Warum die Muslime heutzutage in Sippenhaft genommen werden können

Nach einer Schweigeminute für die Opfer der Pariser Anschläge vom 13.11.2015 im Biologieunterricht einer Hanauer Schule richtete ein Schüler seinen Finger auf eine kopftuchtragende Mitschülerin und attestierte ihr, wegen ihr seien seine Pariser Verwandten beinahe ums Leben gekommen. Die muslimische Schülerin beschwerte sich bei der Fachlehrerin, die sich aber lediglich zu dem Kommentar hinreißen ließ, die Pariser Attentäter hätten den Islam falsch verstanden. Erst die Intervention eines anderen Lehrers bei den Eltern des Schülers, brachte ihn dazu, sich bei dem Mädchen für seine Beleidigung zu entschuldigen.

Der Junge hatte aus Elternhaus und gesellschaftlichem Umfeld offenbar bereits die Einstellung vermittelt bekommen, der Islam übe prinzipiell Gewalt aus und die Muslime seien Terroristen, die der westlichen Mehrheitsgesellschaft generell den Krieg erklärt hätten. Das Kopftuch war für ihn das Erkennungszeichen einer Muslimin und somit zugleich „Markenzeichen einer Gewalttäterin“.
Sobald sich Kollektivassoziationen einer Personengruppe mit einem bestimmten Verhalten im Bewusstsein festgesetzt haben, reichen sichtbare Erkennungsmerkmale dieser Gruppenzugehörigkeit aus, ihr dieses Verhalten zu unterstellen. Zudem wird jedes Individuum, das dieser Gruppe mutmaßlich angehört, für ein verabscheuungswürdiges Verhalten anderer Gruppenmitglieder in Sippenhaft genommen. Wenngleich dem Hanauer Jungen bewusst gewesen sein muss, dass seine Mitschülerin zur Tatzeit weder in Paris gewesen sein kann, noch er irgend einen Hinweis auf eine Beziehung von ihr zu einem der Täter haben konnte, haftete er dem Mädchen ein „Täterprofil“ an. Allein ihr Muslimsein, offenbart durch das Tragen des Kopftuchs, reichte ihm dafür aus.
Die Erklärung der Biologielehrerin, ein falsches Islamverständnis habe die Pariser Attentäter zu dieser Gewalt getrieben, war zwar sachlich korrekt, konnte den Jungen jedoch nicht von seiner Pauschalverurteilung der Muslime abbringen. Für ihn hatte demnach jeder, der sich heutzutage zum Islam bekennt – zumindest jede kopftuchtragende Frau, ein solches „falsches Islamverständnis“. Es genügt nicht, zu vermitteln, der Islam könne auf verschiedene Weise verstanden werden, stattdessen verlangt es darauf hinzuweisen, dass die überwiegende Mehrheit der hier lebenden Muslime ihre Religion friedlich praktiziert und erst durch Pauschalisierungen dieser Art das Gefühl erhält, ausgegrenzt zu werden, in Opposition zur Mehrheitsgesellschaft getrieben wird, die sich im Extremfall auch bis zur Gewaltanwendung steigern kann.
Wenn sich Lehrkräfte und andere Einfluss besitzende Autoritäten dieser Gesellschaft, vor allem aus Politik und Medien, nicht in der Lage sehen, verbreiteten Voreingenommenheiten entgegenzuwirken, sie teilweise sogar noch fördern, erscheint es nicht verwunderlich, dass sich Stereotypen festsetzen. Die neuzeitliche Judenfeindschaft hat sich ebenfalls erst durch Kampagnen der Massenmedien in breiten Gesellschaftsschichten eingenistet. Reichte daraufhin ein hebräischer Namen aus, die Assoziation mit Ausbeuterei und Schmarotzertum zu erwecken, genügt heutzutage mancherorts ein Kopftuch, die subjektive Verbindung zu Gewalt und Terrorismus herzustellen. In solch aufgeheizter Stimmung haben Demagogen leichtes Spiel. Gewalt gegen deutsche Diplomaten, ausgehend von Juden – übrigens auch in Paris – diente im November 1938 der SS dazu, die Juden pauschal als „Tätervolk“ zu verfemen und in einer Nacht sämtliche Synagogen im damaligen Deutschen Reich als „Racheakt“ zu zerstören. Ohne die bereits existierenden Ressentiments gegenüber Juden hätten die Nationalsozialisten für solches Verhalten keine Resonanz gefunden und ohne ein bereits vorhandenes „Feindbild Muslim“ könnten Rechtspopulisten wie PEGIDA oder die AFD für ihre islamfeindliche Propaganda keine Zustimmung erfahren.
Konnte die damalige Judenfeindschaft nicht allein durch die deutsche Niederlage im Zweiten Weltkrieg überwunden werden, sondern bedurfte vor allem anderer Leitbilder im Erziehungswesen, verlangt auch die heutige Islamfeindschaft von jeglichen gesellschaftlichen Funktionsträgern, ihrer diesbezüglichen Verantwortung gerecht zu werden. Ein Schritt hierzu wäre es, Kommissionen zu bilden, in denen auch anerkannte Repräsentanten der Muslime vertreten sein müssten, die den akademischen und medialen Diskurs in eine Richtung lenken, die Gesellschaft zusammenzuführen anstatt zu spalten. Erst wenn sämtliche gesellschaftlichen Autoritäten von Schulen über Universitäten bis hin zu Kirchen und Parteien den Muslimen ihre aufrichtige Wertschätzung entgegenbringen und das bereits existierende Miteinander von Muslimen und Nichtmuslimen stärker als bisher hervorheben, lassen sich auch Feindbilder aus den Köpfen des europäischen Durchschnittsbürgers herauslösen.
Mohammed Khallouk

Veröffentlicht wurde der Artikel zuerst am 25.11.2015 unter http://www.div-rm.de/warum-muslime-heutzutage-in-sippenhaft-genommen-werden-koennen/

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Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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