Die vielfältigen Wurzeln der maghrebinischen Kultur literarisch vereinen – Auf dem Trauerzug des Lebens entdeckt Yassin Adnan die Magie des dichterischen Wortes

Obwohl bereits im maurischen Mittelalter vom westlichen Mittelmeerraum großartige Poesie wie eine Fontäne aus dem Wüstenboden hervorgedrungen ist, deren Tropfen bis weit in den Okzident hineingesprudelt sind, hat man der maghrebinischen Literatur im neuzeitlichen Europa nur geringe Aufmerksamkeit gewidmet. Arabische Dichtung kannte man fast ausschließlich aus dem Nahen Osten und assoziierte sie stets mit bildhafter metaphorischer Sprache und einer Theatralik, die das westliche Bild des Orients schlechthin zeichnete. Von dieser stilistischen Tendenz hebt sich die Poesie des 1970 in der marokkanischen Hafenstadt Safi geborenen und in Marrakesch beheimateten Yassin Adnan entscheidend ab. Adnans Anliegen besteht nicht primär darin, seine Leser mit lingualen Kabinettsstücken in irreale Sphären zu befördern, sondern die leidvolle Realität dieser Erde in seiner Literatur lebendig zum Ausdruck gelangen zu lassen. Dementsprechend sind seine beiden ersten Gedichtbände, der 2000 unter dem französischen Titel „Mannequins“  und der 2003 als „Rasif al-qiyama“ („Bürgersteig der Auferstehung“) erschienene Band, von einer ausgesprochen einfachen, ins prosaische tendierenden Sprache geprägt. Die darin enthaltenen Langgedichte erwecken den Eindruck einer zusammenhängenden Geschichte und spiegeln eine pessimistische Einstellung zur Welt wieder.

Der Poet befindet sich auf dem „Trauerzug des Lebens“ und weis offenbar nicht, wie dem „Guten Morgen der Kälte“ und dem „öden Geschwätz“, deren er sich „überdrüssig“ fühlt, zu entkommen ist. In einem späteren Gedichtband, 2007 unter dem Titel „La akad ara“ („Ich kann kaum sehen“) hat er sich jedoch mit dem Schmerz in dieser Welt arrangiert. Er sucht das Leiden zwar weiterhin nicht zu überspielen, sieht jedoch eine Verantwortung bei uns Menschen, der sich zu stellen gilt, „denn unsere Söhne sind unser Blut“.

Dieser Verantwortung gegenüber der Erde, auf er sich bewegt, hat Adnan sich nicht nur als Gedichtsautor gestellt, sondern auch als Verfasser von zwei Kurzgeschichten, „Man yussadiq al-rasa`il“ (2001) und „Tuffah al-zill“ (2006). Zusammen mit dem Autor Sad Sarhan widmet er sich in einem 2007 veröffentlichten Text „Marakish: asrar mulana“ (Marrakesch: angekündigte Geheimnisse) seiner Heimatstadt, wobei er Prosa, Lyrik, Betrachtung und Erzählung ebenso miteinander vereint wie Realität und Fiktion.

Mit Sarhan ist er bereits 1991 bei der Herausgabe der Zeitschrift Muassira (gegenwärtige Stimme) erstmals an die Öffentlichkeit getreten und brachte mit ihm und anderen marokkanischen Autoren einige Jahre später „Al-Yarah al-sariya (dichterischer Angriff) heraus. Weiterhin präsentierte er sich in den Literaturzeitschriften „Aswat mu`asira“ und „al-Ghara ad-shi`riyya“ als Mitherausgeber.

Über Marokko hinaus wurde Adnan nicht zuletzt durch seine Korrespondenz bei der libanesischen Zeitung „Al-Akhbar“, beim Magazin „Dubai Al-Thaqafiya“ und als Redaktionsmitglied bei der libanesischen Kulturzeitschrift „Zawaya“ bekannt. Im eigenen Land schätzt man ihn in erster Line als Moderator der wöchentlich im ersten marokkanischen Programm (TVM) erscheinenden Sendung „Macharif“.

Die 2007 und 2008 zur besten Kultursendung ausgewählte „Macharif“ betrachtet Adnan als Gelegenheit, den verschiedensten Elementen der marokkanischen Kultur im literarischen Bereich Raum bieten zu können und somit die vielfältigen kulturellen Einflüsse des westlichen Maghreb zum Vorschein dringen zu lassen.

Der engen politischen, aber auch literarischen Verbindungen Marokkos zum europäischen Kontinent ist sich der praktizierende Englischlehrer dabei stets bewusst. Ihn interessieren die zahlreichen frankophonen Stilelemente und französisch schreibenden maghrebinischen Autoren. Er gräbt die iberischen Wurzeln aus, die sich ihm nicht nur an spanisch schreibenden Marokkanern bis in die Gegenwart zeigen, sondern auch immer noch an andalusisch-maurischen Stilmitteln, die demonstrieren, dass der Maghreb vor etwas mehr als Fünfhundert Jahren deutlich über die Straße von Gibraltar hinaus nach Norden reichte.

Seine Beziehung zum literarischen Erbe Europas bringt ihn aber nicht nur mit Frankreich, Spanien und England in Verbindung. Deutsche Literatur ist dem viel belesenen marokkanischen Schriftsteller ebenfalls kein unbeschriebenes Blatt Papier. Auf dem internationalen Literaturfestival 2006 in Berlin konnte der mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnete Nordafrikaner seinen Dialogpartnern demonstrieren, dass er sich als Kosmopolit auf beiden Seiten des Mittelmeers literarisch zu Hause fühlt.

Adnan ist jedoch ebenso marokkanischer Patriot und versucht den berberisch und im marokkanischen Dialekt schreibenden, „authentisch marokkanischen“ Autoren breitere Resonanz zu verleihen. Er liest und stellt marokkanisch jüdische Literatur vor. Darüber hinaus lässt er in seinen Kultursendungen wie in seinen eigenen literarischen Werken nicht vergessen, dass er neben Pädagogik und englischer Literatur, Philosophie studiert hat.

Die Förderung und Ermutigung bislang noch wenig bekannter Schriftsteller, noch mehr als bisher aus sich herauszutreten und das bei ihnen vorhandene Talent im Dienste des humanen Fortschritts einzusetzen, ist Adnan ein Herzensanliegen. Gemeinsam mit der Schriftstellerin Naqat Ali nutzte er die Zeit zwischen dem britischen Hay Festival und der Präsentation Beiruts als Welthauptstadt des Buches 2009, um in einem mit Beirut39 beschriebenen Projekt jungen Autoren aus der Arabischen Welt ein breiteres Forum zu bieten und das weltweite Profil der arabischen Literatur insgesamt zu schärfen.

Wie sonst kaum ein marokkanischer Literat ist Adnan sich bewusst, dass Marokkos Kultur neben einer arabischen, berberischen, jüdischen und mediterranen auch von einer afrikanischen Säule getragen ist. Umso mehr schmerzt es ihn, dass die Dichtung – anders als die Musik in Form der Gnaouis – dieses afrikanische Erbe nicht zu pflegen versteht, wo die nach Nord- und Südamerika emigrierten und verschleppten Schwarzafrikaner ihre Traditionen doch sogar jenseits des Atlantiks – vermischt mit lateinisch-christlichen Elementen – haben aufrecht erhalten können. Für die meisten Schriftsteller gehöre Marokko hingegen offenbar nur geographisch zu Afrika.

Am Beispiel des Sudans versucht Adnan in seiner Sendung herauszustellen, dass auch die arabische Literatur Nordafrikas durchaus mit Stilelementen des übrigen Kontinents bereichert werden kann. Die zahlreichen schwarzafrikanischen Einwanderer halten für Adnan gerade in Marokko ein bedeutendes kulturelles und auch literarisches Potential bereit.

Die wichtigste Aufgabe der Literatur ist es jedoch Brücken zwischen den verschiedenen Traditionen und Weltsichten zu schlagen und die Kommunikation miteinander zu beflügeln. Hierzu bieten die marokkanische Literatur und speziell die Werke Adnans mit der Vereinigung der verschiedensten Stilelemente, ohne den Blick für die Alltagsrealität aus dem Auge zu verlieren, ein reichhaltiges Angebot.

Seine vielfältigen Eindrücke und Kenntnisse von der europäischen Kultur und Literatur hat der, trotz seines immer noch zeitweise von einem Ton der Verzweiflung gegenüber den Geschehnissen unseres Globusses, allen Weltkulturen gegenüber aufgeschlossene marokkanische Poet in seiner jüngsten, in diesem Jahr beim Toubkal Verlag erschienen Gedichtsammlung, tituliert mit „daftar al-aaber“ (Notizen eines Durchreisenden) seinen Lesern offenbart. Die Bezüge zur deutschen Literatur nehmen darin ebenso wie die anderen wesentlichen europäischen Kulturtraditionen einen bedeutenden  Anteil ein. Lassen wir uns vom Wort des Poeten aus Nordwestafrika inspirieren und unsere eigenen Schätze dabei neu entdecken.

Mohammed Khallouk

Dieser Artikel wurde zuerst am 27.11.2012 bei http://www.kultura-extra.de/literatur/spezial/portrait_yassin_adnan.php veröffentlicht.

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Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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