Der lesende Blick als Grundlage, sich der Traumwelt und Realität des Orients schriftlich zuzuwenden – Reinhard Kiefers Prosaroman „Café Moka“ lässt das Unsichtbare im Wort sichtbar werden

Westlicher Materialismus oder orientalische Sinnlichkeit?

Viele Europäer verbinden mit dem Orient ein Bild, das sie aus den Märchen von Tausendundeine Nacht, ebenso wie aus amerikanischen Hollywoodstreifen, wie „Der Dieb von Bagdad“ aufgenommen haben. Reinhard Kiefer ist sich dieses Traumbildes bewusst (Fragment 42), er besitzt jedoch zugleich umfangreiche Kenntnisse von der Realität in der südmarokkanischen Hafenstadt Agadir, die er in seinem 114 Fragmente umfassenden Prosawerk „Café Moka –Nachschreibungen zu Agadir“ lebendig werden lässt. Als Dichter ist ihm der „lesende Blick“ zuteil geworden, der nicht nur ermöglicht, die tiefergehende Bedeutung der mit allen Sinnen aufgenommenen Begebenheiten zu erkennen, sondern zugleich als Schreiber in Worte zu fassen, die das Vergängliche im Geist konservieren.

Als Theologe ist Kiefer von der Gewissheit geleitet, „das Jenseits ist die Kehrseite der Realität“ (Fragment 101) und bleibt sich der Tatsache bewusst, dass die irdische Welt immer ein Anfang und ein Ende kennt, dieses Ende aber zugleich den Übergang zum Paradies und zur Ewigkeit einläutet. Er sieht sich einerseits verpflichtet, den nostalgischen, märchenhaften Vorstellungen des Orients, dem von westlichen materialistischen Einflüssen wie der Handyverliebtheit (Fragment 60) und Diskobesessenheit (Fragment 56) geprägten Lebensalltag von Agadirs Jugend gegenüberzustellen. Hierfür dienen dieser die europäischen Touristen als Vorbild, deren Lebensstil man nachzuahmen gedenkt und an deren tatsächlichem oder vermeintlichem Wohlstand man z.T. in parasitärer Weise teilzuhaben gedenkt (Fragment 57). Andererseits offenbart gerade diese Abkehr von sinnlicher Romantik die Sehnsucht nach dem verloren gegangenen Paradies, das in Kiefers Fragmenten zeitweise aus der Traumwelt zurückkehrt und aus dem Verborgenen hervortritt.

Mit der marokkanischen Gesellschaft von der eigenen Kindheit her vertraut, sah ich es Herausforderung an, mich mit ihrer distanzierteren Betrachtung aus der Perspektive eines deutschen Literaten zu konfrontieren, denn einem „von auswärts“ fällt gelegentlich mancherlei auf, das Einheimische – als selbstverständlich erachtet – sich kaum bewusst werden. Vor diesem Hintergrund habe ich den Prosaroman aus dem Deutschen ins Arabische übersetzt, damit den von Kiefer beobachteten Zeitgenossen ebenfalls die Gelegenheit zuteil werden kann, sich einen Spiegel vor Augen zu halten. Zugleich sollen sie des Ressentiments entledigt werden, der Westler sei in erster Linie an spezifisch „westlichem Konsum“ interessiert und begegne der geistigen Welt des Orients eher mit Spott und Herablassung.

Bei Kiefer ließ sich diese Einstellung jedenfalls nicht feststellen, – auch wenn er gelegentlich den österreichischen Torten Rudis nachtrauert (Fragment 73) – . Kiefer sehnt sich nach einem authentischen Orient, in dem sich die Menschen der mythischen, geheimnisvollen Welt erinnern und aus der Religion heraus die Gewissheit beziehen, dass der Tod nicht das absolute Ende bedeuten muss. Wenn er im Café Moka sitzt und die anderen Gäste begutachtet, wünscht er sich, die Welt als Traum, das Leben als Schlaf und den Tod als Erwachen zu erfahren. Vielmehr ist der Tod für ihn ebenfalls Leben und das Leben auch ein Tod. (Fragment 98). Deshalb fühlt sich Kiefer von einer orientalischen Sinnlichkeit angezogen, bei welcher der schönste Anblick von Natur und Lebensfreude ihm Tod und Vergänglichkeit stets im Bewusstsein hält.

Modernität geht immer mit Zerstörung von Existenz einher

Die moderne Touristenmetropole Agadir beeindruckt den Autor fraglos (Fragment 4). Er erkennt, dass der Tourismus und die damit einhergehenden westlichen Einflüsse der Stadt Wohlstand und zugleich noch eine stärkere kulturelle Vielfalt gebracht haben. Dennoch richtet er seine Augen auch auf diejenigen, die diesen Wohlstand nur von der Anschauung anderer her kennen. Er beobachtet den Jungen, der den ganzen Tag damit beschäftigt ist, den noch verwendungsfähigen Inhalt einer Mülltonne zu sortieren und auf seinen Eselskarren zu laden (Fragment 5), den fünfzehnjährigen Murad mit zerrissener Hose und fleckigem T-Shirt, der mit feuchten Händen seine redlich verdienten Geldscheine zählt (Fragment 7), die stolzen Bettler in weißen Umhängen und mit weißen Bärten am Eingang zum Souk, die bei jeder milden Gabe eines mitleidsvollen Passanten Allah ihre Dankbarkeit kundtun, (Fragment 23) und nicht zuletzt, den taubstummen Schuhputzer, der froh ist über seine Beschäftigung, auch wenn er sie nunmehr mit einem anderen Schuhputzer teilen muss (Fragment 94). Ihr Lebens- und Überlebenswille lässt sie diese Strapazen auf sich nehmen und erweist sich stärker als das Schamgefühl oder die Angst, von den Anderen mit herablassendem Gesichtsausdruck angestarrt zu werden.

Der unvermeidliche Weg in die Moderne hat immer auch geschätztes Leben und alte orientalische Kultur zerstört und hinter sich gelassen. Besonders schmerzt Kiefer der Verfall der Villa Christina. (Fragment 19). Hier hat die Veränderung das Unglück gebracht, das niemand wollte, das aber letztlich unumgänglich war. Diese Villa Christina ist selbst bereits das Ergebnis der Umgestaltung einer Liegenschaft, der die Villa Diaz zum Opfer gefallen ist (Fragment 85), mit deren vermisster Anmut der sentimentale Muslim das koranische Paradies verbinden mag.

So schön wie Gottes Schöpfung sind die Menschen in Deutschland wie in Marokko jedoch nicht in der Lage, sich ihr Zuhause zu gestalten. Für alles vom Homo Sapiens errichtete, noch so prächtige Bauwerk muss göttliche Natur weichen. Der neue königliche Palast wäre jedenfalls an dieser Stelle nicht entstanden, wenn nicht zuvor die Dünen am Strand vernichtet worden wären. (Fragment 27) Gerade dort wo der Mensch seinen Lebenswillen mit aller ihm zur Verfügung stehenden Macht demonstriert, trägt er den Tod bereits mit sich. Schließlich ist der Tod gemeinsam mit uns Menschen aus dem Paradies in die nun sterbliche Welt hineingelangt. (Fragment 26)

Der Tod und die Vernichtung haben die Menschheit und jegliches Leben seit ihrer Existenz auf dieser Erde begleitet. Das Töten begann bereits in vorsintflutlicher Zeit, als die beiden Ungetüme Behemoth und Leviathan sich gegenseitig umbrachten (Fragment 35) und hat bis in die Gegenwart noch kein Ende gefunden. Nun sind wir Menschen die Hauptzerstörer von Leben und basteln uns die ausgefeiltesten Zerstörungsgegenstände mit unseren wissenschaftlichen Erkenntnissen. – Man denke an unsere modernen Feuerwaffen aus Uran (Fragment 102)- Die Zerstörungs- und letztlich auch Neuschöpfungsmacht Gottes werden wir jedoch mit noch so ausgefeilter Technik nicht erreichen.

Stattdessen rühmen wir uns gelegentlich noch unserer getöteten Lebewesen, tragen deren Überreste wie Trophäen vor uns her und zeigen sie unseren Freunden (Fragment 16). Diese Verachtung vieler Menschen für Gottes Schöpfung resultiert für Kiefer aus einer Distanzierung von der Religion, denn ein wahrhaftig Heiliger würdigt selbst die am Schlangenbiss gestorbene Katze in besonderer Weise, errichtet ihr ein prächtiges Grabmal und attestiert diesem Tier, ihr animalisches Leben für sein eigenes menschliches Leben geopfert zu haben.

Dieser Sinn für die Natur, ihren Lebenswillen und zugleich diese besondere Achtung vor dem Tod ist in Marokko offenbar immer mehr Menschen abhanden gekommen. Auf dem christlichen Friedhof Agadirs lässt man die Gräber verwahrlosen (Fragment 81) und auf den muslimischen Friedhöfen, so gewinnt man den Eindruck, scheint die Tendenz in eine ähnliche Richtung zu gehen. Dennoch sollte man Kiefer zufolge dem Tod als religiöser Mensch nicht zu viel Bedeutung beimessen, wie dies in Ben Sergao auch keineswegs geschieht, weil man bereits bei der Bestattung den Tag der Auferstehung aus dem Reich des Todes in Blickpunkt hat (Fragment 33). Sofern die Hoffnung auf das Jenseits bestehen bleibt, so die Botschaft des Autors, lässt sich die diesseitige Modernisierung und die damit einhergehende Zerstörung für wertvoll erachteter lebendiger Kreatur leichter verkraften, denn jedes Ende wird nur als vorläufig erkannt.

Von Islamressentiments getragener christlicher Theologe oder Wertschätzer orientalischer Frömmigkeit?

Kiefers Vorliebe für die marokkanische Südküste ist offenbar keineswegs auf das dortige, von europäischen Touristen geschätzte milde Klima beschränkt. Anders als die Majorität der deutschen, französischen, britischen und belgischen Rentner, die sich hier ihr Altersdomizil auswählen, um selbst im Winter Balkontemperaturen genießen zu können, sich zugleich jedoch über die Lebensweise und das Verhalten der alteingessenen Marokkaner um sie herum beschweren (Fragment 111), ist sich Kiefer den Vorzügen deren orientalischer Mentalität bewusst und weiß sie nicht zuletzt als Kontrast zum europäischen Ordnungswahn zu würdigen. Er verbindet offenbar auch mit ihrer Religion, dem Islam, nicht die Negativassoziationen, die Europäern diesbezüglich oft nachgesagt werden. In seinem Islambild hat sich der protestantische Theologe offenbar nicht an der „Türkenfeindschaft“ Martin Luthers orientiert, sondern stattdessen sich unvoreingenommen den Koran zur Hand genommen und hieraus Erkenntnisse für jedermann herausgezogen.

Von seinem Protestantismus her mag ihm die Überordnung der Schrift über das Bild prinzipiell nicht fremd sein, dennoch sieht er die Schriftgläubigkeit erst im Islam zur Vollkommenheit gelangt und bedauert vor diesem Hintergrund sogar den übermächtigen Einfluss der westlichen Bilderwelt, der auch an Agadir nicht spurlos vorüber gezogen sei. (Fragment 10) Die islamische Vorstellung, ein Buch enthalte Leben, erkennt er letztlich als die Grundlage der Dichtung, wobei das Buch nicht nur die Lebensrichtschnur vorzeige, sondern darüber hinaus selbst ein Leben sei. (Fragment 67) Die vom Islam hervorgehobene Bedeutung des Buches bezeugt sich Kiefer zufolge nicht zuletzt darin, dass einem beim Endgericht ein Buch vorgehalten werde. (Fragment 69) Die Tatsache, dass die Sünden einem durch geschwärzte Seiten vor Augen geführt werden, legt den Umkehrschluss nahe, je weniger Sünden einer begangen habe, desto mehr weiße Seiten mit schwarzen Lettern darauf wird er vorfinden und damit in den Vorzug des Lesens der Buchstaben gelangen.

Das Lesen der Heiligen Schrift des Islam und das mystische Entschlüsseln ihrer Bildlichkeit (Fragment 103) ist eine Fähigkeit der Muslime, die der Autor des Romans den christlich geprägten Europäern als vorbildhaft nahe legt. Vielmehr wird bekennenden Muslimen durch die Feder eines Christen dem Stellenwert ihrer eigenen Heiligen Schrift immer wieder die Aufmerksamkeit abverlangt. Erst im Lesen der Schrift und im Entschlüsseln der bunten (aber nicht farbigen) Bilder erweise sich die „Gestaltlosigkeit Gottes“. Die Gottesvorstellung des Korans behagt dem Autor offenbar mehr als manche im Christentum geläufige Visualisierung der Transzendenz, denn ein allmächtiger Gott werde seinem eigenen Geschöpf Mensch wohl kaum durch „Bilder oder Begriffe“ begreiflich werden. (Fragment 103).

Das Wort Gottes hat schließlich bisher noch niemals zu einem vollständigen Erfassen seines Schöpfers durch den Menschen geführt als mehr zu einer Würdigung des Wortes selbst, in dessen Unverstehbarkeit sich die göttliche Vollkommenheit ausdrückt. Diese Macht des Wortes, davon ist Kiefer offenbar überzeugt, war beim Koran so stark, dass sie die Macht menschlicher und dichterischer Sprache immer wieder übertraf, welche demzufolge der „Sprache der Offenbarung“ entnommen sei (Fragment 105).

Dieser imaginäre, göttlich hervorgerufene menschliche Drang, Worte oder auch nur scheinbar unerklärliche Zeichen aufs Papier und auf die Tischplatte zu bringen (Fragment 114), erweist sich als Eigenschaft, die der Dichter Kiefer am Islam und der muslimisch geprägten Gesellschaft Agadirs so besonders schätzt. Das Café Moka zeigt sich ihm augenscheinlich als der Ort, wo ihm diese spirituellen Worte aus der Feder gleiten. Hier befindet er sich in einer Umgebung, welche die Welt der Religion und der Mystik aus ihm herausbringt und hierin liegt offenbar der Grund für seine generelle Wertschätzung des Islam und der orientalischen, auf das geschriebene Wort fixierten Frömmigkeit.

Mag die ins Philosophische, ja vielmehr ins Theologische sich hineinziehende Sprache in einer Übersetzung kaum in ihrer Ursprünglichkeit vermittelbar sein, der Prosaroman „Café Moka“ von Reinhard Kiefer erscheint jedoch gerade für Muslime, Araber und speziell Marokkaner als reizvoll, um zu erkennen, in welcher Weise ein deutscher, im protestantischen Christentum beheimateter Autor das für Einheimische scheinbar Unsichtbare ihrer eigenen islamischen Kultur sichtbar werden lässt.

Mohammed Khallouk

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Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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