Grußwort des stellvertretenden ZMD – Vorsitzenden Mohammed Khallouk zur Tagung „Friedliches Zusammenleben in Afrika im Geiste Abrahams“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Hochwürdigster Herr Bischof Dr. Fürst, sehr verehrte Leitung der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, sehr verehrtes Team von Pactum Africanum, liebe Tagungsteilnehmerinnen und Tagungsteilnehmer,
im Namen des Zentralrats der Muslime in Deutschland möchte ich den Veranstaltern herzlich danken, dass Sie das friedliche Miteinander der abrahamitischen Religionen einmal mehr zum Gegenstand der Tagung erhoben haben. Das gilt besonders in diesen schwierigen Zeiten, in denen religiös gerechtfertigte Gewalt, vor allem bezogen auf Afrika einen überdimensionalen Stellenwert in unseren Medien einnimmt. Ebenso richtet sich mein Dank an all jene, die hier nach Stuttgart gekommen sind, um das den Religionen innewohnende Potential für eine friedliche Fortentwicklung Afrikas in kontroversen Diskussionen herauszustellen.

Für uns Muslime stellt Afrika historisch gesehen den Ort eines der ersten ernsthaften interreligiösen Dialoge und eine der ersten Begegnungsstätten mit dem Judentum und Christentum dar. Während der Prophet Mohammed und seine Gefährten aufgrund ihres Glaubens aus ihrer damals noch heidnisch geprägten Heimatstadt Mekka fliehen mussten, zeigte sich der christliche König von Äthiopien großherzig, erkannte die gemeinsame Wurzel des Islam mit seiner eigenen Religion und bot etlichen dieser ersten Muslime in seinem Herrschaftsgebiet auf der anderen Seite des Roten Meeres Asyl.
Wenngleich sowohl Herrscher als auch führende Elite Äthiopiens an ihrer eigenen Religion weitgehend festhielten und die bestehenden Differenzen zwischen Islam, Judentum und Christentum offen zum Ausdruck brachten, trat man miteinander in einen ernsthaften Dialog ein. Man versuchte nicht, das Gegenüber mit allen Mitteln von der eigenen Sichtweise zu überzeugen, sondern brachte ihm seine Ehrerbietung entgegen. Diese Erfahrung trug bei den frühen Muslimen zweifellos mit dazu bei, die Wertschätzung, die ihre Religion den beiden älteren Buchreligionen gegenüber einfordert, auch emotional zu verinnerlichen.
Dieses respektvolle Miteinander der drei abrahamitischen Religionen blieb in weiten Teilen Afrikas auch noch bestehen, als man sich nördlich des Mittelmeers als Feinde zu betrachten begann. Aufgehetzt durch mittelalterliche Demagogen, marschierten im damaligen Oxident große Heere brandschatzend und mordend in das von der jeweils anderen Religion dominierte Gebiet ein und suchten den Menschen dort mit Feuer und Schwert die „einzige Wahrheit“ aufzuzwingen.
Auch die Unterwerfung Afrikas unter ihre Herrschaft im Neuzehnten Jahrhundert legitimierten die europäischen Mächte zum Teil religiös, zumindest aber kulturalistisch. Im Widerstand dagegen zeigte sich der „schwarze Kontinent“ jedoch weitgehend geeint. Muslime, Christen und Juden kämpften Seite an Seite für die Befreiung von politischer Bevormundung und Fremdherrschaft. Die Religion gab ihnen die innere Kraft, für ihre Würde als mündige Bürger eines freien Afrikas einzustehen.
Aus Europa hineinimportierte Ideologien, die darauf abzielten, die Religion vollständig aus dem öffentlichen Raum herauszudrängen, brachten im politisch unabhängigen Afrika anschließend aber nicht den ersehnten Frieden. Stattdessen folgten Jahrzehnte der Unterdrückung, Tyrannei und des Bürgerkrieges. Dieser auf indirekte Weise fortgeführte westliche Imperialismus dient aktuell terroristischen Bewegungen in verschiedenen Teilen Afrikas als Rechtfertigung, ihre archaischen Vorstellungen von Religion und Gesellschaftsordnung mit Gewalt zur alleinigen Gültigkeit zu erheben.
Davon abgesehen leiten jedoch zahlreiche zivilgesellschaftliche Akteure ihre Motivation und Legitimation für den Einsatz im Sinne eines humanen Fortschritts in Afrika aus der Religion ab. Nicht wenige davon sind vom islamischen Gemeinschaftsbewusstsein getragen. Im vorherrschenden westlichen Diskurs und von einem Teil der afrikanischen Herrschaftselite werden jene Kräfte bisweilen als „Islamisten“ abgestempelt und in ihnen eine „Gefahr“ für die afrikanische Gesellschaft heraufbeschworen.
Wie dem Programm dieser Tagung zu entnehmen ist, hängen die Initiatoren dieser beschränkten Sichtweise offensichtlich nicht an. Stattdessen scheinen sie in der Lage zu sein, im islamistischen Spektrum ebenso zwischen gemäßigten und radikalen Bewegungen zu differenzieren wie zwischen reaktionären und progressiven Strömungen innerhalb des Christentums.
Ich wünsche mir für diese drei Tage hier in Stuttgart fruchtbare Debatten, die eine Perspektive für den zutiefst religiös geprägten afrikanischen Kontinent aufzeigen. Getragen von der jeweils eigenen religiösen Ethik und aus der Verinnerlichung der Argumente des Anderen, erfordert es eine Wegmarke für eine humane Entwicklung einzuschlagen. Ziel sollte ein Afrika sein, das aus seinem eigenen Erbe heraus, welches nicht zuletzt in der Begegnung von Judentum, Christentum und Islam auf Augenhöhe liegt, die angemessenen Konzepte für seine Zukunft selbst erkennt.

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Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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