Offener Brief an den Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt, Herrn Peter Feldmann, bezüglich seiner Teilnahme an der Pro – Israel Demonstration am 20.07.2014

Frankfurt, 26.07.2014

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Feldmann,
ich schreibe Ihnen im Namen des Vorstandes des Deutsch-Islamischen Vereinsverbandes Rhein-Main e.V. (DIV). Wir sind ein seit 2001 bestehender muslimischer Dachverband von mittlerweile 29 Moscheevereinen und muslimischen Gemeinden aus dem Rhein-Main-Gebiet sowie Mitglied des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). Wir fühlen uns dem respektvollen Miteinander der verschiedenen Religionen und Kulturen in Frankfurt und Umgebung in besonderer Weise verpflichtet. Dabei sind wir überzeugt, dass dieses auf gegenseitiger Achtung beruhende Miteinander nicht nur ein Herzensanliegen von uns, sondern auch von Ihnen als oberstem Repräsentanten Frankfurts ist.
Vor diesem Hintergrund hat uns die Teilnahme von Ihnen zusammen mit Mitgliedern des Magistrats der Stadt Frankfurt und Abgeordneten unterschiedlicher Fraktionen des Hessischen Landtages an der Demonstration am Sonntag, den 20.07.2014, anlässlich des gegenwärtigen Blutvergießens im Gazastreifen ein wenig irritiert. So berechtigt es uns erscheint, zu der dort verübten Gewalt öffentlich Stellung zu beziehen, so notwendig erachten wir es, beide Konfliktparteien auf ihre Verantwortung für die gegenwärtige Eskalation hinzuweisen.
Die Darstellung auf jener Demonstration, wonach die israelische Seite sich ausschließlich gegen Angriffe, ausgehend von der im Gazastreifen herrschenden Hamasbewegung, verteidige, muss angesichts hunderter toter und verwundeter palästinensischer Zivilisten und von unzähligen Palästinensern, die aufgrund ihrer durch israelische Angriffe zerstörten Wohnhäuser obdachlos geworden sind, als einseitige Parteinahme gewertet werden.
Eine differenzierte Betrachtung erfordert zudem, die Hintergründe der gegenwärtigen gewaltsamen Zuspitzung des bereits seit Jahrzehnten bestehenden Konfliktes darzustellen. So war ein in den 1990er Jahren sich erfolgreich anbahnender Friedensprozess zwischen Israel und der damaligen, von der Fatah getragenen Palästinenserführung nach dem gescheiterten Gipfel von Camp David II, sowie dem anschließenden Besuch des damaligen Oppositionsführers und späteren israelischen Ministerpräsidenten Sharon in Militärkleidung vor der von allen Muslimen als drittwichtigstes Heiligtum verehrten Al Aqsa Moschee in Ostjerusalem im Jahre 2000 zum Stillstand gekommen. Nach mehreren gescheiterten Versuchen, diesen Friedensprozess wieder neu zu beleben, war es der Hamasbewegung 2006 möglich gewesen, die Fatah, die in der eigenen Bevölkerung mittlerweile an Vertrauen eingebüßt hatte, in demokratischen Wahlen zu besiegen.
Konnte sich die Fatah mit israelischer Unterstützung in den Autonomiegebieten des Westjordanlandes dennoch weiter an der Macht halten, wurde sie im autonomen Gazastreifen, der 2005 vollständig vom israelischen Militär geräumt worden war, Seitens der Hamasbewegung von der politischen Herrschaft verdrängt. Mit der Begründung, jene Hamas bilde eine „Terrororganisation“, die Israel zu zerstören beabsichtige, ließ das israelische Militär seit der Etablierung der von Hamas geführten Regierung 2007 den Gazastreifen abriegeln. Raketenangriffe von dort auf israelisches Territorium dienten zudem bereits 2009 dem israelischen Militär als Anlass, seinerseits den Gazastreifen zu bombardieren. Dem nun erneut erfolgten und noch anhaltenden Angriff auf den Gazastreifen waren jedoch keine Raketenangriffe von dort auf Israel vorausgegangen. Stattdessen diente diesmal die Ermordung israelischer Staatsbürger im Westjordanland, die von israelischer Seite Hamas-Sympathisanten zugeschrieben wird, als Anlass für die Luftangriffe. Nachdem seitens der Hamas als Reaktion darauf nunmehr auch wieder Raketen auf israelisches Territorium abgeschossen werden, hat Israel zudem eine Bodenoffensive gegen das autonome Palästinensergebiet gestartet.
Wenngleich es berechtigt erscheint, die von Palästinensern an Israelis verübten Mordanschläge ebenso wie jene von israelischen Staatsbürgern an Palästinensern öffentlich zu verurteilen und auch die Raketenangriffe der Hamas – obwohl sie diesmal erst nach den israelischen Angriffen auf Gaza begannen – als dem Geist eines Friedensprozesses entgegenstehend zu brandmarken, gilt es dennoch, die Relationen bei der Zerstörung und bei den Opferzahlen im Auge zu behalten. Mögen die absoluten Zahlen ebenso wie das Verhältnis zwischen sogenannten „zivilen Opfern“ und sogenannten „Hamaskämpfern“ angesichts mutmaßlicher Manipulationen bei der Bekanntgabe kaum festzustellen sein, kann zweifellos von mindestens 600 bisher umgekommenen Palästinensern ausgegangen werden. Die Angaben der israelischen Toten schwanken ebenfalls je nach Quelle, liegen jedoch überall im zweistelligen Bereich.
Zwar sind wir durchaus der Auffassung, dass jeder einzelne Tote wie auch Kriegsverletzte – unabhängig ob Israeli oder Palästinenser und ebenso unabhängig ob Zivilist oder Militärangehöriger – einer zu viel ist. Wir erachten es jedoch als unangebracht, derjenigen Kriegspartei, welche die mit Abstand geringeren Opferzahlen zu beklagen hat, zu bescheinigen, ausschließlich aus Selbstverteidigung heraus Gewalt anzuwenden, wie es auf jener Demonstration in Frankfurt den Anklang hatte. Auf diese Weise wird es nicht gelingen, den gegenseitigen Hass, der sich in der beiderseits verübten Gewalt entlädt und zugleich durch sie neue Nahrung erhält, zu überwinden und zu einer Beendigung der letztlich keinen Sieger hervorbringenden Sprache der Waffen zu gelangen.
Wir erkennen an, dass der Anlass für jene Demonstration am 20.7.2014 nicht allein der Gazakrieg als solcher gewesen ist, sondern auch eine andere, diesbezüglich gehaltene Demonstration am Vortag, bei der Seitens der Demonstranten Äußerungen fielen, die nicht nur vom Staat Israel als Infrage stellen seines Existenzrechts, sondern darüber hinaus von jüdischen Bürgern der Stadt als gegen sie und ihre Religion gerichtet interpretiert wurden. Vor diesem Hintergrund erscheint es uns durchaus legitim, in einer öffentlichen Demonstration klarzustellen, dass die Politik in Frankfurt, Hessen und darüber hinaus in der gesamten Bundesrepublik zur Existenz des Staates Israel ebenso wie zum jüdischen Leben in Deutschland steht. Ebenso ist es berechtigt, zu betonen, dass Antisemitismus, unabhängig in welcher Form, in der deutschen Gesellschaft keinen Platz haben darf.
Dessen ungeachtet gilt es herauszustellen, dass Kritik an einer von Israel verfolgten völkerrechtswidrigen Politik weder dem Staat Israel als solchen die Existenzberechtigung abstreitet, noch als „Antisemitismus“ gewertet werden darf. Vielmehr verleitet die pauschale Gleichsetzung von Kritik an israelischer Politik mit Israelfeindschaft oder gar Antisemitismus, dazu, dass der Eindruck entsteht, jegliches politische Agieren von israelischen Verantwortungsträgern stehe grundsätzlich im Einklang mit dem Geist der Völkerrechts und dem Judentum als Religion. Bestehende Skepsis gegenüber als inhuman empfundener israelischer Politik kann sich auf diese Weise leichter in Pauschalkritik am Staat Israel und undifferenzierte Judenfeindschaft verwandeln.
Wer ein Interesse daran besitzt, dass Judenfeindschaft und Antisemitismus in Deutschland Phänomene des extremen politischen Randes bleiben und nicht in die Mitte der Gesellschaft eindringen, sollte geradezu darauf bedacht sein, jene Begriffe inhaltlich nicht zu überdehnen und berechtigte Kritik an einer völkerrechtswidrigen israelischen Politik nicht hiermit zu inkriminieren.
Weiterhin erachten wir es im Sinne des Miteinanders der Kulturen und Religionen in Frankfurt, Hessen und Deutschland, aber auch im Interesse des Friedens in der nahöstlichen Region als hilfreicher, wenn die politischen Funktionsträger dieses Landes an Demonstrationen teilnehmen, die beide Konfliktparteien gleichermaßen an ihre Verantwortung für eine friedliche Zukunft erinnern. Ein gerechter Frieden kann nur entstehen, wenn sowohl die Palästinenser als auch Israel die Waffen niederlegen und an den Verhandlungstisch zurückkehren. Hierbei gilt es zu betonen, dass eine friedliche Entwicklung dort ebenso dem gegenseitigen Respekt von Juden, Christen und Muslimen hierzulande dienlich sein kann.
Eine einseitige Parteinahme hingegen heizt nicht nur den dortigen Konflikt weiter an, sondern spaltet zugleich die deutsche und Frankfurter Gesellschaft, zu deren Liberalität, basierend auf Respekt gegenüber Minderheiten, gerade die Juden einen entscheidenden Beitrag geleistet haben, von dem aber auch wir Muslime profitieren.
Abgesehen davon, dass Palästinenser und Araber allgemein den Begriff „Antisemitismus“ auch als gegen sich gerichtete Tendenz auffassen, da sie sich gleichermaßen wie Juden allgemein und Israelis im Besonderen als Semiten verstehen, verlangt der Islam explizit den Respekt vor Andersgläubigen und Juden wie Christen als „Schriftbesitzern“ im Besonderen. Judenfeindschaft und Antisemitismus unter Muslimen kann sich somit nicht nur in keiner Weise auf den Islam berufen, sondern erfordert von uns, diesem selbst offensiv entgegenzutreten.
Dies gelingt jedoch leichter in einem Klima, in dem die Vertreter des Islam und des Judentums gemeinsam für den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern eintreten. Hierbei gilt es darauf hinzuweisen, dass sich die Raketenangriffe der Hamas auf Israel ebensowenig auf die islamische Ethik, wie das Blutbad, welches die israelische Armee derzeit im Gazastreifen anrichtet, auf die jüdische Ethik berufen können, da beide Religionen nicht nur aus der gleichen abrahamitischen Wurzel erwachsen sind, sondern auch in ihrer spezifischen Hochachtung für die Menschenwürde identisch sind. Jene Verpflichtung zum universellen Eintreten für die Menschenrechte ergibt sich in Deutschland jedoch ebenso aus dem Grundgesetz und diesem unterliegt folglich auch die deutsche Politik.
Im Interesse des künftigen respektvollen Miteinanders in der Stadt Frankfurt, in Hessen und darüber hinaus in der gesamten Bundesrepublik Deutschland, ebenso wie des von Ihnen wie von uns herbeigesehnten Friedens zwischen Israelis und Palästinensern fordern wir Sie als Oberbürgermeister und mit Ihnen alle politisch Verantwortungsträger dieses Landes auf: Organisieren Sie gemeinsam mit uns und allen am Frieden gelegenen Mitbürgern eine Demonstration, die an Israelis und Palästinenser gleichermaßen appelliert, aus den Schützengräben herauszutreten, die Waffen niederzulegen und sich gegenseitig die Hand zu reichen. Mit jener Demonstration können wir ein Zeichen setzen, dass menschliches Leben für uns das höchste Gut ist und wir als Muslime, Juden, Christen oder einfach Bürger eines demokratischen Rechtsstaats ein gemeinsames Ziel verfolgen.
Hochachtungsvoll
Abdelkarim Ahroba
DIV Vorsitzender

Dier Beitrag wurde am 27.07.2014 unter http://www.div-rm.de/offener-brief-an-den-oberbuergermeister-der-stadt-frankfurt/ veröffentlicht.

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Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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