich öffnen. Selbst der marokkanische homophile Partner des in Deutschland aufgewachsenen Weltbürgers Rashid al-Taliq hält nach außen hin an einem konservativen Familienleben fest, um sich nicht dem öffentlichen Vorwurf des Verlassens der islamischen Tradition ausgesetzt zu sehen.

Bei den Eingewanderten führt das besondere gesellschaftliche Engagement für die Einheimischen und deren spezifische Probleme sowie das lobende Hervorheben des Gegensatzes zum eingespielten Lebensrhythmus des Okzidents nicht zur Zerstörung der Identifizierung mit der Herkunftskultur. Die aus der Schweiz stammende Leiterin der Kulturstiftung Bellarj, Susanna Biedermann, hat ihre Stiftung sogar bewusst auf die Förderung der marokkanischen Alltagskultur ausgerichtet, zeigt sich aber in keiner Weise bereit, ihre schweizerische Identität zugunsten einer exklusiven marokkanischen aufzugeben.

Ob Künstler, Jetset, Weltbürger oder vom milden Klima angezogener Rentner, sie alle werden als der Umwelt gegenüber aufgeschlossene, weltoffene, an der Internationalität interessierte Zeitgenossen beschrieben. Das „Paradies“, in das sie hineingezogen sind, bleibt ein von offenen Zäunen umgrenzter Garten Eden. Zwar findet man gelegentlich Ausgänge und kommt mit der alteingesessenen Bevölkerung in Berührung, mit der man sogar sinnliche Erfahrungen teilen kann. Früher oder später gilt es jedoch zurückzukehren, um den eigenen Status nicht zu verlieren.

Diese problematische Seite an dem westlichen Interesse an der Stadt lassen die beiden Autoren immer wieder anklingen. Hierin erkennen sie zurecht ein „kolonialistisches Denken und Verhalten“ und deklarieren die Beziehung zu den Marokkanern als „Herr-Knecht-Verhältnis“. Zwar besäßen nicht alle westlichen Ausländer das verklärte Bild von der Protektoratszeit wie der amerikanische Stararchitekt Bill Willis, der eine eigenständige Wohlstandsentwicklung bei der marokkanischen Bevölkerung angesichts mutmaßlich steigender Preise sogar als „bedrohlich“ bewertet. Ihre Exklusivität und gesellschaftliche Sonderstellung scheint jedoch die Majorität beizubehalten zu beanspruchen.

Dem Traumbild der eigenen Gesellschaft verpflichtet

Das Buch weist dem Status Marrakeschs als „Paradies auf Erden“ eindeutig die Kategorie des im Westen durch die Literatur entstandenen und ins okzidentale Kollektivbewusstsein hinein gedrungenen Mythos zu. Den marokkanischen Stadtbewohnern, die spätestens seit der Massenimmigration von Landbevölkerung aus den Atlasdörfern im Zuge des Bedeutungsverlusts der Landwirtschaft in ihrer Majorität einen bescheidenen Lebensstil führen müssen, wäre es wohl kaum in den Sinn gekommen, sich im „Paradies“ zu wähnen.

Die Vielzahl an gesellschaftlichen Problemen lassen sich auch nicht durch das angenehme Klima oder die unbestrittene Schönheit der städtischen Architektur überdecken. Die Neu-Marrakchi nehmen diese durchaus wahr, einige von ihnen setzen sich sogar in besonderem Maße für die Abmilderung der Notsituationen ein. Von der eigenen märchenhaften Vorstellungwelt ist man jedoch nicht bereit, sich zu lösen. Dies erklärt offenbar auch einen Teil der Distanz zu den marokkanischen Stadtbewohnern. Ebenso manifestiert sich dieses Verharren am eigenen Traumbild in der Nostalgie an eine verklärte Vergangenheit aus den alten Erzählungen zum Orient.

Die Tatsache, dass die dort lebenden Ausländer an der regelmäßigen Veränderung und Neugestaltung Marrakeschs entscheidenden Anteil besitzen, wird von den Marokkanern offenbar intensiver wahrgenommen als von diesen selbst. Hierin mag ein berechtigter Grund für die zum Ausdruck gelangende zunehmende Skepsis gegenüber fortgesetzter Zuwanderung aus dem Westen liegen. Zugleich drückt sich darin die Erkenntnis aus, die Ausländer zeigen nur geringe Bereitschaft, ihr Idealbild der Stadt an den Ansprüchen der Einheimischen auszurichten.

Eine gelungene Mixtur aus Kritik und Hochachtung

Trotz der fehlenden Aussparung der Probleme, die mit dem anhalten Zuzug von Ausländern aus westlichen Gesellschaften in die Medina Marrakeschs verbunden sind, vermitteln die beiden Autoren die Botschaft, dass ihnen die Internationalität der marokkanischen wie westlichen Bewohner Marrakeschs imponiert. Gezeichnet wird ein Marrakesch, das in der Globalisierung angekommen ist und einen Berührungspunkt zwischen der orientalen und okzidentalen Kultur darstellt.

Hierbei nehmen die aus Europa und Nordamerika stammenden Immigranten eine Schlüsselstellung ein. Besonders das vielseitige soziale und kulturelle Engagement, das von Ausländern ausgeht, findet seine Würdigung. Es fängt an mit der Restaurierung traditioneller Bauten führt über die Sammlung von traditioneller marokkanischer Kunst und reicht bis hin zu von Einwanderern initiierten Stiftungen, die sich benachteiligten Gesellschaftsschichten der Stadt widmen.

Vor diesem Hintergrund wird einem ein Verständnis für Verhaltensweisen abverlangt, die in der marokkanischen Gesellschaft auf geringe Akzeptanz treffen und z.T. sogar die Grenzen der Legalität überschreiten. Ein Riad, in dem sich häufig andere westliche Ausländer zu Konferenzen treffen sollen, und erst recht ein Zentrum für westlichen Tourismus vermag ohne den Verkauf der im Islam untersagten alkoholischen Getränke kaum rentabel zu errichten sein. Die Übertragung des Immobilienbesitzes auf neue Eigentümer ohne vorherige behördliche Genehmigungen kann als Reaktion auf eine ebenfalls nicht von Korruption und Willkür befreite Bürokratie gerechtfertigt werden.

Gegen einen imperialen Habitus, der die marokkanische Mehrheitsbevölkerung in der Stadt in der Position des „Dieners“ zu sehen beansprucht, gilt ein Widerstand jedoch als legitim. Der Begriff „Paradies“ ist in keiner Weise ein Synonym für ein Schlaraffenland, in dem einem die optimalen Bedingungen nur von anderen bereitgestellt werden.

Wenn die Stadt in Zukunft das Image des weltoffenen, am Miteinander der Kulturen interessierten Knotenpunktes beibehalten soll, sehen sich alteingesessene Stadtbewohner und ausländische Immigranten aufgerufen, in stärkerem Maße als bisher die Kommunikation untereinander zu suchen und die Stadtentwicklung gemeinsam in beiderseitigem Einverständnis zu gestalten.

Unter diesen Umständen wird der Garten Eden zwar weiterhin Mythos bleiben, Marrakesch kann jedoch die Faszination des Orients mit einer modernen, von westlichen Einflüssen inspirierten Stadtkultur vereinen. Escher und Petermann richten mit ihrer Studie einen Apell an die deutschsprachige Orientwissenschaft, mit der Vermittlung ihrer vorhandenen Kenntnisse über die maghrebinische Kultur und Denkweise und ihrer unvoreingenommenen Begegnung ihren Anteil dazu beizutragen.

Mohammed Khallouk

Dieser Artikel wurde zuerst in der zweiten Ausgabe 2010 von Mediterranes http://ema-hamburg.org/media/download_gallery/Mediterranes/2010/Heft_2/Artikel/42_med_2_2010.pdf veröffentlicht.

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Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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