Grußwort des stellvertretenden ZMD-Vorsitzenden Mohammed Khallouk zu 60 Jahre Marburger Muslime und 30 Jahre Marburger Moschee

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
bereits seit dem 16. Jahrhundert hat sich Marburg als Standort des interreligiösen Dialoges einen Namen erworben. Damals erkannte Philipp der Großmütige, dass die sich abzeichnenden theologischen Differenzen innerhalb des soeben hier heimisch gewordenen protestantischen Christentums nicht durch Krieg und gewalttätige Auseinandersetzungen überwunden werden konnten. Es bedurfte des Dialogs bei gegenseitigem Respekt für die Sichtweise des Anderen. Daraufhin wurden regelmäßig Dialoge über Glaubens- und Weltanschauungsfragen in dieser Stadt geführt. In der Marburger Gesellschaft verfehlte diese fürstlich geförderte Aufgeschlossenheit für den Glauben und die Weltanschauung von Anderen ihre Wirkung nicht. Schon bald zeigte man sich bereit, auch Katholiken und Juden in Marburg wieder ihren Platz einzuräumen.
Seit nunmehr sechzig Jahren zählt auch der Islam zum elementaren Bestandteil der aktiven Marburger Zivilgesellschaft.

Die universitäre Infrastruktur brachte es mit sich, dass unter den nach Marburg hineingelangten Muslimen Studenten und Akademiker einen überdurchschnittlichen Anteil einnahmen, doch selbstverständlich fand auch mancher sogenannte „Gastarbeiter“ muslimischen Glaubens hier seinen neuen Lebensmittelpunkt. Ebensowenig wie unterschiedliche Bildungsstände und gesellschaftliche Hintergründe das Zusammenfinden als Marburger Muslimische Gemeinde behinderten, zeigte sich auch die christlich-jüdisch geprägte Marburger Mehrheitsgesellschaft der neu in ihrer Stadt beheimateten Religion und ihren Anhängern gegenüber als kalt und abweisend. Islamophobe Tendenzen, die anderenorts in Deutschland und Europa zur Zeit erschreckende Ausmaße angenommen haben, sind in Marburg bis heute überschaubar geblieben.
Vor diesem Hintergrund stieß man sich auch nicht daran, dass Muslime in ihrer Mitte eigene Vereine gründeten und sich bereits vor dreißig Jahren mit einer eigenen Moschee ins städtische Gemeinderegister eintrugen. Mit Sechzig Jahren Marburger Muslime und Dreißig Jahren Marburger Moschee gibt es heute gleich zwei bedeutende Jubiläen zu feiern, mit denen sich zugleich die Stadt selbst und die Weltoffenheit ihrer Bewohner zu Recht feiern darf. Indem nun auch die neue Moschee Bei St. Jost mehr und mehr Gestalt annimmt, demonstrieren die Marburger Muslime, dass sie ihre Religion nicht nur als Individualglauben im Hinterhof, sondern als sichtbaren Bestandteil der städtischen Gesellschaft und ihrer Kultur zu praktizieren bereit sind.
Sechzig Jahre Marburger Muslime und Dreißig Jahre Marburger Moschee sind deshalb nicht einfach Eckdaten einer städtischen Chronologie, sondern weit mehr Sinnbild einer pluralen, jedoch zugleich religiösen Werten verpflichteten Stadtgesellschaft. Es ist ein Markenzeichen für gepflegte Gemeinschaft, eine Gemeinschaft von Muslimen, die sich nicht um sich selbst drehen, sondern ganz Marburg an ihrem religiösen Leben teilhaben lassen.
Unvergessen sind die in den letzten Jahren von den Marburger Muslimen in der Innenstadt aufgebauten Ramadanzelte mit zahlreichen Veranstaltungen und allabendlichen Fastenbrechen, die Jung und Alt, Muslim und Nichtmuslim in dieser Stadt als erbaulich erlebt haben.
Das Doppeljubiläum ist für die Muslime in Marburg deshalb auch eine Gelegenheit, Dank zu sagen. Der Dank gilt natürlich in erster Linie den eigenen Gemeindegliedern, die all ihre Kräfte im Sinne ihrer Marburger Mitbürger einsetzten. Der Dank gilt aber ebenso den politisch Verantwortlichen in Marburg, die den Muslimen bei ihren der Gesamtgesellschaft dienenden Vorhaben die Unterstützung angeboten haben. Nicht zuletzt gilt der Dank aber auch den zahlreichen Akteuren aus der Marburger Zivilgesellschaft, die trotz ihres anderen Glaubens die Muslime eingeladen haben, mit ihnen gemeinsam im Dienste eines menschlichen Miteinanders in dieser Stadt sich zu engagieren.

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Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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