Wenn Europa seine Werte unter die Räder geraten lässt

Pluralität und Multikulturalität gelten als die wichtigsten Markenzeichen des modernen Europa. Die europäische Elite ist stolz darauf, dass ihre Gesellschaft mit dem Christentum, dem Judentum, der antiken griechischen Philosophie und der neuzeitlichen Aufklärung auf mehreren Säulen fußt. Der Einfluss des Islam des mittelalterlichen Andalusiens war zwar ebenfalls bedeutend, wird aber nur selten für die geistige Entwicklung als wesentlich erwähnt. Noch weniger wird den seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts in beträchtlicher Anzahl in Europa lebenden Muslimen ein Beitrag zur humanen Fortentwicklung der Gesellschaft zugestanden.
Wenngleich in Deutschland beginnend mit dem damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff 2010 dem Islam und den Muslimen mittlerweile von höchster Ebene zugebilligt wird, zur Gesellschaft hinzuzugehören, existiert kaum eine Minorität, die nicht nur Seitens rechtslastiger Propagandisten, sondern auch einiger renommierter Journalisten und viel zitierter Intellektueller immer wieder zur „Gefahr“ für die Demokratie und das kulturelle Erbe des Abendlandes dargestellt wird.
Diese stereotyp mit Muslimen assoziierte Bedrohung für die Mehrheitsgesellschaft ist bereits so tief sitzend, dass nichtmuslimische Gewaltverbrecher wie der Attentäter auf den BVB-Bus im März diesen Jahres sich glauben, hinter der Maske radikaler Islamisten verstecken zu können. Mehr noch ist damit aber eine Stimmung erzeugt worden, in der Muslime und islamische Symbolik eine Zielscheibe von Hass und Gewalt geworden sind. Die in letzter Zeit regelmäßig verübten Sachbeschädigungen an Moscheegebäuden oder Beleidigungen von Kopftuchträgerinnen auf offener Straße werden bereits als Routine wahrgenommen und tauchen – wenn überhaupt – nur als Kurzmeldungen in Lokalnachrichten auf. Der Terminus „Terrorismus“, der bei mutmaßlich von einem Muslime verübter Gewalt leichtfertig in Schlagzeilen aufgenommen wird, findet bei Muslimen als Opfer selbst bei Anschlägen mit Toten und erklärter Tötungsabsicht des Täters nur selten Gebrauch. Als kürzlich in London aus einer Moschee herauskommende Muslime mutwillig von einem Auto überfahren worden sind, werteten einige Medien dies nicht einmal als „Attentat“, sondern lediglich als „tragisches Ereignis“, als hätte es sich um eine menschlich unbeeinflusste Naturkatastrophe gehandelt.
Mag bei dem einzelnen Autor hinter dieser Berichterstattung das Bewusstsein stecken, mit einer vielleicht angemesseneren Wortwahl den Tätern zu viel Aufmerksamkeit zu gewähren und muslimische Gegengewalt geradezu heraufzubeschwören. Die Muslime ihrerseits bekommen dadurch das Gefühl vermittelt, für die Verantwortungsträger in Sicherheitskräften und Medien nicht als vollwertige Mitbürger, geschweige denn als minoritäre Gemeinschaft, die staatlichen Schutz verdient hat, angesehen zu werden. Der Minderheitenschutz, auf den das politische Europa in anderem Zusammenhang stets mit Stolz verweist, wird hierbei de Fakto zum selektiven Wert degradiert.
Wer weder vom Staat seine Sicherheit gewährleistet noch sich von der Mehrheitsgesellschaft als gleichwertig geachtet wahrnimmt, ist kaum bereit, sich aktiv für das gesellschaftliche Miteinander einzusetzen. Stattdessen tendiert er zum Rückzug in die Passivität, im Einzelfall kann sich daraus sogar eine Radikalisierung entwickeln. Die gesunkene Bereitschaft vieler europäischen Muslime, sich an öffentlichen „Kundgebungen gegen Terrorismus“ zu beteiligen, resultiert nicht zuletzt aus dem Bewusstsein, hierbei in erster Linie als „potentielle Täter“ nicht aber als „Opfer“ angesehen und stigmatisiert zu werden.
Die nachgewiesen hohe Akzeptanz demokratischer Institutionen wie Parteien, Parlamente und gewählte Amtsträger bei in Europa lebenden Muslimen demonstriert, dass diese sich mehrheitlich nach wie vor mit den „Europäischen Werten“ identifizieren. Je mehr sie jedoch den Eindruck gewinnen, diese Werte gelangen durch jene Institutionen selbst „unter die Räder“, desto mehr breitet sich unter ihnen ein partizipationsfeindliches Klima und Fundamentalopposition aus.
Wer ein ernsthaftes Interesse daran besitzt, den Geist des Humanismus, auf dem Aufklärung und die neuzeitliche Fortschrittlichkeit in Europa gründen, auch künftig spürbar werden zu lassen, ist verpflichtet, eine aktive Politik zum Schutz und zur gesellschaftlichen Teilhabe der Muslime zu betreiben. Der erste Schritt dorthin ist, Islamfeindlichkeit in gleichem Maße wie Antisemitismus und Judenhass bei Einstellungen und Handlungen öffentlich zu quantifizieren. Weiterhin gilt es, islamfeindliche Motive vergleichbar dem Rassenhass auch im Strafrecht gesondert zu berücksichtigen. Der wichtigste Schritt aber stellt eine Selbstverpflichtung an Medien und Repräsentanten des öffentlichen Lebens dar, in ihrer eigenen Sprache jegliche Sonderbehandlung von Muslimen gegenüber Nichtmuslimen auszuschließen. Diskriminierung fängt nicht erst dort an, wo jemanden bestimmte Rechte oder Ressourcen vorenthalten werden, sondern bereits dort, wo man in der Selbstwahrnehmung nicht einer als „gleichwertig“ geltenden Personengruppe zugeordnet wird.
Indem die Muslime erfahren, ihrerseits mit allen ihrer minoritären Religion entstammenden Ansprüchen Beachtung zu finden, werden sie sich auch noch stärker dazu bereitfinden, anderen Weltanschauungen und Lebensentwürfen Empathie entgegenzubringen. Selbst Verhaltensweisen, die sie für sich selbst vielleicht zurückweisen, werden ihren Respekt finden, denn die Muslime erkennen das freiheitliche europäische Wertefundament mit der eigenen Ethik insgesamt als kompatibel an.
Mohammed Khallouk

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Über mohammedkhallouk

Herzlich Willkommen auf dem Blog von Mohammed Khallouk. Auf den folgenden Seiten erhalten Sie einen Überblick über meine publizistischen und akademischen Aktivitäten: Ich bin Politologe, Arabist und Islamwissenschaftler. Schwerpunktmäßig beschäftige ich mich mit dem Verhältnis von Religion und Politik sowie zwischen Westen und Islamischer Welt. Ich habilitiere über die jüdische Minderheit in Marokko an der Universität der Bundeswehr München. Außerdem bin ich Beauftragter für wissenschaftliche Expertise des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). wissenschaftliches Profil: • 1993-1997 Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Mohammed V. – Universität Rabat/Marokko • 1999-2003 Studium der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Französisch und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • 2004-2007 Promotion in Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg • Seit 2009 Habilitation im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität der Bundeswehr München • 2008-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Politische Theorien und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg • 2010-2011 Lehrbeauftragter im Bereich Staat, Religion und Geschichte an der Universität der Bundeswehr München Forschungsschwerpunkte: • Das Verhältnis von Islam und Moderne • Kulturdialog zwischen Westen und Islamischer Welt • Lösungsstrategien zu Konflikten der MENA-Region • Das arabische Judentum in Historie und Gegenwart • Integration der muslimischen Minorität in Deutschland • Der deutsche Mediendiskurs über Islam ausgewählte Beiträge und Publikationen: • Der Nahe Osten am Scheideweg – Haben Israelis und Palästinenser noch eine Chance zu friedlichem Zusammenleben; LIT-Verlag, Münster 2003 • Islamischer Fundamentalismus vor den Toren Europas – Marokko zwischen Rückfall ins Mittelalter und westlicher Modernität, VS Verlag, Wiesbaden 2008 • Die Orientierung am Wort Gottes als Fundament unendlicher menschlicher Kreativität, lamed, Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus, 5 6, Februar 2010 • Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog, Information Philosophie 2/2010, Mai 2010 • 1001 Fremder im Paradies, Mediterranes 2/2010 • Die deutsche Orientalistik der Gegenwart – Vermittler gesellschaftlicher Erkenntnis oder Instrument wissenschaftlicher Bestätigung islamfeindlicher Ressentiments? Ein Dialog mit Udo Steinbach, Aufklärung & Kritik, Heft 39, Juli 2011 Informationen über meine Lehrveranstaltungen finden Sie auf der Website der Philipps-Universität Marburg http://www.uni-marburg.de/studium und auf der Website der Universität der Bundeswehr München http://www.unibw.de/startseite/ Kontakt: mohammed.khallouk@yahoo.de Die Links in diesem Blog geben nicht die Meinung des Betreibers wieder. Sie werden zu wissenschaftlichen und Informationszwecken publiziert.
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