Das Burkaverbot zwischen Ausdruck versteckter Islamophobie und legitimen Anspruch an die Öffentlichkeit

Seit dem Frühjahr 2011 gilt in Frankreich ebenso wie in Belgien ein Verbot des Tragens der Burka (des Ganzkörperschleiers) und der Niqab (des Gesichtsschleiers) in der Öffentlichkeit. Ein Verstoß gegen dieses Gesetz kann in Frankreich mit bis zu 150 Euro Strafe, in Belgien sogar mit sieben Tagen Gefängnis geahndet werden. Zusätzlich kann der Betreffenden die Verpflichtung zu einem Integrationskurs auferlegt werden.
Eine französische Muslimin hatte gegen dieses Gesetz in ihrem Land beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte geklagt, da sie darin eine ungerechtfertigte Einschränkung ihrer persönlichen und religiösen Freiheit sah. Das Gericht wies die Klage jedoch mit seinem Urteil vom 01.07.2014 ab und befand es als „legitim“, mit Gesetzen dieser Art das „Zusammenleben in der Gesellschaft zu wahren“. Dem Vorwurf einer Verletzung der Religionsfreiheit hielten die Richter entgegen, religiöse Kleidung sei in der französischen Öffentlichkeit nach wie vor gestattet. Zudem betreffe dieses Verbot lediglich die „Vermummung des Gesichts“.
Das Tragen der Burka ist seit den Verboten in Belgien und Frankreich auch in anderen europäischen Staaten immer wieder öffentlich diskutiert worden und hat mit dem Verbot für Beschäftigte des öffentlichen Dienstes im Bundesland Hessen bereits Einfluss auf die deutsche Gesetzgebung ausgeübt. Vor diesem Hintergrund stellt sich zum einen die Frage, welchen Stellenwert die Gesichts- und Ganzkörperverschleierung tatsächlich im Islam besitzt und zum anderen, welche gesellschaftspolitischen Motive sich hinter der Verbotsdebatte in der europäischen Öffentlichkeit verbergen. Handelt es sich bei den Gesetzesinitiativen dieser Art ausschließlich um legitime Ansprüche eines weltanschaulich neutralen Staates an seine Bürger und Repräsentanten oder ist mit der Burka zugleich ein Zielobjekt gefunden worden, um Ressentiments aus der Mehrheitsgesellschaft gegenüber dem Islam und insbesondere gegenüber dem islamischen Frauenbild politisch zur Geltung bringen zu können? Stellt das Burkaverbot vielleicht nur die Vorstufe zu einer allgemeinen Verbannung religiöser, insbesondere islamischer Symbolik aus dem europäischen Alltag dar, dem als nächster Schritt das Kopftuchverbot folgt?
Zunächst einmal gilt es festzustellen, dass aus den Heiligen Schriften des Islam eine Verpflichtung zum Tragen einer Burka und zum Verhüllen des Gesichts nicht explizit zu entnehmen ist. Vielmehr handelt sich um eine äußerst restriktive, jedoch durchaus legitime Interpretation der Aufforderung an die Frauen, sich in der Öffentlichkeit nicht zum Lustobjekt männlicher Begierden degradieren zu lassen. Hiervon ausgehend erscheint es wenig erstaunlich, dass sich gerade gebildete, sich selbst für „emanzipiert“ einstufende, junge Musliminnen in westlichen Gesellschaften entscheiden, eine Burka zu tragen. Sie relativieren damit das Bild des islamkritischen Diskurses von patriarchalisch gesinnten muslimischen Männern, die ihre Frauen zur Burka zwingen, erheblich.
Dessen ungeachtet ist die weniger restriktive Schriftinterpretation, die ein Kopftuch und eine wenig auffällige, die männlichen Sinne nicht reizende Bekleidung für Frauen als ausreichend erachtet, im Islam ebenso als legitim angesehen. Letztere wird darüber hinaus von der überwiegenden Mehrheit der Islamgelehrten, im Westen wie in der Islamischen Welt, vertreten.
Ein Staat, der seinen Bürgern gegenüber als Dienstleister auftritt, kann somit durchaus verlangen, dass diejenigen Frauen wie Männer, welche staatliche Dienstleistungen anbieten, sich ihren Klienten gegenüber mit ihrem gesamten Gesicht zeigen. Erst durch den Gegenübertritt mit dem Gesicht erlangt eine Person schließlich Autorität und Verbindlichkeit. Da im Islam in der Tat kein durch die Heiligen Schriften belegter Zwang zur Gesichtsverschleierung besteht, sollten Musliminnen in einer solchen Bestimmung keine illegitime Einschränkung ihrer religiösen Betätigungsfreiheit sehen. Ein über öffentliche Dienstleistungen hinausgehendes Verbot der Burka und Niqab wäre zwar dementsprechend noch immer nicht als staatliche Beeinträchtigung der vorgeschriebenen Religionsausübung muslimischer Frauen zu werten, durchaus jedoch eine Einschränkung der persönlichen Freiheit des Einzelnen, die mit dem liberalen Rechtsstaatsverständnis, dass Europa nach innen und außen zu verkörpern zielt, unvereinbar ist.
Die politische Rechtfertigung des französischen Burkaverbots mit dem angeblich ausgeübten Druck radikal islamistisch eingestellter muslimischer Männer auf ihre Ehefrauen, eine Burka anzuziehen, reicht allerdings über den legitimen Anspruch der Bürger zu Verbindlichkeit ihrer Staatsrepräsentanten hinaus. Die Mutmaßung, hinter jener Verbotsdebatte verberge sich auch eine Ressentiment geladene Sicht auf den Islam, einhergehend mit dem Versuch, islamische Symbolik, als „kulturfremd“ verfemt, aus der europäischen Öffentlichkeit auszuschließen, erscheint daher nicht gänzlich abwegig.
Mag es im Einzelfall muslimische Männer geben, die ihren Frauen durch Auferlegung eines Burkazwangs die Freiheit zu beschneiden zielen, darf der weltanschaulich neutrale Staat daraus in keiner Weise die Berechtigung ableiten, selbst in umgekehrter Weise denjenigen Frauen, die sich aus eigenem Antrieb für die Burka entscheiden, diese Freiheit zu entziehen. Individuelle Freiheit, wie sie die europäische Rechtstradition kennt, wie sie aber auch der Islam als Grundprinzip besitzt, sollte außerhalb einer speziellen, vom Amt oder Beruf her begründeten dienstlichen Verpflichtung sowohl die Freiheit, sich vollständig zu verhüllen als auch, den Körper überhaupt nicht zu verhüllen, beinhalten.
Wenn die Muslime für sich beanspruchen, im majoritär nichtmuslimischen Europa als vollständig integrierter, gleichberechtigter Teil der Gesellschaft akzeptiert zu werden, empfiehlt es sich dessen ungeachtet, aus eigenem Interesse das Gesicht im öffentlichen Raum frei zu halten und den Blickkontakt mit der Umwelt zu ermöglichen. Nur auf diese Weise werden sie es erreichen, mit ihren berechtigen Anliegen in der majoritär visuell ausgerichteten europäischen Gegenwart auf Resonanz und Empathie zu treffen.

Mohammed Khallouk

Dieser Artikel wurde zuerst am 09.07.2014 bei http://www.div-rm.de/das-burkaverbot-zwischen-ausdruck-versteckter-islamophobie-und-legitimen-anspruch-an-die-oeffentlichkeit/ veröffentlicht.

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Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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