Orgasmus und Gewalt – Jahrhunderte alte Tabus für die islamische Debatte geöffnet

Bislang fielen die zeitgenössischen muslimischen Denker im Wesentlichen dadurch auf, entweder ihre eigene Religion per se als rückständig abzuqualifizieren und westlich-christliche Leitideale unreflektiert zur Nachahmung zu empfehlen oder umgekehrt die westliche Moderne pauschal mit Dekadenz zu assoziieren und jegliche Versuche, sich mit neuen Gedanken westlicher Philosophen auseinanderzusetzen, als Apostasie zu verfehmen. Von diesem Gefangensein in Extremen hebt sich der deutsch-marokkanische Philosoph Rachid Boutayeb mit seiner Methode der “double-critique” erkennbar ab.

Hiermit setzt er sich sowohl mit der islamischen Tradition als auch mit der westlichen Betrachtungsweise des Islam und des Orients kritisch, zugleich aber produktiv auseinander.
In seinem neusten Buch “Orgasmus und Gewalt” wagt er es, sich auf diese Weise Themen zuzuwenden, die der zeitgenössische islamische Diskurs bisher als Tabus behandelte. Diese Tabuisierung kennzeichnet er als eine der Ursachen für eine dogmatische Erstarrung, die sich einer intellektuellen Weiterentwicklung der Islamischen Welt als hinderlich erweist.
Durchaus vergleichbar der mittelalterlichen katholischen Theologie beobachtet er auch in der innerislamischen Debatte eine Tendenz zu Prüderie und Leibfeindlichkeit, den er besonders im Frauenbild der islamischen Tradition auszumachen glaubt. Wenngleich seine These zu dem Fehlschluss verleiten kann, der Islam als solcher betrachte den Körper und die Sexualität als Sinnbild des Frevels, erscheint es durchaus beachtenswert, die zivilisatorische Weiterentwicklung im Westen mit einem Hinterfragen traditioneller jüdischer und christlicher Körperkonzepte in Verbindung zu bringen und diese kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Körperbild auch der islamischen Gelehrsamkeit nahe zu legen. Als einem der wenigen neuzeitlich islamischen Denker verweist Boutayeb auf den marokkanischen Dichter und Soziologen Abdelkebir Khatibi, der nach der Methode der double-critique sowohl islamische als auch abendländische religiöse Kontrollstrategien des Körpers dekonstruierte. Hierin erkennt er ein Vorbild für einen modernen innerislamischen Diskurs, der Wege in eine freiheitliche unbefangene Gesellschaft weisen kann.
Ebenso wie in der Tabuisierung relevanter Themen wie jenes des Körpers Seitens der sunnitischen Orthodoxie beobachtet Boutayeb auch in der Debatte der selbsternannten “Modernisierer” des Islam in christlich geprägten Gesellschaften Reduktion und Einseitigkeit. Hierin erkennt er vielfach den Versuch, unreflektiert christliche Elemente in den Islam hineinzupressen. Dies betreffe insbesondere den verzweifelten Versuch, dem islamischen Gott das Etikett der “Barmherzigkeit” anzuhaften, und die Gott-Mensch-Beziehung, in Verkennung der göttlichen Vollkommenheit, auf die Ebene der Freundschaftsbeziehung herabzustufen. Er wirft den “christianisierten” westlichen Islamtheologen vor, die Divergenz der islamischen und christlichen Gottesbilder zu ignorieren und das Anderssein auslöschen zu beabsichtigen.
Angemessener Umgang und sich Einlassen auf Andersheit ist für Boutayeb, der sich ausgiebig mit der jüdischen Ethik eines Emmanuel Levinas auseinandergesetzt hat, eine wesentliche Voraussetzung für eine humane Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund kritisiert er auch eine Begegnungsvergessenheit in der islamischen Theologie. Zugleich kennzeichnet er die Suche westlicher Islamwissenschaftler wie Thomas Bauer nach einer prinzipiellen Abiguitätstoleranz in der islamischen Gelehrtenschaft bis zum Beginn des europäischen Kolonialismus als Wunschdenken. Dennoch ist er davon überzeugt, dass die Aufgeschlossenheit gegenüber unterschiedlichen Sichtweisen und Deutungsmustern eine wesentliche Voraussetzung ist, um im islamischen Kontext Pluralismus zur Entfaltung gelangen zu lassen. Sie ist seiner These nach auch Grundlage für eine umfassende Modernisierung der islamischen Gesellschaft, die der syrische Intellektuelle Aziz al-Azmeh mit dem Begriff der “Laizität” beschreibt. Im Gegensatz zu al-Azmeh erfordert Modernisierung für Boutayeb jedoch nicht Religion und Historie auszublenden, sondern den Islam in den Prozess einzubeziehen.

Mohammed Khallouk
Die Rezension ist zuerst am 30.12.2014 bei islam.de erschienen und unter diesem Link zu finden: http://islam.de/24482

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Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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