Salafismus – Wie die Phantomdebatte um einen Begriff dem Identitätsempfinden deutscher Muslime schadet

Das Bekanntwerden aus Deutschland stammender Jugendlicher, die in Syrien oder Irak für den IS kämpfen, hatte bereits die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Seit auch Medienberichte von der Wuppertaler Innenstadt auftauchten, wonach selbsternannte “Sharia-Polizisten” in Uniform Fußgänger belästigen würden, bestimmt die Debatte über das “Problem Salafismus” den öffentlichen Diskurs über Muslime in Deutschland. Innenpolitiker beider Volksparteien suchen sich seither mit “Maßnahmenpaketen” gegenseitig zu übertreffen, wie der Hinwendung muslimischer Jugendlicher zu “Salafisten” entgegengewirkt werden könne. Krauselige Ziegenbärte gelten neuerdings in gleichem Maße als Markenzeichen für islamischen Extremismus wie Springerstiefel und kurzgeschorene Haare für Rechtsextremismus. Dabei gerät vollständig außer Acht, dass der Begriff “as-salafiyya”, auf den die eingedeutsche Bezeichnung “Salafismus” zurückgeht, in der islamischen Terminologie eine Ehrenbezeichnung darstellt und eine viel ältere Tradition besitzt als jegliche innerislamischen Bewegungen, die neuerdings in Deutschland und Europa die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Wörtlich übersetzt handelt es sich um die “Orientierung an den Altvorderen”, gemeint sind der Prophet Mohammed und seine unmittelbaren Weggefährten. Es handelt sich folglich um Autoritäten, an denen sich jeder Muslim ethisch ausrichten sollte. Wie diese Nachahmung der Altvorderen in der neuzeitlichen Alltagspraxis realisiert werden kann, darüber bestehen selbstverständlich innerhalb der islamischen Gelehrtenszene unterschiedliche Auffassungen.

Diejenigen, die sich die Selbstbezeichnung “Salafisten” zubilligen, sind gewöhnlich getragen von dem Bewusstsein, die Werte der islamischen Frühzeit in noch höherem Masse als andere Muslime verinnerlicht zu haben. Weder geht damit notwendigerweise der Versuch einher, den Lebensstil des Siebenten Jahrhunderts wiederherzustellen, noch die Abqualifizierung Anderesdenkender – Muslime wie Nichtmuslime – als Ungläubige. Ein gewaltbereiter Extremismus, der Zwangsmissionierung für gerechtfertigt erachtet, ist erst recht nicht damit verbunden. Schließlich stünde dieser den angestrebten Werten der Altvorderen eindeutig entgegen.

Dessen ungeachtet existieren auch gewaltbereite Extremisten, die ihre Intoleranz mit dem Islam zu legitimieren suchen und darüber hinaus sich die Selbstbezeichnung “Salafisten” zugestehen. Indem die Öffentlichkeit “Salafismus” jedoch als Synonym für islamisch gerechtfertigte Gewalt und den Prinzipien des deutschen Grundgesetzes entgegenstehende Auffassungen darstellt, erreicht sie gerade nicht eine Distanzierung muslimischer Jugendlicher von Extremismus. Stattdessen wird besonders bei denjenigen, die sich der as-salafiyya zugehörig fühlen, eine religiöse Identität in Abgrenzung zur deutschen Mehrheitsgesellschaft gefördert. Diese Abgrenzungsidentität kristallisiert sich geradzu als Nährboden für gewaltbereiten Extremismus, zumindest aber für den Rückzug in Parallelgesellschaften heraus.

Mit der oberflächlichen, ressentimentgeladenen Phantomdebatte über Salafismus wird augenscheinlich von der Tatsache abgelenkt, dass der Islam, obwohl bereits seit Jahrzehnten drittgrößte Konfession in diesem Land, bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt dem Juden- und Christentum weder rechtlich gleichgestellt noch im Bewusstsein der Mehrheitsgesellschaft gleichwertig ist. Ebenso gerät aus dem Blickfeld, dass Jugendliche, die in Deutschland aufwachsen und die Schule besuchen, aufgrund ihrer als “unmodern” oder gar “reaktionär” empfundenen Religiosität zumindest subjektiv Diskriminierungen erfahren müssen.

Aufgabe der gesellschaftlichen Autoritäten in Deutschland sollte nicht länger darin gesehen werden, ein neues Angstbild “Salafist” zu konstruieren, sondern Konzepte zu entwickeln, wie Teenager muslimischen Glaubens und mit konservativem Wertebewusstsein zu demokratischem Gemeinsinn motiviert werden können. Hierzu bedarf es zum einen muslimische Gemeinden, die über die Möglichkeiten verfügen, sich den Anliegen der von Schule und Elternhaus missverstandenen und häufig in den Alltagsproblemen allein gelassenen Jugendlichen verstärkt zuzuwenden. Zum anderen benötigt es politische und mediale Verantwortungsträger, die sich dafür einsetzen, dass muslimische Werteverbundenheit für Deutschland als Bereicherung angesehen wird. Auf diese Weise wird die Suche nach extremistischen Ersatzautoritäten unter muslimischen Jugendlichen in Deutschland ein zu vernachlässigendes Randphänomen bleiben.
Prof. Mohammed Khallouk lehrt am College of Sharia and Islamic Studies der Qatar University

Dieser Artikel wurde zuerst am 19. Oktober 2014 unter http://www.div-rm.de/salafismus-wie-die-phantomdebatte-um-einen-begriff-dem-identitaetsempfinden-deutscher-muslime-schadet/ veröffentlicht.

Advertisements

Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
Dieser Beitrag wurde unter Dialog Islam - Westen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s