Der arabische Dauerboykott Israels behindert die eigene Zukunft

Seit der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 hat die arabische Staatengemeinschaft in fünf verlustreichen Kriegen und hernach mit politischem, diplomatischem und ökonomischem Boykott versucht, diesen als „westliche Kolonie auf arabischem Boden“ empfundenen Staat wieder von der Landkarte zu streichen. Während jegliche dieser Versuche kläglich scheiterten, schlossen Ägypten 1978 und Jordanien 1994 Frieden mit Israel.

Gelang es Israel trotz dieses Dauerboykotts seiner umgebenden Staaten wissenschaftlich-technologisch eine weltweite Spitzenposition einzunehmen und auch eine der am weitesten entwickelten Armeen des Globusses aufzubauen, sind die Arabischen Staaten selbst sowohl wissenschaftlich als auch politökonomisch schon seit Jahren von Stagnation gekennzeichnet.

Vielmehr kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der permanente Blick auf das „Feindbild Israel“ die eigene Bevölkerung vom unbefriedigenden Status quo ablenken und damit von Protesten gegen die scheinbar entwicklungsresistenten Herrschaftseliten abhalten soll.
Israel ist demokratischer
Bei aller berechtigten Kritik an der fortdauernden Besetzung der Palästinensergebiete und einer Marginalisierung auch der arabischen Israelis gegenüber den jüdischen Israelis lässt sich nicht bestreiten, dass der Staat Israel erheblich pluralistischer verfasst ist als die meisten Arabischen Staaten, in denen vielfach Gewaltenteilung und Rechtsstaatsprinzip sogar gegenüber Südostasien und dem subsaharischen Afrika noch unterentwickelt sind.
Der unvergleichliche natürliche Ressourcenreichtum in den Golfstaaten hat bisher nicht dazu geführt, dass Analphabetismus und Jugendarbeitslosigkeit dort vollständig der Vergangenheit angehören. Selbst die Opferzahlen politisch motivierter oder religiös gerechtfertigter Gewalt innerhalb der Arabischen Staaten übersteigen die Opferzahlen israelischer Militäroffensiven in den letzten Jahren bei weitem.
Vor diesem Hintergrund scheint die Frage erlaubt, ob die Arabische Welt sich nicht selbst mehr schadet, wenn sie sich weiterhin verweigert, anzuerkennen, dass der Staat Israel eine Realität ist, mit der man sich arrangieren sollte. Der 1999 verstorbene marokkanische König Hassan II. äußerte bereits vor seiner Thronbesteigung in den späten 1950er Jahren, dass die Araber früher oder später nicht umhin kommen würden, Israel anzuerkennen und als Teil der nahöstlichen Staatengemeinschaft in die Arabische Liga aufnehmen sollten.
Ein virtuelles Feindbild
Aus Neugierde, wie die Gesellschaft im Land dieses „Erbfeindes“ tatsächlich aussieht und wie Juden und Israelis sich in der Realität Muslimen gegenüber präsentieren, habe ich selbst eine Reise nach Jerusalem unternommen. Dabei konnte ich im jüdischen Westteil die gleiche menschliche Behandlung erfahren wie im palästinensischen Ostteil.
In der unmittelbaren Begegnung mit Juden und Israelis ist mir bewusst geworden, in welchen Illusionen die arabischen Regime ihre Bevölkerung in Bezug auf Israel über Jahrzehnte hinweg gewiegt haben. Sie haben ein virtuelles Feindbild in den Köpfen ihrer Untertanen aufgebaut, dass es in der Realität ohnehin nicht zu besiegen galt, letztere aber davon abhielt, freiheitliche und progressive Gedanken zu entwickeln.
Ihre weder mit dem Islam noch mit dem modernen Aufklärungsgedanken zu vereinbarenden politischen Systeme ließen sich auf diese Weise zwar eine gesamte Generation hinweg stabil halten, gesellschaftlicher und intellektueller Fortschritt blieben dabei jedoch auf der Strecke. Das traurige Ergebnis zeigt sich nun in religiös gerechtfertigten Extremisten, denen es derzeit gelingt, für ihre menschenverachtenden Ziele in der gesamten Arabischen Welt Anhängerschaft zu finden.
Die Muslime sollten Israel anerkennen
Wie in den vergangenen Jahrhunderten gilt es wieder eine Pilgerfahrt nach Jerusalem zu wagen. Ohne den politischen Anspruch der Palästinenser auf Ostjerusalem einschließlich des dortigen nach Mekka und Media drittwichtigsten Heiligtum des Islam aufzugeben, können Muslime gerade in Jerusalem beobachten, dass eine Koexistenz von Juden und Arabern im Nahen Osten heutzutage wieder erreichbar ist.
Mit diesem Realitätssinn ausgestattet, ließe sich auch im größeren Maßstab eine dem Gemeinwohl dienliche Kooperation zwischen Israelis und Arabern aufbauen. Einige wenige Staaten wie Marokko kooperieren bereits seit Jahren teils geheim, teil offen auf den verschiedensten Gebieten mit Israel – von der Agrarwirtschaft, über regenerative Energien bis zur Meerwasserentsalzung. Für die eigene Entwicklung hat sich diese Kooperation zumeist als förderlich erwiesen. Aber auch dort, wo eine Kooperation mit Israel aussichtslos erscheint, ließe sich zumindest durch die Abkehr von der dauerhaften Fixierung auf das „Feindbild Israel“ mehr Energie für eine Modernisierung des eigenen Gemeinwesens lenken.
EU als Anschauungsbeispiel
In einem demokratisch-pluralistischen und zugleich föderativen Gemeinschaftssystem nach dem Vorbild der Europäischen Union ließe sich zudem das israelische und palästinensische Selbstbestimmungsrecht gleichermaßen verwirklichen. Schließlich fühlen sich Muslime und Juden im christlich dominierten, zugleich aber demokratischen Europa trotz ihres religiösen Minderheitenstatus auch als Bürger mit ihrer jeweiligen Identität respektiert.
Indem die Arabische Staatengemeinschaft Bereitschaft erkennen lässt, den Staat Israel als Realität anzuerkennen, ist der Jüdische Staat auch seinerseits gefordert, den Palästinensern ihr Selbstbestimmungsrecht zuzugestehen. Die israelische Gesellschaft sollte sich daran erinnern, dass der zionistische Gedanke ursprünglich nicht in erster Linie ein geographisches Territorium einer bestimmten, in der Thora beschriebenen Epoche beinhaltete, sondern die Rückbesinnung auf die von Abraham und Moses vermittelte Ethik, die sich auch in Christentum und Islam widerspiegelt. Es ist die Ausrichtung auf den Anderen. Wenn Israel den berechtigten Ansprüchen der Araber und Palästinenser aufrichtig entgegenkommt und diese Israel seine Existenz offiziell zugestehen, können beide Seiten den Satz Martin Bubers mit Leben füllen: Erst mit der Ausrichtung auf das Du findet das Ich seine wahre Identität.

Mohammed Khallouk

Der Artikel wurde zuerst am 10.08.2015 in der Frankfurter Rundschau auf Seite 10 in der Rubrik „Gastbeiträge“ veröffentlicht.

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Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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Eine Antwort zu Der arabische Dauerboykott Israels behindert die eigene Zukunft

  1. echsenwut schreibt:

    Selam!
    Wenn Sie mir vielleicht ein paar wenige (Rand-) Bemerkungen erlauben würden:
    Zunächst stimme ich Ihnen vollumfänglich zu: alle arabischen Nationen sollten Israel anerkennen. Der Staat Israel ist ein Faktum und aus der Realität der Staatengemeinschaft nicht mehr fortzudenken. Allerdings, und ich will hier nicht in die Kiste mit billigem Populismus greifen und ein besonders prominentes Beispiel für meine These nennen, muss nicht nur die arabische, sondern gerade die weltweite Staatengemeinschaft ihre Stimme erheben und „Verbrechen“ nennen, was Verbrechen ist: In den letzten Jahren häufen sich dank elektronischer Hilfsmittel recht überzeugende Beweise vermehrten und wiederholten Übergriffs israelischer Sicherheitsbehörden und des Militärs auf palästinensische Nachbarn und arabische Israelis. In Beantwortung dieser zu beobachtenden Radikalisierung Israels ist kein Griff zur Waffe zu rechtfertigen – und ich gebe Ihnen in sofern Recht, dass der Ruf danach seitens aufgebrachter Extremisten nicht viel besser ist als die Übergriffe es selbst sind. Zumal Attentate und Raketenangriffe nach islamischer Auffassung haram, also verboten sind und somit Sünde darstellen.
    Wir haben in den letzten Generationen so manchen Staat auf dem Wege zur Radikalisierung beobachten und jedesmal registrieren müssen, dass „auf einmal“ hunderte und tausende Opfer zu beklagen und größere Kriege zu führen waren, um solches Blutvergießen zu stoppen. Dies scheint mir hier der Fall zu sein.
    Das israelische Verhalten im Westjordanland und im Gaza-Streifen erscheint mir nicht von allzu starkem Humanismus geprägt; begleitet von populistischer, zuweilen rassistischer Schreierei zahlreicher Spitzenpolitiker in Israel ergibt sich dadurch ein durchaus hässliches Bild.
    Vielleicht fehlt mir ja der tiefe, Ihnen eigene Einblick „vor Ort“, aber Dialoge mit einem Israel führen zu wollen, das Dialoge verweigert, scheint mir die Grenzen der Wirksamkeit von Dialogen zu sprengen.
    Ich stimme Ihnen zu: es sollte keinen militärischen Kampf gegen Israel geben – aber würden auch Sie mir vielleicht darin zustimmen, dass mit Israel um Israel gerungen werden muss?

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